Tibet (6/97), TASCHI TELEK!
Gerade aus Tibet nach Nepal zurückgekehrt,
möchte ich meine Eindrücke und einige Reiseempfehlungen für
Individualtouristen schildern.
In Wien erhält man innerhalb einer Woche ein
Chinavisum für S 300.-, wobei man nicht angibt, daß man nach
Tibet reisen möchte.
Damit ausgestattet, reisten wir nach Nepal. In
Kathmandu erfährt man nichts über die Reisemöglichkeit nach
Tibet. Reiseveranstalter erklären lediglich, daß es unmöglich
ist individuell nach Tibet zu reisen(=natürlicher
Geschäftssinn). So fahren wir eben einfach darauflos an die
Grenze. Am Busbahnhof in Kathmandu erhält man für NRS 50.- (öS
10.-) ein Busticket Richtung Kodari. Wir stiegen um 06.00 h in
den Bus und mußten umsteigen, was noch einmal NRS 50.- kostete.
Es ist allerdings sogar möglich, einen
Expressbus für Touristen direkt an die Grenze zu nehmen (ca. NRS
150.- bis 200.-).
Jedenfalls erreichten wir am Nachmittag die
Grenze in Kodari, wo es klarerweise wichtig ist, trotz des
Gedränges von Händlern und Pilgern den Ausreisestempel in den
Pass eintragen zu lassen. Um von Kodari über einen Berg nach
China, in den Grenzort Zhangmu zu gelangen, überquerten wir eine
längere Brücke. An deren Ende befindet sich eine flüchtige
chinesische Passkontrolle, bereits hier sollte man die Suche nach
einer Mitfahrgelegenheit Richtung Grenzort beginnen. Man muß
dabei hart verhandeln, denn die Monopolstellung der wenigen
LKW-Fahrer läßt diese überhöhte Preise verlangen. Wir wissen
nun, daß der Fußweg in die Ortschaft ca. 1,5 - 2 Stunden dauert
und sehr anstrengend ist...
Am Grenzposten Zhangmu gaben wir lediglich
unsere Pässe ab, denn die Zöllner wollten nichts mehr arbeiten,
da es schon Abend war. Wir wurden nicht durchsucht, sondern nur
für den nächsten Morgen zum Grenzposten zitiert. So wäre es
ziemlich einfach, Bilder des Dalai Lama einzuführen, dachten
wir. Andererseits trafen wir Touristen, die am Check-point Tingri
(auf der Strecke Richtung Lhasa) penibel durchsucht worden sind.
Zwar wurden deren versteckte Bilder und Sticker nicht gefunden,
doch der Reiseführer "Lonely Planet" wurde
beschlagnahmt - wegen eines Bildes des Dalai Lama darin!
Jedenfalls ist es nicht besonders riskant, die so begehrten
Bilder mitzunehmen; auch ist das Verschenken der Bilder nicht so
schwierig, da man oft Gelegenheit hat, fragenden und bittenden
TibeterInnen ohne Gefahr für sie ein wertvolles Portrait ihrer
exilierten Führungspersönlichkeit zuzustecken.
In Zhangmu sollte nicht gleich im erstbesten
(=schlechtesten) chinesischen Hotel übernachtet werden. Nach
kurzem Suchen fanden wir einen netten Tibeter, der zwei Kurven
oberhalb der Grenze uns eine einfache
Übernachtungsmöglichkeiten für U$ 3.- anbot. Dort konnten wir
auch essen. Er half uns am nächsten Morgen bei den
Einreiseformalitäten und war uns beim Aushandeln des Preises
für den Jeep behilflich. (Auch die Einreiseformalitäten am
nächsten Morgen waren dank seiner Unterstützung wirklich sehr
einfach.)
Danach mußten wir das Travel Permit für die
eigentlich gesperrte Zone bis Schiangtse besorgen. Gleich nach
dem Grenzposten ist ein häßliches chinesisches Hotel, in dem
sich das gesuchte Office befindet. Das Papier kostete U$ 30.-,
danach eine Kurve weiter zur nächsten Behörde, um 10 Yuan
(=S12,50) erstanden wir das Aliens Permit. 10 km nach Zhangmou
war die Straße - wie so häufig - durch einen Erdrutsch
versperrt.
Daher war die erste Jeepfahrt (200 Yuan für
einen Toyota) schon bald zu Ende, zu Fuß überquerten wir die
Moräne. Erst danach konnten wir - etwas außer Atem! - mit
wartenden Landcruiserfahrern mit Händen und Füßen und
sonstigen Dolmetschmöglichkeiten über den zunächst absurd
hohen Preis für die Fahrt nach Lhasa verhandeln. Es ist dabei
wichtig, sich den Wagen genau anzusehen (z.B. Stoßdämpfer) und
alles am Besten schriftlich auszumachen. Zu guter Letzt zahlten
wir U$ 75.- pro Person für die 6-tägige Fahrt. Es ist aber
besser, sich für diese unglaublich interessante Strecke länger
Zeit zu lassen. Nebenbei bemerkt: auch die Anpassung an die Höhe
dauert seine Zeit.
Unsere Route führte über Nylam,Tingri,
Yakaya, Schiangtse, Gyangtse nach Lhasa.
Schon bald konnten wir feststellen, daß die
Tibeter wirklich nette, immer lächelnde Menschen sind. So auch
in unserem Wagen: hier fand noch eine Nonne Platz, die wir zur
Fahrt nach Lhasa einluden. In Englisch erzählte sie, daß ihr
Kloster 10 Tagesreisen nordwestlich von Lhasa liege. Sie befand
sich gerade auf der Heimreise von einer Pilgerfahrt nach
Dharamsala, wo sie mit dem Dalai Lama in seinem Exil kurz
zusammengetroffen war. Sie war überglücklich und betete fast
die ganze Zeit. Bei den Checkpoints der chinesischen Armee hatte
sie keine Schwierigkeiten, auch wir mußten nicht allzuviel
auspacken.
In Orten wie Schiangtse lärmte sowohl am Abend
als auch um 09.00 h früh die chinesische Propaganda. In Lhasa
angekommen, nahm uns der Widerspruch zwischen tibetischer Kultur
und chinesischer Okkupation gefangen. So sind wir ganz sicher,
daß das "normale" Leben im Potala- und im Sommerpalast
Fassade sind. Beide sind fest in chinesischer Hand. Es gibt aber
auch die Möglichkeit, das echte Tibet zu erleben. Uns gelang
dies im wirklich netten Kloster Paboron in der Nähe des Sera.
Wir wurden hier zu Buttertee und Tsampa eingeladen (für harte
Naturen). Wir saßen mit den Mönchen beim Gebet, das ging unter
die Haut! Im Gespräch erfuhren wir einiges über die
Repressalien der chinesischen Besatzer. So ist es in Klöstern
oft Pflicht, ein Bild des von China aufgezwungenen Panchen Lama
(geistiges Oberhaupt der Tibeter) aufzustellen. Mönche sagten
mir: "Den erkennen wir nicht an, wir warten eben bis zur
nächsten Wiedergeburt."
Es ist auch wieder möglich, eine Pilgerfahrt
nach Ganden zu unternehmen. Die kleine Stadt wird fleißig
wiederaufgebaut. Übernachten ist allerdings verboten.
In einem Nonnenkloster nahe des Seraklosters
erblickten wir freudig überall Bilder des Dalai Lama. Das
Gleiche gilt für viele Gasthäuser in dem Pilgerort.
Um nach China zu reisen, gibt es ab Lhasa
einerseits Busse (auch Schlafbusse) nach Golmud im Norden, oder
aber die Flugverbindung nach Chengdu im Osten bzw. nach Kathmandu
im Süden.
Wir besorgten uns ein Flugticket im Tibethotel
(Untergeschoß) um rund öS 1300.-, zu zahlen in Yuan, und
landeten - von den Tibetern begeistert, von der Unterdrückung
entsetzt - wieder in Nepal. -G.W.-
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