Madagaskar, Wunderwelt voller Mythen
Umspült vom Indischen Ozean und Fernab von Hektik und Wirbel erschließt sich dem Reisenden ein Naturparadies – ein Lebensraum ohne Zeit, mit schneeweißen Traumstränden, Berge und Canyons mit feuerroten Sonnenuntergängen und einer Tier- und Pflanzenwelt, die Lust aufs Entdecken weckt. Tonga soa vazaha ! Sei willkommen Fremder !
Lange bevor Militärstiefel den Fortschritt der madagassischen Geschichte bestimmten, nahm das Leben einschließlich jenes der Königin barfuß seinen Lauf.
Auch heute noch gehen viele bloßfüßig. „Auf daß der Tau des Himmels und der Geschmack der Erde Euch durchdringen„, lautet der Segen der Ahnen. Die alltägliche Konversation der Madagassen ist voll von Sagen und der Natur entlehnten Sinnbildern. Für sie ist der Mensch nur ein Reisender durch die Schöpfung. Die Verstorbenen gelten nicht als tot. „Sie sind wie das Salz, das sich im Meer zwar auflöst, aber nicht verschwindet„. Den Seelen der verstorbenen Angehörigen wird eine zutiefst empfundene Verehrung, Respekt aber auch Furcht entgegengebracht, denn als Mittler zwischen Gott und den Menschen können sie auf den Lauf der irdischen Geschicke Einfluß nehmen. Bei der traditionellen „Famadihana„, der Totenumbettung versuchen die Lebenden Kontakt mit den Verstorbenen aufzunehmen; ihnen Sorgen, Neuigkeiten und Anliegen vorzutragen. Bei diesem oft tagelang dauernden Freudenfest werden die sterblichen Reste aus dem Familiengrab geholt, die Gebeine gewaschen und in neue Tücher gewickelt. Der Dorfälteste hält eine Ansprache an die Toten, Zebu-Rinder werden geschlachtet, Musikanten spielen und der Rum fließt in Strömen.
Unter den Sternen barfuß glücklich
Auch wir betreten Madagaskar barfuß, verlassen nach fünf Tagen stürmischer Fahrt über den Indischen Ozean unsere schwankende Segelyacht und setzen unsere ersten Schritte auf die Inselgruppe Mitsio. Auf die im Nordwesten vorgelagerten, traumhaft schönen Inseln mit weißem Strand, bunten Fischen, Palmen und kristallklarem Wasser verirren sich nur selten Touristen, zu abgelegen liegt dieses Paradies. Für die wenigen Bewohner zählt kein Geld. Hier wird getauscht. T-Shirts gegen Früchte und Fisch, Gebrauchsgegenstände gegen Langusten und Muscheln.
Im türkisfarbenen Wasser gibt es tropische Fische, seltene Meeresschildkröten, blaue Seesterne, und andere Riffbewohner zu entdecken. Nach den anstrengenden Tagen auf See genießen wir das „Robinsonleben„, den Gleichklang der Tage, die schnell hereinbrechende Tropennacht und das tägliche Tauchen am Riff. Mühelos gelingt uns, was wir im Alltag nur schwer über längere Zeit schaffen: im Ausgleich und Harmonie zu leben, den Augenblick zu spüren und durch Beobachten und Lernen völlig Neues zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Wir lesen über die Abenteuer der Piraten, die portugiesische Schiffe überfielen und ihnen Gewürze, Weihrauch, Smaragde, Perlen, und kostbare Stoffe abjagten. Auf der kleinen Insel Sainte-Marie (Nosy Boraha) an der Ostküste Madagaskars sollen zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht weniger als 1000 Seeräuber aller Nationen auf der Lauer gelegen sein. Heute nutzen die Buckel- und Killerwale die Abgeschiedenheit der Insel um sich zu paaren. Wer absolute Ruhe sucht, fliegt am besten mit einem Inlandflug nach Sainte Marie, mietet sich in der Bucht von „La Crique„ einen Bungalow und paddelt mit einem Auslegerboot, auch Piroge genannt, die Küste entlang. Liebhaber von Meeresfrüchten bekommen diese frische geerntet auf den Mittagstisch.
„Mora - Mora„ (langsam - langsam), im Rhythmus dieser Bedächtigkeit pressiert es den Menschen hier nicht nach westlicher Art ihren Tag auszufüllen. Touristisch ganz gut erschlossen ist Nosy Be, die Insel der Düfte, an der Westküste Madagaskars. Im tropischen Klima gedeihen die Ylang-Ylang Bäume, aus deren Blüten Parfumessenz gewonnen wird. Das halbverfallenen Kolonialstädtchen Hell-Ville, und das Nachtleben bei madagassischer Musik und inseleigenem, destillierten Rum garantieren einen erholsamen Urlaub unter Kokospalmen und Stränden mit Sand wie Mehl.
Die Inseln rund um Nosy Be bieten viel Interessantes für Naturliebhaber. Auf Nosy Tanikely lebt eine Kolonie von Flugfüchsen: Eine Fledermausart mit einer Flügelspanne von mehr als einem Meter. Für Touristen ohne eigenem Boot lassen sich leicht Tagesfahrten im Motorboot zu den umliegenden Inseln arrangieren.Nosy Komba, die Insel der Lemuren, laufen wir gleich zwei Mal an. Hier leben die Mohrenmakis, eine der vielen Lemurenarten, die es nur mehr auf Madagaskar gibt. Ihre Lieblingsspeise sind Bananen. Die Gier nach diesem Leckerbissen läßt sie die Scheu vor dem Menschen vergessen. Mich überlisten die witzigen Tierchen sozusagen im Team. Ich habe keine Chance meine Bananen langsam zu verteilen. Auf Schulter, Hüfte und Beinen hängend, erbeuten sie gnadenlos meinen Vorrat.
Nosy Komba hat das Flair einer Südseeinsel und den Charakter eines Freilichtmuseums. Ich mische mich mit meinen mitgebrachten Tauschwaren zwischen die Inselbewohnerinnen, die am Strand allerlei Waren feilbieten. Nach zähen Verhandlungen erstehe ich so manches gute Stück. Gestickte Vorhänge, geschnitzte Figuren, schön polierte Muscheln, getrockneten Fisch und vieles mehr. An meinem Geburtstag soll mich eine Nacht in einer der romantischen Bambushütten mit Meeresblick und muschelgeschmückter „Vorgarten„ für schaukelnde, stickige Kojennächte entschädigen. Hotel „Florance„ auf Nosy Komba ist ab jetzt nicht nur für Flitterwöchner eine „5-Sterne Empfehlung„.
1926 waren 23 Flugetappen in 54 Tagen notwendig, um die viertgrößte Insel unserer Erde zu erreichen ! Die meisten Menschen in unseren Breiten wissen von der riesigen Insel vor der Südostküste Afrikas, nicht viel mehr, als daß dort der „Pfeffer wächst„, und daß Anfangs dieses Jahrhunderts auf einem russischen Kriegsschiff die Pest ausbrach.
Fliegt man ins Landesinnere der „Grand Ile„, so eröffnet sich beim Landeanflug ein atemberaubendes Relief an Landschaft mit Terrassenkulturen, Gebirgsketten mit Vulkanseen und vereinzelten Eukalyptuswäldchen mit versprengten Gehöften. Von ockergelb bis rostrot reicht die Farbpalette der mit Stroh gedeckten zweistöckigen Lehmziegelhäuschen. Antananarivo, kurz Tana genannt, die Hauptstadt Madagaskars, ist mit zwei Millionen Menschen das Zentrum von Kultur, Industrie, Handel und Politik. Sie ist die einzige Stadt des Landes, in der es Hochhäuser, Straßenverkehr und Supermärkte gibt. Die Avenue de Independence, gesäumt von Bauten im französischen Kolonialstil mit weißgetünchten Arkaden und Hotels mit internationalem Standard ist der Mittelpunkt des Straßengeschehens.
Jeden Freitag ist Zoma, der größte Open-air-Markt des Landes. Unter einem Meer von weißen Schirmen quellen Obst- und Gemüseberge, exotische Gewürze, getrocknete Heilpflanzen, Edelsteine und Souvenirs aus Holz, Horn und Leder hervor. Dinge des täglichen Lebens werden auf zig Marktständen aufgetürmt. In kleinen Garküchen gibt es gebratenen Fisch, frisches Backwerk, Reisgerichte, Getränke und vieles mehr. Bei Einbruch der Dunkelheit wird alles auf Rikschas verladen und abtransportiert. Diese Wägelchen, auch „Pousse-Pousse„ genannt, wurden von den Chinesen ins Land gebracht und sind in vielen Städten als nicht motorisierte Taxis nicht mehr wegzudenken.
Der Markt gilt als Hochburg der Taschendiebe. Bettelnde Kinder steuern zielstrebig jeden Weißen an. Für sie sind wir unendlich reich; haben die meisten doch nur Fetzen am Leib und schlafen in Plastiksäcken am Straßenrand. Armut gehört genauso zum Straßenbild wie der 1995 völlig ausgebrannte Palast der einstigen Königin. Der verheerende Brand hat auf dramatische Weise veranschaulicht, wieviel kulturelle und wirtschaftliche Substanz Madagaskar durch Flammen verloren geht. Sowohl die traditionelle Brandrodung zur Feldgewinnung, als auch die Weidebrände zerstören die einst völlig bewaldete Insel. Die von Menschenhand gelegten Buschfeuer sind Zeichen einer archaischen Landwirtschaftsmethode und bedrohen die evolutionäre Einzigartigkeit des Inselstaates. Leider zwingt das Elend die Menschen heute zu solchen unbedachten Handlungen. Madagaskar zählt zu den 10 ärmsten Ländern der Welt. Wie viele Entwicklungsländer kämpft auch Madagaskar verzweifelt mit Überbevölkerung und die damit einhergehende Zerstörung der Umwelt. Was nutzt es, wenn man den Kindern in der Schule Umweltbewußtsein vermittelt, wenn die Eltern in ihrer Armut mit Axt und Feuer durch den Wald ziehen um neues Land zu roden für Reis, Maniok oder Mais, als Weide für Zebu-Rinder oder um Holzkohle zu gewinnen.
Der Großteil der 11 Millionen Einwohner kennt keine andere Energieform, um ihren Reis zu kochen. Der Wunderwelt Madagaskars mit ihren evolutionsbedingten Einzigartigkeiten und höchster Artenvielfalt droht der Untergang, bevor noch alles entdeckt ist. Als „Arche Noah„ der Alten Welt gehört es wegen seiner Fauna und Flora eine unschätzbar kostbare „megadiversity aera„ unseres schwer lädierten Planeten.
Urlaub a la carte
Madagaskars Wunderwelt kann als Spezialtour oder als kombinierte Rundreise genossen werden. Der etwas geänderte Slogan „Eisenbahn zum Ozean, staunend eine fremde Welt erfahren„ trifft hundertprozentig auf die 163km zwischen Fianarantsoa und Manakara zu. Eine alte Diesellok zieht den „Dschungelexpress„ über 76 Brücken, 56 Tunnels, und über 900 Meter Höhenunterschied durch den mit Bergketten durchzogenen Regenwald.
Befestigungsmaterial und Gleisteile werden ständig mitgeführt, denn der desolate Zustand des von den Chinesen erbauten Schienennetzes bedarf so mancher Reparatur. Keine Angst vor der langen Zugefahrt! Verpflegung gibt es auf jedem Bahnhof. Was darf es sein ? Geräucherter Aal, Flußkrevetten in Backteig oder gekochte Krebse mit Maisfladen...
Mit gemieteten Motorräder fährt man zum Beispiel über Waschbrettpisten an die Westküste. Man muß zwar mehr den Fahrstil eines Speedwayfahrers an den Tag legen um mit den desolaten Bikes und den unglaublich schlechten Straßen zurecht zu kommen, findet jedoch schnell Kontakt zur Bevölkerung. Wie Spielzeug erscheinen die Motorräder zwischen den gigantischen Stämmen der Baobab-Allee in der Nähe der Küstenstadt Morondava. Die wasserspeichernden „Durstkünstler„ saugen sich voll wie ein Schwamm und können Trockenperioden bis zu 3 Jahren überstehen.
Zwei Tagesreisen entfernt erreicht man die straßenlose Region der hunderttausend Kalksteingipfeln. Die Erosion hat ein bizarres Felsenmeer mit bis zu 30 Meter hohen Zinnen geformt, die von den Madagassen Tsingys genannt werden. Auf 60 km2 gibt es nichts außer scharfkantiger Speerspitzen, dorniges Strauchwerk, Vögeln und Kronenmakis, die leichtfüßig über diese Nadelfelsen turnen.
Lemuren, Gespenster der Toten
Im Perinet Naturreservat stößt man schließlich auf die letzten Primärwälder, berühmt für die stimmgewaltigen Indris, die größte lebende Lemurenart. Ihre Singschreie ähneln denen der Wale. Der Sage nach haben Mensch und Indri die gleichen Vorfahren. Während die einen begannen den Wald zu roden, Reis zu pflanzen und sich um die Verteilung der Ernte zu streiten, blieben die anderen im Dschungel und lebten weiterhin friedlich und einträchtig von Blättern und Früchten.
Vielseitig und einzigartig - so bleibt uns Madagaskar in Erinnerung. Überreste aus längst vergangenen Zeiten, die nur hier leben und wachsen. Menschen, die trotz Armut ihre Lebensfreude nicht verloren haben. Paradiesische Inseln, die auf versunkenen Galeonen, alten Haudegen und auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken.
Wissenswertes über die Insel, wo der Pfeffer wächst
Reisezeit: Von April - Oktober kann mit angenehmen Temperaturen und geringe Niederschlägen gerechnet werden kann. An der Küste hat die Luft 28-34°C und das Wasser 27°C. In der Regenzeit von November - April ist das Reisen beschwerlich, viele Straßen sind unpassierbar.
Einreisebestimmungen: Ein Visum ist erforderlich. Erhältlich beim Generalkonsulat für die Republik Madagaskar, Pötzleinsdorferstraße 94,1180 Wien. Tel : 479 12 73. Kosten 350 öS
Anreise: am preisgünstigsten mit der AIR-MADAGASCAR, um die 17 000 öS. Man bekommt 50% Ermäßigung auf alle Inlandsflüge, wenn man ein Air Madagascar Ticket besitzt. Wegen der schlechten Straßen ist das Flugzeug das wichtigste Verkehrsmittel innerhalb der Insel.
Empfehlenswerte Impfungen: Cholera, Typhus, Hepatitis A, Polio, Gelbfieber und Malaria -Prophylaxe. Reiseapotheke nicht vergessen.
Küche: An der Küste Fisch & Meeresfrüchte, im Landesinneren Zebusteaks mit köstlichem madagassischem Reis. Die diversen Rumsorten muß man kosten.
Kombinierte SEGEL-& TAUCHTÖRNS bietet der Österreicher Rudolph Larcher auf seinem 14Meter- Zweimaster „JINJA„ und anderen Segelbooten an. Infos unter 0664/48 30 280.
Das Reisen auf eigene Faust ist abenteuerlich, und nur wirklichen Indiviualisten zu raten.
Andrea Sikorsiki
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