Traveller Club Austria

Der Marsch durch die Atacama Wüste

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Chile

Expeditionsteilnehmer :

Hubert Galautz, Norbert Tschinderle

Zelt aufstellen, Koordinaten berechnen, Essen und dürftige Toilette sind schon Routine. Hoffentlich wird die heutige Nacht nicht wieder so kalt. Um 17.30 Uhr beendet ein herrlicher Sonnenuntergang über der Pampa dei Tamarugal den vierten Tag unserer Wüstendurchquerung. Es ist Juli, Hochwinter in Chile. Die langen, frostigen Nächte machen uns ganz schön zu schaffen. Am nächsten Tag mache ich folgende Eintragung ins Tagebuch: ,Heute war mit -8°C neuer Rekord Das Aufstehen wird zur totalen Herausforderung. Die Finger sind so kalt, dass wir kaum unser Lager abbrechen können. Dann marschieren wir los, die Zähne klappern. Das Gehen ist mühsam, da man einige Zentimeter tief einsinkt. Seit zwei Tagen haben wir nicht das geringste Zeichen von Leben in der trockensten aller Wüsten gesehen. Selbst die Abflussrinnen, in denen sonst immer irgendwelche Büschel wachsen, sind völlig vegetationslos. Ab und zu stoßen wir auf ausgebleichte Lamagerippe. Parallel zu unserer Marschroute führt ein Flussbett. Es ist einige Meter tief eingegraben. Der Boden scheint dort härter zu sein, so .steige ich ab. Herrlich zu gehen, fast doppelte Geschwindigkeit. Bis zu Mittag gehen wir 16,6 Kilometer. Es wird ganz schön heiß. Zur Rast baut Hubert einen Sonnenschutz. Inzwischen sind unsere Wasservorräte wieder aufgetaut. Bis Sierra Gorda sind es noch 25 Kilometer."

Vor vier Tagen sind wir von San Pedro de Atacama aus aufgebrochen, um ein Teilstück von 120 Kilometern im Herzen der Atacama zu durchqueren. Unsere Route führt etwa entlang des südlichen Wendekreises.

Der erste Tag war landschaftlich ein Höhepunkt, wenngleich mit einer Tagesleistung von acht Kilometern auch bittere Ernüchterung. Werden wir es schaffen? Sind wir in der Lage aus diesem Nirwana von steilen Hügeln und Schluchten eine gangbare Route zu finden? Und dann der Wettlauf gegen die Zeit. Wie haben für fünf Tage Wasser in unseren Rucksäcken. Mehr können wir nicht schleppen. Wir starten an der Ostflanke der Sierra Domeyko auf etwa 2.500 Metern und müssen das 3.500 Meter hohe Gebirge heute noch überqueren. Unter normalen Umständen kein Problem. Hier in der extremen Wüste, sind die Felsen aber derart verwittert, dass sie bei jeder Berührung zerfallen. Immer wieder müssen wir umkehren und uns eine andere Route suchen. Stunde um Stunde plagen wir uns nach oben. Gegen 16 Uhr erreichen wir dann den Grat und werden mit einem traumhaften Blick in die wohl schönste Wüstenlandschaft belohnt. Im Hintergrund stehen die schneebedeckten Vulkane der Anden, die über zig Kilometer lange leicht geneigte Schotterflächen in den Salar de Atacama, einen großen Salzsee übergehen. Zwischen der braunen Salzkruste leuchten die offenen blauen Lagunen herauf. Unmittelbar unter uns liegen die Badlands der Sierra Domeyko, Hunderte isolierte Hügel mit steilen Abbrüchen. Wie gesagt, extrem schwieriges Gelände, aber das haben wir ja jetzt hinter uns. In den nächsten Tagen werden wir vor allem Kilometer machen und erreichen nach fünf sehr anstrengenden Tagesmärschen unser Ziel Sierra Gorda.

Im Osten wird die Atacama durch die mächtige Gebirgskette der Anden abgeriegelt. Die hohen Berge fangen feuchte Luftmassen aus dem Amazonastiefland ab und lassen so gut wie keine Regenwolken durch. Um die Atacama von der Pazifikküste bis hinauf in die Andengipfel zu dokumentieren, haben wir uns den 5.930 Meter hohen Licancabur vorgenommen. Den Aufstieg haben wir auf der bolivianischen Nordflanke geplant, welche fast bis oben hin schneefrei ist (auf der Südhalbkugel scheint ja die Sonne aus dem Norden).

Hubert, der Bergführer und ausgezeichnete Kletterer freut sich schon seit Tagen auf den Bilderbuchvulkan. Ich habe im Hochgebirge so gut wie keine Erfahrung und für mich ist es der erste (fast) 6.000er. Leider hatten wir nur bedingt Zeit uns zu akklimatisieren. Dementsprechend anstrengend ist es dann auch, zumindest für mich, aber trotzdem ein unvergessliches Bergerlebnis. Mit dabei sind auch unsere deutschen Freunde Holger und Markus, die sich auf unsere Einladung hin kurzfristig entschlossen hatten den Berg zu bezwingen. Hier ein Auszug aus meinem Tagebuch: "Durch stockdunkle Nacht schrauben wir uns den Berg hoch. Zunächst gehen wir entlang eines Steiges, der sich aber bald verliert. Nach zwei Stunden wird es hell. Wir erleben einen prachtvollen Sonnenaufgang und genießen die wärmenden Strahlen. Alle paar Minuten halten wir. Die Höhe macht ganz schön zu schaffen. Holger bleibt auf etwa 5.000 Metern zurück. Es gibt keinen Weg. Den gesamten Aufstieg plagen wir uns über Schotterfelder. Die Felsen liegen sehr instabil. Immer wieder treten wir große Steine los. Die Luft wird ständig dünner. Hubert ist ein Profi und zieht voran. Markus und ich kämpfen. 15 Schritte und dann umarmen wir wieder einen Felsen, um zu rasten. Mehrmals ertappe ich mich, dass mir im Sitzen die Augen zufallen. So wild habe ich es mir nicht vorgestellt. An Aufgeben denke ich aber trotzdem keine Sekunde. Etwa 100 Meter unter dem Gipfel beginnen kleine Firnfelder. Sie ohne Steigeisen zu begehen, ist nicht möglich. So müssen wir uns den Weg über Felsen suchen. Irgendwann bleiben wir mit Markus liegen. Hubert steigt noch etwa 40 Meter bis zum Gipfel und dass es nicht so aussieht, als hätten wir aufgegeben, steigen wir ihm nach. Nach dem obligaten Gipfelfoto genießen wir das herrliche Panorama. Braune Vulkane mit weißen Schneekappen, uns zu Füßen das Tal mit der türkisen Laguna Verde."

Die Atacama ist eine Küstenwüste, die sich über eine Länge von 3.700 Kilometer an der Westküste Südamerikas über die Länder Ecuador, Peru und Chile zieht. Die Tatsache, dass hier Niederschläge oft über Jahrzehnte aussetzen, macht die Atacama zum trockensten Landstrich der Welt. Auf der einen Seite liegt sie im Regenschatten der Anden. Aber auch die Küstenorte Arica, Iquique, Tocopilla, Antofagasta erhalten so gut wie keinen Regen. Grund dieser extremen Trockenheit ist der kalte Humboldtstrom, der die Wolken bereits über dem Meer zum Abregnen bringt. Die Kernwüste ist völlig vegetationslos. Im Küstengebirge findet man auf einer Höhe von 800 Metern die Lomavegetation. Kakteen und Wasser speichernde Büsche wachsen hier oder wurzellose Tillandsien, welche die lebensnotwendige Feuchtigkeit dem Morgentau entziehen. Dieser tritt vor allem im Winter als "camanchaca", einem dichten Nebel auf.

Im Nationalpark Pan de Azucar führt uns ein Einheimischer die Küstenkordillere hinauf. Eine wilde Fahrt durch trockene Flussbetten. Sie sind angefüllt mit Schutt. Ein Zeichen der Wasserknappheit. Das Material verwittert, kann aber nicht abtransportiert werden. Entstanden sind diese Täler zur letzten Eiszeit, als es hier feuchter war. Mit zunehmender Höhe beginnt die Lomavegetation. Schließlich stechen wir durch die Nebeldecke und werden von der Abendsonne begrüßt. Unter uns liegt die Nebelsuppe wie in den AIpentälern bei einer winterlichen Inversionswetterlage. Die dem Meer zugewandten Hänge sind üppig bewachsen. Ein Bild, das uns die letzten Wochen fremd geworden ist. Nicht nur die Flora auch die Fauna ist nicht zu übersehen. Vögel und Eidechsen tummeln sich zwischen den Kakteen. Als sich uns dann auch noch ein Wüstenfuchs neugierig nähert, sind wir begeistert, auch diesen lebendigen Bestandteil der Küstenwüste gesehen zu haben...

-Norbert Tschinderle-

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Tuesday, 07. February 2012