Traveller Club Austria

S P I T I, Unbekannte Täler und Tempel im indischen Himalaya

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Indien

Lange war das ehemalige Königreich Spiti für ausländische Besucher gesperrt, seit einigen Jahren ist es auch Touristen zugänglich - allerdings benötigt man eine Sondererlaubnis zusätzlich zum indischen Visum, die auch penibel an den beiden möglichen Zugängen zu Spiti kontrolliert wird (am Check Post in Jangi und in Losar, der letzten Ortschaft Spitis vor dem 4551 m hohen Kunzum Pass, über den man ins Chandra Tal und dann wieter über den Rohtang Pass nach Manali gelangt). Die heikle geografische Lage Spitis in unmittelbarer Nähe Westtibets und des ehemaligen Königreichs Guge veranlasst die indische Regierung, ein Sonderpermit zu fordern, denn man möchte die ohnehin gespannten nachbarlichen Beziehungen zu China nicht durch eventuelle illegal über dieGrenze nach Tibet einreisende Touristen noch mehr belasten.Aber auch sonst ist es nicht ganz einfach, nach Spiti zu gelangen, denn um dieses wüstenartige trockene Hochtal (auf 3.500 m) zu erreichen, muss man zuerst auf dem Landweg durch gebirgige Regionen Himachal Pradeshs, die in den Sommermonaten vom Monsun heimgesucht werden. Daher versperren immer wieder unzählige Erd-rutsche die einzige Straße, die sich spektakulär entlang des Sutlej Flusses schlängelt. Da aber die beste Reisezeit für Spiti der Sommer ist, muss man durch das Monsungebiet durch. Wenn man viel Glück und Geduld hat, gelingt das auch. Das Ziel lohnt die Mühe und auch der Weg dorthin hat ausser Steinschlägen und Erd-rutschen noch sehr viel ande-res zu bieten ...

Ausgangspunkt unserer Tour ist Shimla, die Hauptstadt der nordindischen Himalaya-Pro-vinz Himachal Pradesh, die wir mit dem Bus von Neu Dehli aus über Chandigarh in einer langen Tagesreise erreichen. Warum die Engländer gerne hierher den heissen Sommern des Tieflands entflohen, wird mir schnell klar: dichter Nebel, kühle Temparaturen (für indi-sche Verhältnisse, ca. 18°C) und Regenschauer empfangen uns. Die auf rund 2.200 m liegende Stadt ist über viele Hügel bergauf und bergab verstreut und äusserst un-übersichtlich für Spaziergän-ger, hat aber ihren ganz eigenen Charme. Jetzt sind es wohlhabende Inder, die in Pullover und Wollschals gehüllt die berühmte "The Mall" fröstelnd entlang flanieren. Der Aufstieg zum Jakhu Hill (2.455 m) und seinem Hanuman Tem-pel erweist sich als roman-tische Nebelwanderung, von der kolportierten grandiosen Aussicht auf die umliegende Bergwelt sehen wir gerade noch die Hand vor dem Gesicht. Der Rest bleibt der Phantasie überlassen.

Weiter geht es mit dem Bus auf kurvenreichen Straßen über Narkanda (2708 m) hinunter ins Sutlej Tal. Über dem Tal, durch das sich der mächtige Fluss seinen Weg (ca. 1.300 m hoch) bahnt, zeigt sich stets ein Riss in der Wolkendecke und die Sonne kommt durch. An den Sutlej-Ufern kann hier wegen des milden Klimas auch Reis angebaut werden. Wir erfahren von entgegenkom-menden Reisenden, dass der Weg nach Sarahan, unserem Tagesziel, durch einen Erd-rutsch (unser erster) noch ver-sperrt ist. Wir beschließen, erst einmal Mittagessen zu gehen, abzuwarten und Tee zu trinken - eine hierzulande beliebte und häufig praktizierte Art, eine Reisepause einzulegen. Als wir dann zu besagter Stelle kom-men, hat sich bereits eine lange Schlange wartender Fahrzeuge aller Art gebildet. Es bietet sich die Gelegenheit, er-ste Kontakte zu deren In-sassen, den einheimischen Kinnauri zu knüpfen. Diesen alltäglichen Naturgewalten begegnen sie gelassen - nach dem 5. Erdrutsch werde auch ich aufhören, sie zu zählen ...

Immerhin gibt es jedes Mal tolle Landschaft, die man meditierend genießen und in sich aufnehmen kann. Nach einer Weile ist die Stelle geräumt und erstaunlich diszi-pliniert setzt sich der Verkehr wieder in Bewegung.

In Sarahan (1.920 m) ange-kommen, verbringen wir nicht wie vorgesehen unsere erste Nacht im Zelt, sondern auf-grund der feuchten Witte-rungsverhältnisse beziehen wir Quartier in dem dem wunderbaren Bhimakali-Tem-pel angeschlossenen Guest-house. Dass wir hier einen Tag länger als geplant verbringen müssen - natürlich wegen eines weiteren Erdrutsches an der Straße - schmerzt uns hier am Anfang der Reise noch nicht, ist doch der Blick von der Terrasse der Zimmer auf den Hof des Tempels einzig-artig und die zu Spaziergängen einladende Gegend sehr lieb-lich: Apfelhaine, bunte Blu-menwiesen und idyllische Bachläufe bestimmen das Ortsbild der hoch über dem Sutlej-Tal liegenden, ehemali-gen Hauptstadt des Bushar-Reiches. Hier finden sich auch erste Anzeichen buddhistischer Kultur, noch in einer Melange mit hinduistischen Elementen.

Schließlich können wir unsere Fahrt fortsetzen, nur gelegent-lich unterbrochen von nicht weiter erwähnenswerten Erd-rutschen und Steinschlägen ..., entlang des Sutlej, vorbei an seinen reissenden Katarakten bei Wangtu und über eine abenteuerlich in den steilen Berghang geschlagene, ein-spurige (!) Straße hinein in das Seitental des Baspa Flusses. Ängstlichen Zeitgenossen sei hier dringendst empfohlen, sich im Bus auf die Hangseite zu setzen ... Der Ausblick von der Talseite des Busses in die Schlucht hinunter und hinauf ist wahrlich atemberaubend.

Heil ins malerische Baspa-Tal gelangt, gilt es nur noch eine überschwemmte Straßenstelle, aus der noch schnell ein Jeep von einem Traktor herausge-zogen wird, mit Schwung zu durchfahren, und schon sind wir an unserem ersten Zelt-platz in Rakchham (2.900 m) am Ufer des Baspa. Kurz lichtet sich am späten Nachmittag einmal die Wolkendecke und ein gewaltiger schneebedeck-ter Gipfel ragt hoch über uns hervor. Wir besuchen traditio-nelle Dörfer wie Chitkul (3.450 m): voller alter Steinhäuser mit Steinschindel-gedeckten Dächern, buddhistischen Ge-betsfahnen und dekorativen Holzschnitzereien. Auch die Menschen sind hier ausser-gewöhnlich: freundlich und fröhlich, unaufdringlich und selbstbewußt (vor allem die Frauen). Alle tragen die ty-pische Kopfbedeckung aus naturfarbenem Wollstoff mit einem Samtstreifen an der Seite, der je nach Mode weinrot oder wie heuer dunkelgrün sein kann. Sie sind ein ganz eigener Menschenschlag, we-der indisch noch tibetisch in ihrer Erscheinung, leben sie in diesem abgelegenen, land-schaftlich sehr reizvollen Tal am Fuss des heiligen Kinner Kailash Massivs (6.050 m), wo Gott Shiva, der sonst am Kailash in Tibet residiert, seine Wintermonate verbringen soll ... Leider hüllt er sich diesmal in Wolken.

Wieder zurück im Sutlej-Tal nehmen wir bei Wangtu die Straße ins Bhabha-Tal Richtung Kaphnu (2.300 m), von wo aus wir unsere 5tägige Trekking-Tour starten.

Von nun an begleitet uns strahlendster Sonnenschein und lässt uns die fast alpin anmutende Bergwelt in ihrem schönsten Licht erleben. In moderaten Tagesetappen geht es stetig, aber nicht allzu steil bergauf. Mit uns sind Maultiere, Pferde und ihre Betreuer, die unser Gepäck, Zelte, Verpflegung etc. transportieren sowie ein Koch mit seinen Gehilfen und ein wegkundiger Führer. Unter-wegs gibt es keine Siedlungen, wir begegnen nur Hirten mit ihren Schaf- und Ziegenherden oder Einheimischen, die auf der gleichen Route nach Spiti wollen.

Zum Campen benötigen wir lediglich eine ebene Fläche, möglichst eine Wiese, und einen Bach, damit Mensch und Tier Wasser haben. Die Berg-kulisse ist umwerfend.

Die einzige längere und här-tere Wanderetappe haben wir zu bewältigen, als wir von etwa 4.000 m zum 4.800 m hohen Nimish Kango Pass hinauf müssen, der die hinduistisch-buddhistische Religionsgrenze bildet und auch eine Klima-grenze darstellt. Aus einer grünen, pflanzenreichen Re-gion kommen wir plötzlich in eine karge, kahle Hochwüste.

Grandiose Fels- und Bergfor-mationen aus verschiedenen Gesteinsschichten erscheinen je nach Lichtverhältnissen in den unglaublichsten Farben. Bis zur ersten Ortschaft Farka (3.600 m) ist es noch eine Tageswanderung entlang des Pin Flusses. Am gegenüber-liegenden Ufer befindet sich die Siedlung Mud und ein an den steilen Felsen gebautes Nonnenkloster. Hier in Farka werden wir Zeugen einer einzigartigen religiösen Vor-stellung. Der örtliche Lama hat in seinem Garten eine Art Altar aufgebaut und vollzieht im Licht der späten Nachmittags-sonne verschiedene Rituale, unter welchen jenes der Zer-schlagung eines großen Stein-brockens auf dem Bauch eines Assistenten mit einem kleine-ren Stein die eindrucksvollste ist. Diese sogenannte Steinbre-cher-Zeremonie, deren tieferer spiritueller Sinn uns aufgrund mangelnden Wissens leider nicht erklärlich wurde, wird nur in Spiti und auch hier nur selten praktiziert.

Nach noch zwei Tagen zu Fuß und zwei erfrischenden Fluss-durchquerungen erreichen wir die neue Hängebrücke über den Unterlauf des Pin und ge-langen nach Guling (3.400 m). Von hier aus sind wir dann wieder mit dem Bus unterwegs, schlafen aber weiterhin in den Zelten und lassen uns von unserem Koch verköstigen.

Unsere erste Besichtigung gilt dem kleinen, aber bedeuten-den Kloster Kungri (c. 1330), dem wichtigsten Kloster der Rotmützen-Schule Nyingmapa, in dem auch noch schöne alte Wandmalereien zu finden sind. Wir haben das Glück, dass hier gerade ein 3tägiges religiöses Fest begangen wird und daher jahrmarktähnliches Treiben herrscht. Von weit her sind die Menschen hierher gepilgert und haben ihr bestes Gewand angelegt. Auch "unser" Stein-brecher-Lama aus Farka ist hier.

Wir verlassen das Pin-Tal, fah-ren die enge Schlucht entlang bis zu der Stelle, wo der Pin und der Spiti Fluss zusam-menfließen. Ein weiter Blick ins Spiti-Tal öffnet sich und erst hier betreten wir das tatsäch-liche Spiti. Am anderen Ufer thront hoch oben auf einem Felsen das Kloster Dhankar (3.890 m/16. Jh.), das ebenfalls noch gut erhaltene Wandmalereien und einer Sammlung alter Thankas (Roll-bilder) besitzt. Von hier geht es durch die sich verengende spektakuläre Spiti-Schlucht nach Tabo (3.050 m), dem zu Recht wegen seiner phantasti-schen alten Wandmalereien bekanntesten Kloster Spitis. Zur Tausendjahrfeier 1996 war auch der Dalai Lama gekom-men. Das Institut für Tibetolo-gie und Buddhismuskunde der Universität Wien wertet hier übrigens alte Schriften wis-senschaftlich aus.

Entgegen aller Erwartungen überrascht uns in Tabo auch ein Regenschauer am Abend, natürlich gerade während des Zeltaufbaus. Aber am näch-sten Tag ist alles wieder vorbei und staubtrocken. Von hier ist es nur ein Katzensprung nach Westtibet. Die kulturelle Ver-bindung Tabos zu den einsti-gen buddhistischen Zentren Toling und Tsaparang im ehem. Königreich Guge (nord-westlich des Kailash) ist augenfällig. Wir wenden uns aber wieder dem Spiti-Tal zu und besuchen das wichtige Gelupta-Kloster Kye (4.100 m), das wie Dhankar hoch oben auf einem spitzen Felsen liegt und sich uns als geschäftige Baustelle präsentiert. Es wird gerade renoviert und heraus-geputzt für die Kalachakra-Zeremonie, die der Dalai Lama im August 2000 hier vollziehen wird, und zu der Tausende von Pilgern erwartet werden.

Zum Abschluß fahren wir noch in das 4.200 m hoch gelegene Dorf Kibber, wo gerade ein Yak-Markt abgehalten wird. Hier erfahren wir auch, dass in dieser Höhe noch Erbsen ge-deihen, von deren gutem süs-sen Geschmack wir uns selbst überzeugen können.

Dann treten wir unsere lange Rückfahrt an, über den Kun-zum Pass (4551 m) bei strah-lendem Wetter, durch das un-besiedelte, landschaftlich schöne Chandra-Tal auf einer Schotterpiste. Eine überflutete Straßenstelle beschert uns eine interessante Wartezeit: auf beiden Seiten lange Schlangen wartender Fahrzeuge, ein LKW wird per Seil von den anwe-senden Männern (ca. 50 Leute) aus dem Wasser gezogen, zwischendurch passieren ein paar wendige Jeeps mit Touri-sten im Slalom das Hindernis, einheimische Busgäste über-queren das Wasser von Stein zu Stein hüpfend und mitten-drin treiben Hirten ihre Schaf- und Ziegenherden (Hunderte von Tieren) durch das Chaos. Das Geschehen nimmt mich - die ich beobachtend auf einem Felsen in der Sonne sitze - so gefangen, dass ich gar nicht fotografiere. Nach etwa 3 Stunden können wir weiter-fahren zum Rohtang Pass (3.980 m), der in dicke Wolken gehüllt ist. Diesmal ist also leider von der aufregenden Gegend auf der Fahrt ins 2000 m tiefer liegende Manali nichts zu sehen (glücklicherweise habe ich diese Strecke auch schon einmal bei schönem Wetter auf einer früheren Reise erlebt).

Weiter durch das Kulu-Tal, das feucht-grüne, warme Beas-Tal, wo uns der Monsun wieder einholt, über Mandi und das fruchtbare Kangra-Tal errei-chen wir die letzte Station un-serer Tour, Dharamsala (1.387 m). Der Dalai Lama ist natür-lich nicht daheim, sondern wie fast immer auf Reisen. Man sollte schon einmal diesen Ort besuchen, allerdings stimmt es traurig zu sehen, wie die tibetischen Flüchtlinge sich mit Souvenirverkauf über Wasser zu halten suchen. Zwar gibt es auch zahlreiche Klöster mit vielen Mönchen und Schülern, aber insgesamt hängt eine traurige Stimmung über dem Ort. Wir haben auch Gelegen-heit, das SOS Kinderdorf zu besichtigen, wo rund 2000 Kinder und Jugendliche leben, und bewundern die kluge Organisation dieses Tibetan Children's Village, wo trotz widriger Umstände und Platz-mangel diesen kleinen Flücht-lingen und Waisen ein Auf-wachsen in Geborgenheit und der Schulbesuch ermöglicht wird. Das ganze Unternehmen wird ausschließlich von Spen-den finanziert. Tief berührt von der Art, wie diese Menschen ihr Schicksal meistern, machen wir uns auf, durch den Punjab über Chandigarh nach Neu Dehli zu fahren, von wo aus wir heim fliegen.

Doris Plener
 

P.S. Wer das Tibetan Children's Village unterstützen will (z.B. mit US$ 30,00 im Monat für die Paten-schaft eines Kindes), erhält Infor-mationen bei:
T.C.V. Head Office
Tibetan Children's Village
Dharamsala Cantt - 176216
Distt. Kangra, H.P., India
(Tel: 0091-1892-21 348, 21 354; Fax: 0091-1892-21 670)

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Wednesday, 16. May 2012