Traveller Club Austria

EINE REISE INS LAND DER KONTRASTE (4/97)

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Ecuador

Da unten ist sie endlich, die Straße der
Vulkane! Große, schneeweiß glänzende Berggipfel, durch die
Wolkenschwaden nur hin und wieder deutlich zu erkennen. Mächtige
Vulkankegel, die mit Höhen zwischen 4.000m und 6.000m die
Landschaft dort unten beherrschen. Alexander von Humboldt, der
deutsche Weltreisende des vorigen Jahrhunderts, gab ihr diesen
passenden Namen, denn diese Vulkane liegen - oder besser gesagt -
sie thronen alle auf zwei parallel laufenden Bergketten, die ganz
Ekuador von Norden nach Süden durchziehen. Sie sind ein Teil der
mächtigen, 8.000km langen Andenkordillere, die am Westrand
Südamerikas von Kolumbien bis Feuerland reicht.

Wir sind im Anflug auf Quito. Wir, das sind zehn abenteuerlustige
Österreicher, die mit dem Rucksack auf dem Buckel für einen
Monat Ekuador bereisen wollen, so richtig kreuz und quer durch
diesen kleinsten und konstrastreichsten Andenstaat in der
nordwestlichen Ecke Südamerikas. Klein allerdings nur für
südamerikanische Verhältnisse, denn mit 270.790km2 ist das
Ländle am Äquator dreimal so groß wie unser Heimatland. Quito,
das ist die Hauptstadt dieser am 23. September 1830 gegründeten
Andenrepublik. Ihre malerische Lage in einem 2.800m hoch
gelegenen Andental, eingebettet zwischen Ost- und Westkordillere,
verschlägt uns gleich beim Aussteigen aus dem Flugzeug den Atem:
"Ich fühl' mich wie in Watte gepackt" japst Hannes,
und auch Karin, seine Freundin, verzichtet erstmals auf ihre
Zigarette.

Am nächsten Tag haben wir uns alle an die Höhenlage gewöhnt.
Vom Panecillo, dem Aussichtsberg aus, genießen wir den klaren
Blick über die Altstadt Quitos, die sich heute noch fast im
kolonialen Originalzustand präsentiert. 1534 wurde sie von
Sebastian de Benalcazar, dem blutrünstigen Kumpanen Pizarros,
auf den Grund-mauern der Inkahauptstadt des legendären
Inkahäuptlings Atahualpa gegründet. Weiße Paläste, unzählige
Kirchen und Klöster, bunte Marktplätze und ebenso bunte
Stadtbusse ergeben zusammen mit den das Straßenbild
beherrschenden Indios das einzigartige Flair dieser Stadt.

Hier im Andenhochland sind die Indios und ihre heute noch
gelebten Kulturen und Traditionen das bestimmende Element.
Quechua, die alte Sprache der Inkas, ist neben Spanisch offiziell
anerkannt und wird vom Großteil der indianischen Bevölkerung
Ekuadors gesprochen. Am faszinierendsten für uns
"gringos" - der hierzulande gebräuchliche Name für
alle hellhäutigen Touristen - sind die großen Indio-Märkte,
die in Dörfern und Marktflecken an bestimmten Wochentagen
abgehalten werden.

"Ich bin im totalen Farbenrausch" stöhnt Eva
glücklich und legt den dritten Film innerhalb einer Stunde in
ihre Kamera ein. Wir sind mitten auf der <Plaza de Ponchos>
im Zentrum Otavalos, umringt von hunderten von Webteppichen,
Leinentaschen, Wollponchos, Pullovern, Hüten, Musikinstrumenten
und Ethno-schmuck. Es ist Samstag Vormittag, und um uns herum
tobt der größte und schönste Markt des ganzen Landes.
Traditionell gekleidete Otavaleños, Männer wie Frauen
geschmückt mit langen schwarzen Zöpfen, die Kinder mit einem
Schultertuch am Rücken der Mütter angebunden, bieten stehend
oder am Boden sitzend ihre meisterlich gefertigten Kunstartikel
feil. Tatsächlich sind die meisten von uns dem absoluten
Kaufrausch verfallen, was bei der Weiterreise schwer wiegt!

Gegen Osten verlassen wir frühmorgens das Hochland auf einer
einsamen Teerstraße, die sich serpentinenartig die Ostkordillere
hinaufwindet. Dichte Wolken verschlucken unseren vollbesetzten
Minibus, als wir den 4.000m hohen Paß überqueren und auf
löchrigen Schotterpisten langsam wieder bergab rumpeln.
Reißende Andenflüße und menschenleere Bergwälder, die auch
heute noch dem Puma, Jaguar, Brillenbär und dem Weißwedelhirsch
Zuflucht bieten, bestimmen das Panorama; nur hin und wieder
durchsetzt von winzigen Barackendörfern und angebauten Mais- und
Kartoffelfeldern. Ca. 100km hinter Baeza, einer typischen,
verlotterten Kleinstadt, verlassen wir die dunkelgrünen Berge
der Anden und fahren hinunter ins riesige ebene Amazonastiefland.
Einige von uns haben sich's auf dem Dach des Buses bequem
gemacht, inmitten der gestapelten Gepäckstücke, und genießen
den Anblick des immer dichter werdenden Tropenwaldes, der jetzt
die Piste säumt und die feuchte Wärme, die aus der
"grünen Hölle" aufsteigt.

In Misahualli, einem kleinen, romantischen Urwalddorf am Rio Napo
gelegen, einer der vielen großen Zuflüsse des Amazonas,
erwartet uns schon Hector mit seinem Team. Hector ist
ausgebildeter Natur-Führer, sein Kollege Enrique ein geborener
Urwaldindio aus dem Stamm der Aucas und hervorragender
Fährtenleser und Gustavo ein Meister im Kochen unter widrigsten
Umständen. Einst beherrschten die Aucas den ganzen subtropischen
Wald bis zum oberen Amazonas und waren als kriegerisches Volk
sehr gefürchtet. Selbst den Inkas gelang es nie, sie zu
unterwerfen. Die Aucas pflegten aus der abgezogenen Kopfhaut
getöteter Feinde Schrumpfköpfe zu fertigen und diese als
Trophäen in Ehren zu halten. Gegenwärtig leben nur noch wenige
Gemeinschaften gänzlich unberührt von der Zivilisation am
unteren Napo. Und die berühmten Schrumpfköpfe werde heutzutage
nur noch aus Pappmaché gefertigt und an gutgläubige Touristen
verkauft!

Wir beginnen unsere Urwald-Tour im traditionellen Einbaumkanu mit
Außenbord-motor den Napo flußabwärts. Bei einer winzigen
Indiosiedlung machen wir Halt und werden herzlich aufgenommen.
Enriques Freunde wohnen in einer auf Pfählen einen Meter über
dem Boden errichteten Bambushütte. Dort dürfen wir unsere
Moskitonetze aufhängen und die Schläfsäcke ausrollen. Ulli,
Christian und Eva ziehen allerdings Hängematten vor:
"Sobald du dich mal an eine Hängematte gewöhnt hast,
möchtest du deine luftige Bettstatt mit keinem harten Holzboden
mehr vertauschen" meint Christian gemütlich schaukelnd,
während er Gustavo zusieht, wie er auf der in einer Ecke der
großen Hütte eingerichteten offenen Feuerstelle unser Nachtmahl
zusammenzaubert.

Die nächsten Tage vergehen mit Streifzügen durch dieses
Labyrinth von Flußarmen, Seen und teilweise dichtestem Urwald.
Plötzliche Platzregen und immer wieder warme Schauer begleiten
uns zusammen mit zetternden Papageien, Tulkanen, Brüllaffen und
vielen Moskitos. Kakaopflanzen, blühende Orchideen auf
ab-gestorbenen Bäumen und Luftwurzeln faszinieren uns ebenso wie
Hectors Fähigkeit, mit einem Blick den richtigen Ast zu finden,
aus dem beim Aufschneiden klares Wasser tropft und Enriques
Machete-Künste, die uns immer wieder den Weg freischlagen und
uns zu ein paar Pfund köstlicher Palmenherzen verhelfen.

Zu unserm Ausgangspunkt zurückgekehrt, geht's mit dem Bus über
eine abenteuerliche Gebirgsstrecke weiter nach Baños, dem auf
einem steil abfallenden Hochplateau in zerklüfteter grüner
Schluchtenlandschaft auf 1.800m Höhe gelegenen Lourdes von
Ecuador. In der prächtigen Wallfahrtskirche mit Dutzenden von
bunten Souvenirständchen davor zeugen Gemälde und Dankesgaben
von den Wundern, die die "Santisima Virgen de Baños"
(die hochheilige Jungfrau) über die Jahrhunderte hinweg
vollbracht hat. Ausserdem entspringen hier aus dem Vulkan-gestein
viele warme Thermalquellen, von denen wir nach den Tagen im
Dschungel reichlich Gebrauch machen.

"Morgen werde ich meinen ersten Sechstausender
besteigen" träumen wir wohl alle, als wir in Latacunga in
unseren Betten liegen. Dieses kleine Städtchen im Andenhochland
ist Ausgangspunkt zum Cotopaxi-Nationalpark. Der Cotopaxi, mit
6.005m der höchste tätige Vulkan der Welt, ist nach dem sogar
im Staatswappen verewigten Chimborazo mit 6.310m Höhe der
mächtigste Berg Ekuadors. Mit seinem absolut symmetrischen
Bergkegel und der gezackten Schneehaube darauf zählt er
außerdem zu den beliebtesten Darstellungen des einheimischen
Kunsthandwerks.

Perfekt ausgerüstet geht's zuerst mit dem Auto in den 1974
geschaffenen Nationalpark, der mit 363km2 neben dem Cotopaxi noch
drei weitere Vulkane umfaßt. Nach einiger Zeit stehen wir
unversehens am Rande eines tischebenen Plateaus, das durch
herabfließende Schlammfluten gebildet wurde. Bald geht es per
pedes weiter, vorbei an Lamas und verwilderten Pferden bis zur
knapp unterhalb der Schneegrenze gelegenen Berghütte "José
Ribas" auf 4.800m Höhe. Noch bei Dunkelheit brechen wir am
nächsten Morgen zur Gipfelbesteigung auf. Schritt für Schritt,
durch die extreme Höhe nur sehr langsam vorwärtskommend,
kämpfen wir uns durch die Schneefelder aufwärts, angeseilt und
mit Eispickeln bewaffnet. Langsam bricht die Sonne hervor,
knallblauer Himmel breitet sich über uns aus. Doch noch ist
jeder mit seiner Lungentätigkeit so beschäftigt, daß keine
Zeit für bewundernde Rundblicke bleibt. Erst als wir endlich
oben am Kraterrand stehen und in das schwarze Innere des Vulkans
blicken, fallen wir uns völlig außer Atem und irrsinnig
glücklich gegenseitig in die Arme und genießen das
überwältigende Panorama, das sich um uns herum ausbreitet.
"So viele Vulkankegel auf einmal werden wir wohl niemals
wieder zu Gesicht bekommen", jubeln Christl und Marianne,
unser Schwesternpaar, unisolo. Doch ein wenig Traurigkeit
schleicht sich auch in unsere euphorische Stimmung, wenn wir an
Hannes und Karin denken, die auf halbem Weg umkehren mußten,
weil bei ihnen der <soroche>, die berüchtigte
Höhenkrankheit, voll zuschlug. Doch als wir nach dem "Gott
sei Dank" weniger mühevollen Abstieg zur Hütte
zurückkehren, finden wir die beiden schon wieder wohlauf, nur
ein leichtes Kopfweh sitzt ihnen noch im Nacken, das vielleicht
aber auch der letzte Rest der Wut auf die verpaßte Gelegenheit
sein könnte.

Punkt neun Uhr setzt sich in Alausi die uralte Dampflock des
Zuges nach Duran bzw. Guayaquil, der zweitgrößten Stadt
Ekuadors, in Bewegung, um ihre fünf antiken Waggons auf
beschwerlichem Weg über die <nariz de diablo>, die
sogenannte Teufelsnase, durchs Gebirge zu schleppen. Wir sitzen,
wie es sich für abenteuer-lustige Gringos gehört, wieder einmal
auf dem Dach und sehen erwartungsvoll unserer letzten
Reisestrecke entgegen. Das schwarze Feuerroß schnaubt dampfend
aus der Stadt eine starke Gefällstrecke hinab. Dort nimmt der
Lockführer sozusagen den Gang raus, und unser aller Schicksal
liegt nun in den Händen des Bremsers, der aufrecht vor uns
ebenfalls auf dem Dach steht. Diese Bergstrecke gehört zu den
herausragendsten Zeugnissen südamerikanischer Ingenieurskunst,
selbst schwere Unwetter oder Bergrutsche konnten die Strecke bis
in die Gegenwart nie vollständig lahmlegen.

Und wiedereinmal nimmt uns die Landschaft des Hochlandes
gefangen: das eigenartige Schachbrettmuster verschieden
angebauter Felder sowie abgrenzender Eukalyptushaine bis auf
4.500m Höhe, dazwischen kleine Indiodörfer mit traditionellen
Schilf- oder Strohhütten auf Lehmfundamenten; etwas weiter unten
weite Fluren, Wiesen und Felder, auf denen Kühe und Schafe
weiden. Ochsen verrichten hier noch die Ackerarbeit und alle -
Männer, Frauen und Kinder - helfen beim Kartoffel-, Mais-,
Gemüse- und Getreideanbau. Hin und wieder sieht man auch Frauen
und Kinder beim Wäschewaschen an einem Gebirgsfluß, und ob der
idyllisch auf dem harten Gras ausgebreiteten Wäschestücke
vergißt unsereins oft ganz, wie schwer diese Arbeit ist.

Langsam geht's im Zigzag bergab, und die ersten Nebelschwaden
ziehen aus dem tropischen Küstentiefland herauf. In jedem
kleinen Dorf stehen Kinder am Bahnsteig und verkaufen uns mit
viel Gestik und Geschrei <fritadas>, das pikante geröstete
Schweinefleisch, und <empanadas>, kleine Teigtascherl mit
Fleisch- oder Käsefüllung. Je weiter wir hinunter kommen, desto
mehr tropische Früchte werden uns auch angeboten, und irgendwann
fahren wir unter sengender Sonne an kilometerlangen
Bananenplantagen vorbei und ernähren uns nur noch von
ausgepreßter Zuckerrohr-limonade. Völlig verrußt und staubig
treffen wir am Abend schließlich in Guayaquil ein. Beim
Abendessen auf einer der luftigen Terrassen der vielen
schwimmenden Restaurants, die die Uferpromenade des Flußes
Guayas im Zentrum der Stadt schmücken, stimmen wir alle
einhellig überein: "Toll war's, ein echter Abenteuerurlaub,
so wie man sich's immer vorgestellt hat!"

Eine ähnliche Reise, eine sogenannte
<Selbstversorgertour>, organisieren wir diesen Sommer vom
8. Juli - 3. August 1997. Ein Info-Abend darüber findet am
Donnerstag, den 10. April 1997 um 17.00 Uhr in den
Räumlichkeiten des Traveller-Clubs Austria in der
Schreyvogelgasse,3 im 1. Bezirk in Wien statt.
Mündliche Information erhalten Sie auch bei Petra Waltner, Tel.
0222/333.48.54 sowie unter der Telefonnummer 0222/607.44.37 (Ulli
Müller) und beim Bfst-Studentenreisebüro, Tel:
0222/533.35.89-0, Mo 15-18 Uhr, Do 14-17 Uhr.

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Tuesday, 22. May 2012