SO-Asien auf die Schnelle
Vor Augen die klassische Route von Saigon nach Singapur, unter dem rechten Fuß einen silbernen Flitzer: den Scooter. Klein im Fluggepäck und groß bei der Stadtbesichtigung.
"Cyclo!" "Cyclo!" "Cyclo!" Noch nicht erholt vom Hammerschlag der tropischen Schwüle steht vor der Hoteltür eine Herausforderung an. Die wettergegerbte Horde der Rikschafahrer wartet auf uns und setzt das freundlichste Lächeln auf, um uns als lukrative Ladung für die Stadtrundfahrt zu gewinnen. Wir lächeln lässig zurück.
Soviel Selbstvertrauen hat man nur mit einem As im Ärmel. Besser gesagt: unter dem Arm. Aus dem weißen Beutel zaubern wir zwei glitzernde Alu-Skulpturen, die vor den Augen der ungläubigen Verkehrsveteranen Gestalt annehmen: zwei Räder, Bodenplatte, Lenkstange aufklappen, fertig ist das Privattaxi! Die Frage, wieviel die Stadtrundfahrt kostet, stellt sich hier, in der pulsierenden Wirtschaftsmetropole Vietnams nicht mehr...
Auf geht´s, zuerst auf den breiten Boulevards in Saigons Innenstadt, der Verkehr rollt gut verteilt. Die altehrwürdigen Kolonialgebäude und abbruchreifen Wohnhäuser reflektieren in den Glasfassaden der wenigen neuen Bürotürme. Die kapitalistischen West-Touristen ist man hier seit mittlerweile 10 Jahren gewohnt, aber rollernde Bleichgesichter sind ein Novum. Argwöhnische bis neidvolle Blicke verfolgen uns. Besonders diejenigen, die auf der jungen Erfolgswelle schwimmen, gehören zur zweiten Kategorie. Sie tragen dunkle Anzüge und weiße Hemden. Die Handys läuten in allen exotischen Klangfolgen und der schmucke Lederaktenkoffer darf nicht fehlen. Aber was, bitte, ist ein echter Aufsteiger heutzutage ohne Scooter? Besonders hier, wo die Mini-Silberpfeile noch echte Exoten sind! Bald haben wir erkannt: Wir fahren, worauf in Vietnam sonst noch niemand fährt, aber alle abfahren.
Saigon gilt als heißes Pflaster in mancherlei Hinsicht und wer sich hier mit dem Minitretroller jenseits der Prunkallee auf den Asphalt wagt, muss mit Selbstbewusstsein auftreten. Schließlich wird jeder Quadratzentimeter Straße von irgend jemandem beansprucht. Doch könnte die Stadtrundfahrt besser nicht beginnen. Dauernd strecken sich freundliche Hände von Rad- und Mopedfahrern nach uns, bieten sich lächelnde Vietnamesen als Zugmaschine an. Ob sie die großen Schweißtropfen auf unserer Stirn all zu deutlich sehen?
Diese erklären sich einerseits aus den tropischen Temperaturen und dem anstrengenden Fußbetrieb, klar. Und andererseits aus den Angstausbrüchen denen jeder Neuling im Verkehrschaos der Stadt unterliegt. Wir haben Angst um die eigenen Fersen, denn im scheinbar ungeordneten Gewühl aus Fahrrädern, Mopeds und Autos wird uns Halbfußgängern nur minimaler Raum zugeteilt. Unter diesen Umständen ist es sehr verlockend, das Angebot und an eine der kleinen Hondas als Zugmaschine zu adaptieren - allein, es fehlt die dritte Hand, eine an der Lenkstange reicht hier nicht...
Die Verkehrstauglichkeit der Vietnamesen erweist sich als sehr gut, Gaby und ich können also ein wenig Aufmerksamkeit einem ernsten Problem zuwenden: dem Untergrund. Die kleinen Reifen des Tretrollers wollen behutsam gelenkt werden: Jeder Kieselstein kann einen Salto auslösen, jedes Loch zur Falle werden und jede Pfütze zum Ausrutscher führen. Und es gibt von allem genug davon. So ganz nebenbei werden wir noch Experten zur Abschätzung des Asphaltvibrationsfaktors. Je rauer der Untergrund, umso stärker der Massageeffekt bis unter die Haarwurzeln! Manche Straße wird also nur einmal berollt...
Je weiter wir unsere Kreise ziehen - und der Scooter lässt die Entfernungen in der Stadt wirklich schrumpfen -, umso größer wird die Menschentraube, wenn wir auf dem Tret-Drahtesel einschweben. Flink geklappt, verpackt und geschultert, hinein in das kleine Café mit den vielen Billiardtischen. Und doch zu langsam, alle haben "es" gesehen. Und jeder möchte "es" ausprobieren. Wir bestellen den ortsüblichen Energy Drink, Zitronensaft und Leitungswasser mit viel Zucker, und verteilen Platzkarten für alle zwischen 5 und 85, die auf dem Scooter eine Runde treten wollen. Jetzt wissen wir, was eine Touristen-Attraktion ist!
Dem tropischen Regenguss sind wir fernab dem Hotel wehrlos wie ein Fußgänger ausgeliefert. Gottseidank lassen sich die Dinger so schnell zusammenklappen, zwei Rikschafahrer freuen sich doch noch über ein paar Geldscheine aus unserer Hand und wir gelangen zwar schweiß- aber nicht regengebadet ins klimatisierte Hotelzimmer. Dort lernen wir: Wenn der Himmel alle Schleusen öffnet, heißt das noch lange nicht, dass es auch in der Dusche Wasser gibt. Als die Straße auftrocknet, kommt doch noch Leben in die Wasserleitung.
Zum besonders lebhaften Hühnermarkt in Chinatown sind es fünf Kilometer, erfahren wir und beschließen, die Distanz selbst zu fahren. Vorbei am Kondomverkäufer und Stößen von Videokassetten rollern wir durch die Apothekerallee und den medizinischen Gemischtwarenhandel. Alle Händler sind am Randstein der Hauptstraße angesiedelt und würden sogar ihre Waren für eine Runde am Scooter im Stich lassen. Ein junger Mitfahrer - einer vom Typus New Businessman, siehe oben - gesellt sich als Passagier auf meinen Scooter, was gar nicht so schlecht funktioniert. Vietnamesen sind eine gewisse Drängelei gewohnt, eine Moped mit vier drauf gilt als Normalbesetzung. Nach einer halben Stunde Tretmühle können wir die Größe der Siebenmillionenmetropole wesentlich besser abschätzen. Und wir wissen, wir sind mittendrin.
Hinter uns spielen sich dramatische Szenen ab. Augenpaare, die zu lange an den futuristischen Miniflitzern hingen, übersehen den Querverkehr. Mit Fahrradkollisionen hat man Erfahrung, nach ein paar scharfen Worten radelt man friedlich weiter. Endlich am Markt! Ungezählte Hühner und Enten überall und mindestens genauso viele Vietnamesen, die gekonnt den Pfützen ausweichen. Ein vorwitziger Jüngling mit Spielzeugtraktor fordert mich zum Wettrennen heraus. Im knöcheltiefen Schlamm gebe ich rasch w.o. Trotz der erwiesenen Matschuntauglichkeit lautet die immer wiederkehrende Frage: "How much?" Hilfe, sie wollen auch hier unsere Roller kaufen! Wir verraten den Einkaufspreis von 60 Dollar. Ein herbeigeeilter Rikschafahrer deutet aufgeregt auf sein Gefährt: Diese Rostlaube hat ihn genauso viel gekostet. Ob wir nicht tauschen wollen? Das meint er wohl nicht im Ernst.
"I give you eighty Dollars!" Der meint es ernst. Seine zehnjährige Tochter hat ausgesprochen Spaß daran, auf frisch geteertem Untergrund neben dem Innenstadtcafe die Haftungs-grenzen der Plastikräder auszutesten. Wie eine Prinzessin schwebe sie auf Gabys Untersatz dahin, meint der stolze und offenbar betuchte Vater. Wir bleiben hart. Für uns gibt es kein lässigeres Gefährt zum Sightseeing, das steht nach drei Wochen Vietnam fest!
In der fast echten Nike-Sporttasche, die in der Markthalle knapp 60 Schilling kostet und gut genug vernäht ist, um die Scooter quer durch Südostasien zu transportieren, bleiben die edlen Stücke auch bei Überlandreisen und Flügen immer in unserer Nähe.
Die Lust am Rollern vergeht, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Zehn Stunden Überlandbusgerüttel, ein überfahrener Hund, ein Hahn mit gleichem Schicksal und der dem Gegenverkehr geopferte Außenspiegel geben Auskunft zur Verkehrsicherheit in Kambodscha. Mit unserem trendigen Spielzeug fühlen wir uns in der deprimierenden Hauptstadt Phnom Penh einfach fehl am Platz. Viel zu viele leiden an den Folgen des Krieges, zahllose Menschen wurden Opfer der Minen und sind auf Krücken oder Prothesen angewiesen.
Ein vierstündige Bootsfahrt über den spiegelglatten Tonle Sap See bringt uns in das wesentlich freundlichere Städtchen Siem Raep. Dies ist das Sprungbrett zu den Tempeln des großartigen, alten Angkor. Trotz der Bettler fühlen wir eine Aufbruchsstimmung, zu der die Touristendevisen verhelfen. Also packen wir die Roller aus, bevor sie einrosten, schlagen die Angebote der Motorrad-Taxis aus und begeben uns auf die lange Fahrt. Angkor Wat, der großartigste der zahlreichen Tempelanlagen liegt rund 10 Kilometer entfernt. Auf guter Teerstraße erreichbar, angeblich. Entlang des Asphaltbandes zu den Tempeln gibt es einen Getränkestand (kommen da öfters solche wie wir vorbei??) und das Ticket-Office bedeutet einen Pflichtstop. Dessen Betrieb bricht bei der Ankunft zweier Touristen mit beinkraftbetriebenen Blechteilen auf Rädern zusammen, alle Angestellten umringen uns neugierig. Freikarten gibt´s trotzdem nicht, die 60 Dollar für den Wochenpass finden wir aber in Ordnung. Da Sightseeing am Rande der Erschöpfung wenig Sinn macht und die Waschrumpel-strecke mit unzähligen Löchern und Hindernissen erst ab einem Oberschenkelumfang von 120cm empfohlen werden kann, suchen wir angestrengt eine Alternative. Unsere Rettung stottert bald herbei: Wir werfen unsere Scooter in eine Moped-Rikscha der jüngsten Generation - Typus Uralt-honda mit einer Holzbank auf Rädern hinten dran - und ändern für den Rest des Kambodscha-Aufenthalts unser Fitnessprogramm auf Tempelhüpfen.
Nach einer Woche haben wir genug davon, ein einstündiger Flug bringt uns in Südostasiens Megametropole Bangkok.
-Peter Giovannini-
Fortsetzung folgt!
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