Traveller Club Austria

Mein Himmel über der Wüste

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Tunesien

Einige müde Stunden nach dem Abflug vom nächtlichen, menschenleeren
Airport in Schwechat landen wir auf dem Flughafen von Djerba, von wo uns ein Taxi ins
Zentrum der Inselhauptstadt Houmt Souk bringt. Durch holprige Gäßchen stolpern wir zum
Hotel Erryadh, in dem Emile vorsorglich ein Zimmer bestellt hatte. Nachdem wir den
Messingtürklopfer betätigt haben, öffnet sich die schwere Holztür und gibt den Blick
auf eine hübsche Rezeption und den dahinterliegenden Innenhof frei. Dem Rezeptionisten
ist es sichtlich peinlich, uns über den Buchungsstand zu informieren. Am nächsten Morgen
finden wir heraus warum: Das "Erryadh" ist "das" Hotel für
preisbewußte Reisegruppen und demzufolge praktisch immer ausgebucht. Individualreisende
sind in Tunesien, vor allem in den Touristenzentren, eine eher seltene Spezies, auf die
niemand so wirklich eingestellt ist.

Ungewollt zelebrieren wir nun ein Stück christlicher Kultur in einem,
wenn auch recht aufgeschlossenen, moslemischen Land: Herbergssuche um 4 Uhr morgens. Die
hübschen weißen Häuser sehen auf einmal gar nicht mehr so einladend aus. Aber wir haben
Glück. Gleich um die Ecke gibt es das "Sables d’Or". Ein sauberes,
gemauertes Bett erwartet uns.

Houmt Souk selbst ist ein geschäftiger Ort, der fast auschließlich
aus winzigen Läden und Restaurants besteht, die mit Pizza und Cappuccino ausländische
Gäste anzulocken versuchen. T-Shirts mit Kamelen, Teppiche, Keramik, Silber und
dazwischen hartgesottene Touristen in Shorts und ärmellosen Leibchen. Wir kommen uns
hoffnungslos verweichlicht neben dieser Zurschaustellung teutonischer Qualitäten vor. Ein
Supermarkt, der Busbahnhof, die Zitadelle, der Gemüsemarkt und bunte Fischerboote im
Hafen. Eigentlich haben wir Houmt Souk gesehen.

Wir haben genug vom Inselleben und beschließen, uns auf den Weg in die
Wüste, unserem eigentlichen Ziel, zu machen. Der Bus bringt uns nach Gabès. Von dort
geht es mit einer Louage nach Kebili und dann weiter zur Oasenstadt Tozeur. Louages sind
praktische Sammeltaxis, die, kaum teurer als Busse, fixe Routen befahren. Es gibt keine
feststehenden Fahrtzeiten. Gefahren wird, wenn das Taxi voll ist, was ausschließlich im
Ermessen des Chauffeurs liegt. Problematisch ist immer wieder, ein solches Gefährt zu
entern, vor allem mit so sperrigem Gepäck wie zwei Rucksäcken. Hat man endlich eine
Louage erspäht, die ein Schild mit dem ersehnten Ortsnamen trägt, muß man sich zu einem
Sprint mit anschließendem Nahkampf bereitmachen, denn mindestens sechs Tunesier haben
dasselbe Ziel und jahrelange Übung im Kapern von Taxis. Anfänglich üben wir britische
Zurückhaltung und weisen nur höflich darauf hin, daß wir eigentlich zuerst hier gewesen
sind. Nach einstündigem Warten wirft Emile die Rucksäcke kurzerhand in den Kofferraum,
während ich mich auf der Rückbank so breit wie möglich mache, bis auch er ins Auto
geschlüpft ist.

Tozeur ist eine hübsche Oasenstadt, die es geschafft hatte, sämtliche
Luxushotels aus dem Stadtzentrum zu verbannen und somit das einheimische Flair weitgehend
zu erhalten. Wir quartieren uns in "unserem" Hotel Aicha ein, das wir schon von
unserem ersten Aufenthalt in Tunesien kennen. Es ist nach wie vor angenehm, gepflegt und
sehr billig. Vom Balkon unseres geräumigen Zimmers aus können wir ungestört den
Sonnenuntergang genießen und die Menschen beobachten, die, traditionell in ihre
bodenlange Jallabah gehüllt, den Friedhof durchqueren.

Das Schönste an Tozeur ist die Oase, durch die sich eine lange
gewundene Straße zum "Paradiesgarten" und dem "Wüstenzoo" zieht.
Schon der Weg durch den Palmenhain mit seinen Bewässerungskanälen und Gemüsegärten,
den Eselkarren und den nicht immer friedlichen Hunden ist ein Erlebnis. Der Zoo selbst
befindet sich inmitten der Oase. Ein bißchen pathetisch, ein bißchen melancholisch und
doch bezaubernd liegt er da und beherbergt winzige Eulen, fledermausohrige Feneks
(Wüstenfüchse), lethargische Kamele und einen armen Affen, der aufgrund seines winzigen
Käfigs und des völligen Mangels an Spielgelegenheiten schwer verhaltensgestört ist.

Ein schöner Spaziergang führt zum Belvédère, einem Aussichtsfelsen,
der einen wunderbaren Blick auf die Wüste und den Chott el Djerid bietet. In
unmittelbarer Nähe des Monolithen gibt es warme Quellen, versteckte Wasserfälle und
Tümpel, in denen es sich herrlich baden läßt, zumindest als Mann. Ich kann nur
gesenkten Blickes an der badenden Männerwelt vorbeihuschen und mich auf die Dusche im
Hotelzimmer freuen. Ein freizügiges Leben à la Donauinsel gibt es im ansonsten recht
fortschrittlichen Tunesien eben nicht. Tunesien ist und bleibt Männersache.

Nun geht das Abenteuer richtig los. Eine Woche lang mieten wir einen
Peugeot, um damit die Oasendörfer um Chebika an der algerischen Grenze sowie die Ksars im
Süden des Landes zu erforschen. Die Preise für Mietwägen sind relativ hoch, verglichen
mit denen in Europa, und es lohnt sich, eine kleine unbekannte Agentur (keinesfalls Hertz
oder Avis) zu suchen und ausdauernd zu verhandeln. Aufgeregt beladen wir unser flottes
Auto, das eigentlich viel zu schön ist für das, was wir mit ihm vorhaben. Besorgt
mustern wir die geringe Bodenfreiheit des Wagens, die uns im Sand noch Probleme bereiten
wird.

Zuerst geht es aber noch recht gemütlich auf einer breiten Straße
nach Gafsa. Auf dem Weg dorthin machen wir Halt bei der Seldja-Schlucht. Das Panorama ist
großartig, eine richtige Winnetou-Kulisse. Durch zwei Eisenbahntunnels wandern wir die
Schlucht hinauf. Ganz wohl fühlen wir uns nicht in der dunklen Röhre. Und tatsächlich
kommt der "Rote Salamander", ein gemächlicher Touristenzug, in den Tunnel
gestampft, als wir uns gerade in dessen Mitte befinden. Eng drücken wir uns an die Wand,
bis das Ungetüm an uns vorbei ist. Dafür belohnt uns danach der grandiose Blick auf eine
meterhohe Felsspalte, durch die sich glitzernd ein Fluß windet, für den ausgestandenen
Schrecken.

Mittlerweile herrscht Bilderbuchwetter, blauer Himmel, Sonnenschein,
aber winterlich kühl. Die Landschaft ist karg und felsig. Immer wieder tauchen neue
Felsformationen vor uns auf, die den Vergleich mit dem amerikanischen Westen nicht zu
scheuen brauchen. Die Farben, die zum Teil bizarren Konturen lassen das Herz jedes
Fotografen höher schlagen. Von Gafsa geht es weiter nach Moulares, Midès und Chebika.
Tiefe Schluchten, verlassene Dörfer, die sich an Felsen zu klammern scheinen,
Wasserfälle. Jeder Winkel atmet Geschichte und lädt zum Träumen ein. Die Nacht
verbringen wir in Temerza, das uns aufgrund seiner zauberhaften Lage gefällt. Auch hier
gibt es ein verlassenes, halbverfallenes Dorf, in dem man die Phantasie auf Reisen
schicken kann.

Wir nächtigen nicht, wie geplant, im L’Hotel des Cascades, das
das Prädikat "overpriced" wahrhaft verdient, sondern in einem ausgeborgten Zelt
inmitten eines Palmengartens. Der Sternenhimmel über uns, ein Lagerfeuer in der Ferne
lassen uns an Bertoluccis "Himmel über der Wüste" denken. Als ich noch ein
Rascheln im Gebüsch und tanzende Lichter sehe, ist die Situation endgültig spannend. So
lange jedenfalls, bis sich der geheimnisvolle Eindringling als ziemlich große Katze
herausstellt, die uns mindestens so unheimlich findet wie wir sie.

Am nächsten Morgen schälen wir uns etwas steif aus unseren
Schlafsäcken und kehren zurück nach Tozeur. Von dort geht es auf einer schnurgeraden
Straße über den Chott el Djerid nach Douz. Diesmal haben wir Glück, denn es scheint in
der Zwischenzeit geregnet zu haben, und erstmals sehen wir den großen Salzsee von einer
zentimeterdicken Wasserschicht überzogen, die im Sonnenlicht wie Eis glitzert.

Douz ist ein kleiner Ort am Rande des Erg, der Sandwüste. Nicht
umsonst wird Douz das "Tor zur Wüste" genannt, denn hier geht die Oase direkt
in blendendweiße Sanddünen über. Der Ort selbst ist wenig aufregend. Ein Marktplatz, um
den sich die obligaten Souvenirläden drängen - Teppiche, Keramik und großartige
Sandrosen in allen Größen. Dazischen immer wieder köstliche reife Datteln, zum Teil
noch an ihren gelben, an Strohbesen erinnernden Stengeln. Wir logieren im "Bel
Habib", das mittlerweile nicht mehr dem im Handbook gepriesenen Standard entspricht.
Die Zimmer sind winzig, zum Teil schäbig, die Gemeinschaftsduschen sauber, aber bereits
leicht angejahrt. Der Preis für diese Qualität ist nachgerade fürstlich. Vielleicht
zahlt man für die erstklassige Fotomöglichkeit, die sich vom Flachdach aus bietet. Mit
einem guten Tele lassen sich wunderbare Szenen vom darunterliegenden Marktleben einfangen.
Kochen kann man dort oben auch prima.

Am späten Nachmittag wandern wir zur berühmten Ofra Sanddüne, die
eine einmalige Touristenattraktion darstellt. Im rosafarbigen Abendlicht liegt sie
majestätisch am Rande der Wüste und läßt Sehnsucht nach dem aufkommen, was dahinter
liegt. Zwischen den länger werdenden Schatten breitet sich ein endloses Sandmeer mit
vereinzelten Palmengrüppchen vor uns aus. Selbst die Kamelkarawanen, die durch die
Kulisse schaukeln, auf ihren Rücken Reisegruppen aus den Luxushotels, können die
Stimmung nicht wirklich verderben. Mit etwas Phantasie und aus der nötigen Entfernung
sind es einfach Nomadenstämme, die durch die Wüste ziehen.

Interessant in Douz ist vor allem der Viehmarkt, der jeden Donnerstag
inmitten der Oase stattfindet. Auf Pick-ups werden Wagenladungen voll Schafen und Ziegen
herbeitransportiert. Ab und zu überragt ein arroganter Kamelkopf die eng
zusammengepferchten Tiere. Wieder sind es nur die Männer, die handeln und feilschen, sich
zwischen den angepflockten Tieren durchdrängen. Unbeachtet schlendern wir durch das rege
Treiben, niemanden scheinen die beiden Ausländer zu stören.

Diesmal haben wir ganz besonderes Glück, denn in Douz findet jeden
Winter um die Weihnachtszeit das berühmte Saharafest statt, zu dem sich Beduinen aus
Tunesien, Algerien und Libyen gemeinsam mit ihren Tieren einfinden, um atemberaubende
Reiterkunststücke vorzuführen. Auf dem Weg zum Festivalgelände, das sich etwas
außerhalb von Douz befindet, werden wir von einem Turnlehrer aus Tunis unter die Fittiche
genommen, der uns rücksichtslos auf die VIP-Plätze bugsiert, von wo aus wir einen
grandiosen Blick auf das Geschehen haben. Dunkelbraune Beduinenzelte umrahmen in einem
Halbkreis den Festplatz, dessen Zentrum ein alter Brunnen bildet. Überall tummeln sich
farbenprächtig gekleidete Mädchen und Burschen. Ein "Herold" verkündet den
Beginn der Veranstaltung, die aus einem farbenprächtigen Schauspiel besteht, bei dem ein
hübsches Mädchen offensichtlich an einen Mann aus einem anderen Stamm verheiratet wird.
Vielleicht wird sie auch geraubt. Ganz sicher sind wir uns da nicht, da die Erklärungen
ausschließlich in Arabisch gegeben werden. Eine Gruppe blaugewandeter, verschleierter
Tuaregs aus Libyen erregt besonderes Aufsehen.

Am nächsten Tag machen wir uns auf zu den Ksars des Südens, lassen
Matmata, einen reinen Touristenort, hinter uns, in dem man aufdringlichen Einheimischen
nur mit der Bemerkung, man sei aus Liechtenstein, und einem möglichst verständnislosen
Lächeln entkommt. Dann geht es weiter nach Tataouine ins Land der Berber und von dort
durch eine atemberaubend schöne Landschaft und auf teilweise äußerst schlechten
Straßen zurück nach Beni Kheddache. Wir passieren klingende Namen wie Guermessa und
Ghoumrassen, Ksar Haddad und Ksar Ouled Soltane, wo wir auf einem sonnigen Platz, den
eindrucksvolle, gut erhaltene Ghorfas umrahmen, unseren Pfefferminztee schlürfen. Die
Architektur dieser Berberdörfer erinnert an vergangene Zeiten, in denen mit blutigen
Überfällen durch arabische Stämme gerechnet werden mußte. Die Lehmbauten, deren
weiche, gerundete Formen harmonisch in die Landschaft passen, schmiegen sich immer um die
Spitze eines Hügels. Das Zentrum bilden die Getreidespeicher oder Ghorfas, die
mehrstöckig übereinander angelegt sind und über schmale gemauerte Treppen, die außen
am Gebäude angebracht sind, zugänglich sind. Das was von unten malerisch und leicht
erklimmbar aussieht, wird in fünf Meter Höhe aber ziemlich brüchig.

Unser nächstes Ziel ist Ksar Guilane, das einen Fixpunkt bei
sämtlichen Wüstentouren darstellt. Unser Problem ist jedoch unser Auto. Sollen wir oder
sollen wir nicht? Immerhin ist die Piste angeblich nur für vierradgetriebene Fahrzeuge
geeignet. Andererseits haben wir einen Kompaß bei uns und die Distanzen sind klein genug,
um sie notfalls auch zu Fuß zu bewältigen. Vorsichtshalber besorgen wir uns eine
Schaufel und einen großen flachen Stein. Graben sich die Räder des Wagens in den Sand,
so hebt man das Auto am besten mittels Wagenheber so weit an wie möglich und schiebt
kleine Steine unter die Vorderräder. Damit der Wagenheber nicht im losen Sand versinkt,
benötigt man den großen Stein als Unterlage. Danach kann man mit etwas Geschick und
Schwung weiterfahren. Außer diesen recht primitiv anmutenden Utensilien nehmen wir noch
ausreichend abgepacktes Trinkwasser mit und füllen auch unseren Wassersack randvoll.
Eigentlich ist die ganze Tour nicht halb so gefährlich, wie wir sie uns ausmalen, aber es
macht einfach Spaß, sich als wagemutiger Indiana Jones zu fühlen. Was tut’s, daß
die Strecke gar nicht so einsam ist wie angenommen und wir trotz eifrigsten Spähens keine
Kamelskelette entdecken, die im kalten Sand bleichen.

Wir nehmen die Route über den Bir Soltane. Stellenweise ist die an
sich gut befahrbare Piste knöcheltief mit Sand bedeckt. Immer wieder "eiert"
der Wagen wie betrunken über die Sandverwehungen, geschickt gesteuert von Emile, dem es
mittlerweile richtig Spaß macht, gefühlvoll, aber zügig über die Sandzungen zu
gleiten. Zweimal schaufeln wir unseren braven Peugeot aus den Dünen, jedesmal unter der
Aufsicht eines aufmerksamen Wüstenbewohners, der buchstäblich aus dem Nichts auftaucht.
Obwohl ich gerne selbst Hand anlegen würde, darf ich nur danebenstehen und die Männer
beobachten, denn Autos Ausgraben ist zweifellos Männersache.

Am späten Nachmittag erreichen wir Ksar Guilane. Die letzten Kilometer
vor dem Oasendorf sind die spektakulärsten, denn hier werden Schotter und Geröll wieder
von herrlichen Sanddünen in warmen Erdfarben abgelöst. Kurz vor Sonnenuntergang nähern
wir uns einem Wegweiser, der mehrere Campingplätze anzeigt. Vorbei an wenig einladenden
Hütten folgen wir diversen Radspuren, nur um wieder vor einer nicht durchquerbaren
Sandverwehung zu stehen. Schließlich erbarmt sich unser ein Führer und bringt uns zum
Zeltlager, dessen Preise eine wesentlich komfortablere Unterkunft vermuten lassen als die,
die uns angeboten wird. In einem großen Zelt stehen vier Campingliegen mit schmutzigen
Schaumstoffmatratzen. Darauf ein Polster, Decken und Laken. Wieder einmal sind wir froh,
unsere Schlafsäcke bei uns zu haben, denn in dieser Nacht sinken die Temperaturen auf den
Nullpunkt, und die dünnen Zeltwände bieten kaum Schutz vor der beißenden Kälte. Ein
kleiner Spaziergang führt uns zu einem flachen Naturbecken, das von warmem Quellwasser
gespeist wird. Vorbei an dem Teich, der von kleinen Bars und Souvenirläden gesäumt ist,
geht es unter Palmen hinaus in die Wüste. Und dieses Bild, die intensiv braunrot
gefärbten Wellentäler, darüber der in allen Regenbogenfarben schimmernde Himmel sind
ein so beeindruckender Anblick, daß stundenlange Autofahrten über holprige Pisten im Nu
vergessen sind. Bis die Sterne am Himmel erscheinen, strecken wir uns auf den Dünen aus
und geben uns dem Zauber der Wüste hin. Schließlich treibt uns die Kälte in die
scheinbare Geborgenheit unseres Zeltes, in dem wir eine der kältesten Nächte unseres
Lebens verbringen.

Fröstelnd schälen wir uns am nächsten Morgen aus unseren
Schlafsäcken, geben die Hoffnung auf eine warme Dusche auf, die gibt es hier nämlich
nicht, und begeben uns zum Frühstückszelt. Außer uns gibt es dort nur eine zitternde
Reisegruppe, die, in Decken gehüllt, an langen Tischen sitzt. Wohl erzogen, man hat ja
schließlich Kinderstube, setzen wir uns ebenfalls an einen Tisch - und warten. Die
Reisegruppe bekommt ihr Frühstück, bekommt Nachschub, die nächste Gruppe trudelt ein,
bekommt ihr Essen. Wir warten. Unsere Bitte nach warmem Tee nimmt der Kellner hoheitsvoll
zur Kenntnis, schnurrt "Oui, oui" und begibt sich gemessenen Schrittes in die
Küche, wo seine Kollegen gemütlich rauchend an der Wand lehnen. Tod durch Verhungern
oder Erfrieren? Schließlich nehme ich die Sache in die Hand, gehe in die Küche und
verlange ein Frühstück. Für den Küchenchef bin ich nicht existent. Drei Minuten
später versucht Emile dasselbe, fragt aber nicht mehr nach dem Frühstück, sondern nach
Brot und Tee. Vor den verdutzten Augen des Angestellten, der zuerst gelangweilt in die
richtige Richtung gedeutet hat, packt Emile ein Baguette und Marmelade. Kaum sitzen wir am
Tisch und verzehren unsere Beute, erscheint der Kellner mit einem Körbchen voller
Brotschnitten und einer Kanne dampfenden Tees. Seine Ehre ist erst wiederhergestellt, als
er das Objekt unserer Begierde entfernt hat und wir uns am "richtigen"
Frühstück laben.

Bevor wir zurück nach Djerba fahren, machen wir per Bus noch einen
Abstecher in die heilige Stadt Kairouan, die alles bietet, was man sich von einer
morgenländischen Metropole erwartet. Moscheen, weiße Häuser mit wunderschönen
Holzbalkonen, verwinkelte Gäßchen, endlose Souks, deren Warenangebot sich qualitativ
sehr deutlich von dem in Houmt Souk abhebt. Hier sehen wir erstmals wirklich schöne
handgewebte und handgeknüpfte Teppiche und können einer Teppichknüpferin bei der Arbeit
zusehen. Besonders fasziniert uns wie immer der Gemüse- und Fleischmarkt. Man braucht nur
ein paar Meter von der Hauptstraße abzuweichen und in einer der vielen Seitengassen zu
verschwinden, schon befindet man sich in einer anderen Welt. Blutverschmierte Kuh- und
Ziegenköpfe hängen vor kleinen Fleischläden und zeigen dem interessierten Käufer, daß
die Ware frisch ist. Eingeweide und weißgraue Häute, bis heute wissen wir nicht, worum
es sich dabei handelt, liegen aufgetürmt auf den Tischen. Interessiert untersucht ein
etwa vierjähriger Dreikäsehoch einen blutigen Schafskopf. Naja, unsere Kids lieben ja
auch "Das Schweigen der Lämmer".

Von Kairouan nehmen wir den Bus zurück nach Houmt Souk, wo das Wetter
noch genauso grau und feucht ist wie zu Beginn. Mit einem der Linienbusse fahren wir kreuz
und quer über das Inselchen, für dessen vielgepriesene Schönheiten wir uns nicht
wirklich erwärmen können. Vielleicht liegt’s an der Temperatur, vielleicht an dem
schauerlichen Ramsch, der überall angeboten wird. Auf jeden Fall ist das einzige, das uns
an Djerba in positiver Erinnerung bleibt, die jüdische Synagoge in Er Riadh mit ihren
bunten Glasfenstern, ihren uralten Hütern und dem Käppi, das Emile gar nicht so schlecht
steht.

-Andrea Schenk-

 

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Monday, 06. February 2012