TIBET
Hier, irgendwo zwischen Lhasa und der Grenze zu Nepal, in diesem Dorf nicht weit vom Qomolangma, dem höchsten Berg der Welt, beweisen uns tibetische Frauen, welche Kraft sie besitzen. Wir sind zwar für (fast) alle Fälle sehr gut vorbereitet, trotzdem werden wir bald in der Falle sitzen. Meine Frau und unsere beiden Kinder steigen nicht aus dem Toyota Landcruiser aus. Ich bin mit der Kamera unterwegs und nütze den Konflikt, um in der allgemeinen Verwir-rung Bilder zu schießen, die sonst nur unter großem Zeit-aufwand in den Kasten zu bekom-men sind. Niemand achtet auf mich. Die einheimischen Frauen sind mit dem Abbau einer kleinen Steinbrücke be-schäftigt auf der die Vorderrädern des vordersten Autos hilflos und gleichzeitig bedroht stehen. Laut und aggressiv schreien die Frauen auf unseren Fahrer und seinen Begleiter ein, daß das Passieren dieses Weges nicht erwünscht sei, da könnte ja jeder Wagen durch ihr Dorf kommen. Ihre Männer stehen mit offenem Mund daneben, scheinbar froh, daß sich die Energie der Frauen nicht gegen sie richtet. Unser Fahrer versucht, den Abbau der Brücke zu verhindern, denn wie gesagt, wir sitzen sonst in der Falle.
Zwischen Golmud bis Lhasa werden alle Lkw regelmäßig kontrolliert, damit die vorgegebenen Gewichts-beschränkungen nicht über-schritten werden. Nach der Hauptstadt gibt es diese Kontrollen nicht mehr und die Ladungen von drei Lkws werden aus Kostengründen auf zwei umgepackt. Die Piste ist jedoch für solch überladene Fahrzeuge nicht ausreichend befestigt. Obwohl eine Mann-schaft von sechs bis zehn Menschen permanent für die Reparatur von je zehn Kilometer Pistenstrecke zur Verfügung steht, ergeben sich dauernd Probleme. Auf der Hauptpiste hatte sich ein überladener Lkw in den Schlamm eingegraben. Des-halb ist sie sicher für Stunden unpassierbar, stellt unser Fahrer fest. So schlägt er vor, durch das kleine, uns jetzt wohl-bekannte Dorf auszuweichen.
In Shigatse waren wir zu Dritt im Konvoi losgefahren und hatten schwierige Situationen hinter uns gebracht. Mehrmals mußten wir anpacken, um die Jeeps wieder flott zu kriegen, aber hier bei den Frauen waren wir vier Österreicher hilflos. Ich lege den nächsten Film ein und fotografiere was das Zeug hält, die Kinder und meine Frau gesellen sich schließlich zu mir. Unsere Sympathien sind eindeutig bei den Einheim-ischen. Zu Hause in unserem Dorf südlich von Wien hätten wir auch gerne weniger Durchzugsverkehr. Wir setzen uns auf einen Felsen und beginnen zu diskutieren. Meine Frau meint kurz und eindeutig: "Tibet, einmal und nie wieder!" Die Kinder fragen: "Was machen wir überhaupt hier?"
Ja, was machen wir überhaupt hier?
Geplant war eine vierwöchige Trek-king-tour in Nepal, ins Dolpo-Gebiet. Dafür hatten wir alles mitgebracht. Von Öster--reich aus nahmen wir via Internet Kontakt mit einem in Kathmandu lebenden Schwei-zer auf. Er arbeitet dort seit fünf Jahren für eine Hilfsorga-nisation. Sofort nach unserer Ankunft mit dem Nonstopflug Wien - Kathmandu trafen wir uns mit ihm. Stolz führte er uns durch "sein" Haus, in dem versucht wird, Straßenkindern zu helfen. Am Abend erklärte er, eine Trekkingtour in Dolpo sei gefährlich. Maoisten proben in den abgelegenen Bergen den Aufstand und bekämpfen in diesem Gebiet die Organe der Zentralregierung. Zwischen die Fronten zu geraten wäre nicht ratsam. Eine Rückfrage bei der Deutschen Botschaft nach der Lage in Dolpo bestätigte diese Aussagen. Traurig verabschie-deten wir uns geistig von Dolpo und überlegten, was in der Monsunzeit noch machbar wäre. Natürlich schauten wir uns in den Nachdenk-pausen die Sehens-wür-digkei-ten des Kath-man-du-tales an. Der Dur-bar Square in Kathmandu, eine Pro-zes-sion zu Ehren des Regen-got-tes in Patan und die Altstadt von Bhaktapur begeis-terten uns. Aber der Pashupatina Tempel beein-druckte uns am meisten. Hätte man bloß Zeit für die Besichtigung eines einzigen Platzes im Kathmandutal, der mystische Hindutempel mit seinen Ghats wäre dieser Platz.
Immer wieder diskutieren wir auch über eine Reise nach Tibet, bald so intensiv, daß wir uns die teure "Eintrittsgebühr" in Form eines Tibet Permits und eines Tickets nach Lhasa leisten und am Dienstag im Flugzeug sitzen. Das chine-sische Visum hatten wir bereits aus Wien mitgebracht. Da nur Gruppen von mindestens fünf Personen eine Einreise-genehmigung nach Tibet bekommen, hat der Schweizer Bekannte auch noch eine fünfte Person aufgetrieben, eine kalifornische Studentin. Am Flughafen von Lhasa wartet sie vergeblich auf ihren tibetischen Lehrer, der sie abholen sollte, deshalb fahren wir zu fünft ins 90 km entfernte Lhasa und quartieren uns im Yak Hotel in der tibetischen Altstadt ein. Die Fahrt durch Lhasa bereitet uns allen einen Schock. Natürlich haben wir "Sieben Jahre in Tibet" gelesen und natürlich haben wir Bücher von und über Alexandra David Neil gelesen, aber was haben die Chinesen aus diesem Lhasa gemacht? Wäre da nicht der Potala - es wäre eine Stadt wie jede andere chinesische Stadt "unten" in China auch!
Beim Besuch des Potala werden wir von einer Europäerin zwangsbelehrt, daß sie mit ihren Kindern, so lange diese klein waren, nur in Italien am Meer Urlaub gemacht hat. Schön für sie, denken wir. Erst jetzt mache sie Reisen, die sie immer schon machen wollte, aber wegen der Kinder nicht konnte. Und in der Gruppe fühle sie sich jetzt wirklich sicher. Schön für sie, nix für uns. Wir gehen weiter und antworten gar nichts, auch nicht, daß dies bereits unsere sechste Trekkingtour im Himalaya ist und auch nicht welche Bereicherung eine Trekkingtour für die gesamte Familie darstellt. Ohne Animateure und ohne McDonalds-Background die Natur als gemeinsames Abenteuer zu erleben, im Zelt eng aneinander gedrückt zu übernachten, auf einem wilden Yak zu reiten, im eiskalten Gletscherbach zu baden, die ehrlichsten und zufriedensten Menschen kennen zu lernen, das sind Erinnerungen, die uns nach dem Urlaub das restliche Jahr erfüllen.
Die Höhe von 3.600 Meter, aber auch die anderen Reisenden machen uns in den ersten Tagen zu schaffen. Unser kali-fornisches Gruppen-teilchen läuft uns im Yak Hotel noch mehrmals über den Weg. Der tibetischer Lehrer traut sich nicht, Ausländer am hellen Tag zu treffen. Bei ihm wohnen darf sie schon gar nicht und aus geplanten gemeinsamen Ausflügen wird aus Angst vor den Chinesen leider auch nichts.
Außerdem gehen uns einige andere Reisende gehörig auf die Nerven, denn eigentlich wäre in einem schwierigen Reiseland wie diesem Zusammenarbeit und Flexibilität selbstverständlich: Die Bedin-gungen unter denen man außerhalb von Lhasa reisen darf, sind einfach nicht klar, es gibt so viele Spekulationen darüber wie es Traveller in Tibet gibt. Will man bei Reisen außerhalb von Lhasa auf Nummer sicher gehen, also mit Permit, Guide und Jeep reisen, dann wird es unverschämt teuer. Deshalb hängen überall Zettel mit: "Suche Partner für...". Kaum haben wir einen "Partner für..." gefunden, versuchen wir und/oder der Partner einen Jeep zu organisieren. Kaum haben wir das Fahrzeug, will der Partner ein anderes Routing, bzw. kann erst Tage früher oder später die Reise antreten. Nach mehreren Anläufen beschlies-sen wir, daß wir uns als Familie genügen und fahren alleine ostwärts, nach Damzhong.
In Damzhong steht uns eine Bewährungsprobe bevor. Praktisch ohne Kenntnisse der chinesischen oder tibetischen Sprache hier vier Pferde bzw. Yaks zu finden, um zum Nam Tso See zu trecken bedarf schon einiger Geduld. Spät am Nachmittag kommen zwei Drokpas (tibetische Nomaden) mit einem Holztransport über die Piste gefahren. Noch einmal wollen wir es heute versuchen und diesmal funktioniert es. Wieso verstehen gerade die beiden, was wir wollten? Haben sie es überhaupt verstanden? Sarah und Clemens setzen sich mit dem Gepäck zu Ami und Tschotscho auf das Gefährt und tuckern los. Für Margit und mich ist kein Platz mehr. Wir laufen hinter dem Gefährt her. Der Abstand wird immer größer und bald verlieren wir den kleinen Traktor mit Anhänger aus den Augen. Es kann doch nicht mehr weit sein, oder? Nach jedem Hügel und bei jeder Lehmhütte schauen wir, ob wir etwas von unseren Kindern sehen. Erst nach einigen Kilometern treffen wir auf einen Tibeter, der gerade sein Fuhrwerk entlädt. Aus seinen Gesten entnehmen wir, daß er uns helfen könne. Margit wartet bis der Anhänger leer war, während ich die Piste weiter entlang laufe. Bald holen sie mich ein und nehmen mich mit. Wir haben die Entfernung total unterschätzt. Da kommen uns unsere beiden Kinder ent-gegen. Sie haben sich bereits mit den restlichen Familien-mitgliedern von Ami und Tschotscho angefreundet und zusammen das Zelt aufgestellt. Diese kindliche Bauwut zwingt mich, in der Nacht während eines starken Sturms und heftigen Gewitters alle Heringe nachzuschlagen, da sonst unser Zelt von Winde verweht worden wäre. Als wir uns erschöpft von der Höhe und dem langem Laufen vor dem Zelt niedersetzen, bringt die Frau von Tschotscho auch schon zwei Schalen heißen Buttertees zur Begrüßung!
Glück braucht der Mensch und mit Ami und Tschotscho haben wir reichlich davon Mit den beiden gibt es zwei Freunde für uns im Hochland von Tibet, obwohl nur nonverbale Kommunikation stattfinden kann. Die Reise zum Nam Tso See wird deshalb zwar leichter, aber nicht leicht. Über einen 5.200 m hohen Paß krieche ich auf allen Vieren. Margit nimmt die Mühe auf sich und kommt noch einmal von der Anhöhe herunter, um sich um mich zu kümmern und mich aufzu-muntern. Es geht halt nichts über eine starke Frau bei meiner schlechten Kondition.
Am innigsten erlebten wir Tibet mit den beiden Nomaden auf der Reise zum Nam Tso See. Hier sind auch Heinrich Harrer und Peter Aufschneider auf ihrer legendären Reise nach Lhasa vorbeigekommen.
Beeindruckt hat uns die Weite der Landschaft und die absolute Einsamkeit. Und die Kapriolen des Wetters, vom Schneefall bis zur extremer Hitze. Die bleibende Erinnerung sind natürlich die beiden bei ihren Pferden unter freiem Himmel schlafenden Nomaden. Wenn wir heute die Augen schließen, können wir sie immer noch zwischen den tausend dunklen, um die schwarzen Nomadenzelte am Ufer des Nam Tsos grasenden Yaks sehen.
Wir stellen das Zelt im Schutze einer Manimauer auf und blicken auf den 113km langen, von schneebedeckten 7.000ern eingerahmten tiefblauen See. Ami und Tschotscho machen mit uns die Kora auf der Halbinsel. Ami zeigte uns geheimnisvoll einen Platz, an dem die Tibeter ihre Himmelsbestattungen durch-führen. Sie kennen vier Arten von Bestattung, erklären sie uns mit einfallsreichen Gesten. Die Wasserbestattung wird für ganz kleine Kinder durchgeführt. In der Erde werden Verbrecher bestattet. Verbrannt werden Lamas, deren Asche in Tschörten aufbewahrt wird und der Körper des gewöhnliche Tibeter bekommt eine Himmelsbestattung.
Vor der Abfahrt nach Damzhong hatten wir unsere Rückreise von Lhasa nach Kathmandu orga-nisiert. Dachten wir. Wir stehen um 5 Uhr auf und warten wie vereinbart auf den Jeep. Er kommt einen Tag später um 6 Uhr, als wir nicht mehr damit rechnen. Die Reiseroute hatten wir genau abgesprochen, dachten wir. Sie wird unter allen nur erdenklichen Ausreden mehrmals und unterwegs nochmals geändert. Wobei uns bis heute nicht klar ist, waren es die chinesischen Besatzer, die unseren tibetischen Fahrer dazu zwangen - oder waren die Chinesen die Ausrede für die Tibeter.
Trotz einiger zwiespältiger Erlebnisse möchten wir unsere Erinnerungen an Tibet nicht missen: Der Potala ist eine der eindruckvollsten und mächt-igsten Residenzen der Welt. Er war nicht nur Wohnsitz, sondern ist auch Begräbnis-stätte der Dalai Lamas. In einem der labyrinthartig angelegten Räume macht uns ein alter Mönch aus. Die Kinder lenken seine Aufmerksamkeit auf sich. Als er hört, wir wären Öster-reicher, meint er, Heinrich Harrer sei sein Freund, hängt uns Glücksschals um den Hals und begrüßt uns in dem er seine Stirn gegen die unsere drückt, ein besonderes Ehrenzeichen.
Im Johkang, dem heiligsten Tempel von Tibet, und auf dem Platz davor zeigen die Men-schen eine derart innige Gläubigkeit, wie wir sie bisher noch nirgends auf der Welt erlebt hatten. Gerne erinnern wir uns an den nie abreißenden Strom von Pilgern, in dem sich Menschen aus allen Teilen Tibets im Uhrzeigersinn um den Tempel bewegen, ihre Gebetsmühlen drehend und Gebete murmelnd. Wir folgen der Kora mehrere Male und immer wieder versuchen die Tibeter mit unseren Kindern in Kontakt zu kommen, flechten Sarah einen Zopf, oder berührten Clemens' Haare und wunderten sich über deren hellblonde Farbe. In schlechter Erinnerung bleibt uns die Schar von Touristen, die während eines buddhistischen Festes die betenden Mönche behindern, einzig um ein "besonderes" Foto machen zu können. Sie müssen von den friedliebenden Mönchen zurück-gedrängt werden, damit sie sich wieder an den Rand des Geschehens zurückziehen. Zu vergessen versuchen wir jenen Fotografen, der dem sitzenden Lama des Klosters fast auf die Schulter steigt, um ein Foto aus einer unge-wöhnlichen Perspektive machen zu können.
Fragen geben uns die vielen Chinesen am Dach der Welt auf. Mit welchen Versprech-ungen wurden sie hierher gelockt? Welche Träume möchten sie damit befriedigen, welche Ziele erreichen? Nie vergessen werden wir jene jungen, hübschen, höchst deplazierten chinesischen Mädchen in Damzhong. In modischen Hosen und mit Schuhen mit Plateausohlen versuchen in dem schmutzigen Straßendorf möglichst über jede Pfütze zu springen, damit sie sich ja nicht mit Dreck bespritzen.
In Shigatse, der zweit-wichtigsten Stadt Tibets, machen wir eine Kora um das riesige Kloster, dem Sitz des Panchen Lamas. Dabei erfahren wir die Geschichte des letzten Panchen Lamas, der die meiste Zeit seines Lebens in Beijing verbrachte und in den letzten Jahren eine kritische Stimme gegen die Besetzung von Tibet durch die Chinesen gewesen war. Er verstarb bei einem seiner seltenen Besuche im Kloster. Die Gläubigen meinen, es sei nur natürlich, daß ein Lama dort stirbt, wo er will und dies sei für den Panchen Lama natürlich Shigatse. Die Chinesen sagen, er sei einem Herzinfarkt erlegen und hinter vorgehaltener Hand erfährt man, daß er von den Chinesen vergiftet worden wäre... Die vom Dalai Lama beglaubigte Reinkarnation des Panchen Lamas wurde von den Chinesen nach Beijing gebracht und ist laut Amnesty International der jüngste politische Gefangene der Welt. Der von den Chinesen als Nachfolger auserkorene Junge ist ebenfalls in Beijing und wird dort unterrichtet.
Wir werden aus unseren melancholischen Betrach-tungen gerissen, es kommt Bewegung in die verfahrene Situation. Die Frauen scheinen bereit, für etwas Geld die Brücke wieder in Stand zu setzen und wir dürfen dann weiterfahren.
Nach mehr als vier Tagen Fahrt erreichen wir spätabends die Grenzstadt Zhangmu. Früh am Morgen sperrt die Grenze auf, wir sind die ersten bei der Passkontrolle. Wir verlassen ein Land das 15 mal größer als Österreich ist, in dem sich weniger als 2 Millionen Einwohner beinahe verlieren. Andere Reisende nehmen uns durch das Niemandsland bis zur nepalesischen Grenze mit. Von dort fahren wir durch eine herrlich grüne Himalaya-landschaft - die uns vor allem nach der baumlosen tibetischen Landschaft ins Auge fällt - mit einem öffentlichen Bus nach Kathmandu. Mit den üblichen Einkäufe, dem Besuch bei einem tibetischen Arzt und Diskussionen über Tibet verbringen wir die Zeit bis zum Abflug nach Wien.
Friedrich, Margit, Sarah und Clemens BURGER
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