Der lange Weg nach Shimshal
Vor genau zehn Jahren waren meine Frau und ich das letzte Mal im Norden Pakistans, jenem wenig bekannten und kaum von Touristen bereisten Abenteuerland mit seinen freundlichen Menschen, extremen klimatischen Bedingungen und den höchsten Erhebungen der Welt.
Im August 1997 fliegen wir mit unseren beiden Kindern Sarah, 6 Jahre und Clemens, 4 Jahre alt, über Kopenhagen nach Islamabad. Auf der Passagierliste der kurz nach unserer Ankunft in Pakistans Hauptstadt nach Gilgit fliegenden Maschine scheinen wir trotz Rückbestätigung nicht auf. PIA (Pakistan International Airline - manche sagen: Please Inform Allah...) nimmt uns im letzten Augenblick trotzdem noch mit. Kaum in Gilgit gelandet, besorgen wir uns das Busticket nach Passu, einem Ort am Karakorum Highway nahe der chinesischen Grenze, den wir am nächsten Tag gegen Mittag erreichen.
Der kleine Hunza-Ort Passu, umgeben von Bergriesen und Gletschern, ist aber nicht das Ziel unserer Reise, sondern Ausgangspunkt für ein Abenteuer erster Klasse: Trekking im Knotenpunkt der höchsten Gebirgszüge der Welt, Himalaya, Hindukusch, Karakorum und - unser Ziel - Pamir ist für jeden Bergfreund ein ultimatives Erlebnis! Konkret wollen wir vom Hunzatal nach Shimshal und darüber hinaus wandern.
Eine beschwerliche Tour steht der Familie bevor, und zweifellos brauchen wir die Hilfe von Einheimischen dazu. Bald kommen wir mit Karim ins Gespräch. Er verspricht, uns nach Shimshal und weiter über den Shimshal Paß bis zum Pamir, was "kalte Hochweide" bedeutet, zu bringen. Trotz seiner Zusagen liegt uns der Junge nicht. Mit seinem gebrochenen Englisch erklärt er, daß er zwar unser Führer sein möchte, aber kein Gepäck trägt und nicht kocht, dafür verlangt er sehr viel Geld. Wir lassen ihn links liegen und werden dafür mit Momin handelseinig. Er und zwei Shimshalis sollen helfen, unser Gepäck und auch die Kinder zum Shimshal Pamir und zurück zu bringen. Als ich frage, wer denn die beiden anderen seien, meinte er, daß einer davon Karim sein wird.
Mir liegt schon auf der Zunge: "Jeder, nur nicht Karim!" Dies wäre sicherlich der größte Fehler des gesamten Urlaubs gewesen, denn Karim entwickelte sich bald zu einem echten Freund.
Um fünf Uhr früh am nächsten Tag holt uns ein Jeep ab. Er soll uns so weit wie möglich auf der neuen Piste Richtung Shimshal bringen, aber die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Der Jeep muß uns absetzen und umkehren, da der Weg durch eine Steinlawine blockiert ist.
Die folgende Passage über einen Geröllhang zeigt uns die Gefährlichkeit des Trips. Margit gerät ins Rutschen und gleitet langsam dem Shimshal Fluß entgegen. Momin hilft ihr geistesgegenwärtig auf sicheren Untergrund zurück. In Jujur wird die erste Rast gemacht und ab hier entpuppt sich Karim als Allrounder. Wir Touristen kommen bei jeder Etappe als Schlußlicht an, dann er hat bereits aus dürrem Gestrüpp Feuer gemacht und Tee aufgesetzt. Die Kinder packen Spielkarten aus und Karim ist der Erste, der mit ihnen "Schnipp Schnapp" oder "Solo" spielt. In Wakhi, der Sprache der Bewohner des Pamir, erzählt er Witze, die wir natürlich nicht verstehen, aber das herzhafte Lachen über seine eigenen Pointen steckt uns alle an.
Gegen Mittag erreichen wir die erste der so berüchtigten Hängebrücken. Fünf Stahlseile sind über einen Abgrund gespannt. Zwei dienen als Handgriffe und befinden sich am Anfang der Brücke in unerreichbarer Höhe, um in der Mitte auf Kniehöhe abzufallen und gegen Ende wieder auf über zwei Meter anzusteigen. Über den restlichen Seilen sind Holzbretter, manchmal auch wackelige Steinplatten, in unterschiedlichem Abstand quer aufgelegt. Obwohl meine Knie immer weicher und weicher werden, überquere ich die Brücke allein und versuche zwei Dinge unbedingt zu beachten, nämlich nie beide Handseile gleichzeitig auszulassen und nie zu lange in den Fluß zu sehen, dann beginnt nämlich die Brücke zu fahren und der Fluß steht still, was nicht gerade zu einer sicheren Überquerung beiträgt. Behende bewältigen die Einheimischen das Hindernis und auch wir Alpenbewohner schaffen es mit nur ein wenig Bauchweh und ihrer Hilfe.
Nachdem Karim zu Mittag sein erstes köstliches Linsengericht zubereitet hat, setzen wir guten Mutes den Weg fort. Aber nur wenige hundert Meter, denn wir erreichen den Beginn einer engen Schlucht des Shimshalflusses. Der Pfad wird extrem schmal und windet sich in taumelnder Höhe in der Mitte der fast vertikalen Felswand auf und ab. Hölzer sind in Felslöcher gesteckt und darüber liegen Steine. Das soll der Weg nach Shimshal sein? Wir weigern uns weiter zu gehen. Seit fünf Uhr früh sind wir auf den Beinen, es ist heiß und wir fühlen uns sehr unsicher. Wir drehen um und stellen am Eingang der Schlucht unser Zelt auf.
Der nächste Morgen beginnt regnerisch. Trotzdem betreten wir die Schlucht. Bald sind wir froh, wenn es überhaupt einen Weg gibt, denn die Überquerung der immer wieder auftretenden Geröllhalden stellt uns vor echte Probleme. Mit jedem Schritt rutscht man tiefer Richtung Fluß und gleichzeitig wäre es notwendig, bergwärts zu schauen. Die dumpfen Geräusche, die wir anfangs für Gewitterdonner hielten, stellen sich als Lärm von zu Tale rollenden Steinen dar.
Der erste Europäer erreichte Shimshal 1937 auf diesem Weg. In der Zeit zwischen der Unabhängigkeit Pakistans im Jahre 1947 und 1974 besuchte kein Fremder diesen Ort. Erst in einem alten National Geographic konnte ich lesen, daß Roland und Sabrina Michauds mit ihrem Sohn eben 1974 nach Shimshal gekommen sind.
Wir aber sind noch einen Tag von unserem Ziel entfernt. Am Fuße des Grabes eines lokalen Propheten stellen wir das Zelt auf. Momin erzählt am Lagerfeuer die Sage von der Entdeckung Shimshals durch diesen Heiligen.
Während der Mittagsrast in Kuk können wir in warmen Quellen unweit eines Gletschers baden. Es gibt zum ersten Mal seit Passu wieder klares, reines Wasser. Viel zu spät brechen wir auf und bezahlen bitter für diesen Fehler. Die Gletscherbäche sind durch die Schmelzwirkung der hochstehenden Mittagssonne zu reißenden Flüssen angeschwollen und wir haben Mühe, diese zu durchqueren. Ein letzter Paß trennt uns vom Ziel. Nach dessen Überschreitung liegt ein grünes Tal vor uns, dessen Hauptort wir bei Einbruch der Dunkelheit erreichen.
Erstaunen ruft ein Traktor mit Anhänger hervor. Wir glauben zu träumen, aber Momin erklärt, daß die pakistanische Armee im März l997 mit einem Hubschrauber Traktor, Anhänger und Drescher in das Tal gebracht hat. Zu unserer "Beruhigung" fährt er fort: "Der Treibstoff kommt jedoch noch immer aus Passu und wird auf dem Rücken der Träger transportiert..."
Am nächsten Tag, den wir zum Rasttag erklären, sind wir Gäste in verschiedenen Häusern von Shimshal, die alle nach dem gleichen Prinzip gebaut sind. Ein verwinkelter Eingang, damit im Winter die Kälte nicht direkt ins Innerste gelangen kann. Der eigentliche Wohnraum ist um eine Feuerstelle gebaut. Drei mit Teppichen und Polstern ausgelegte Seiten dienen während des Tages zum Sitzen und Essen und in der Nacht zum Schlafen. An der vierten Seite befindet sich der Aufbewahrungsraum für die spärlichen Lebensmittel. Hauptsächlich Mehl, Käse, Salz, Butter und Tee werden gelagert. Nur wenig davon kann in der unwirtlichen Gegend selbst produziert werden. Die meisten Artikel des täglichen Bedarfs werden auf dem Rücken der Menschen vom drei Tage entfernten Passu herbeigeschafft. Der Begriff Luxusartikel wurde hier noch nicht erfunden...
Die Entscheidung fällt nach den bisherigen Anstrengungen und technischen Schwierigkeiten schwer und deshalb auch erst sehr spät am Abend in einem wohlig warm geheizten Steinhaus: Wir gehen weiter zum Pamir!
Irgend jemand sagte einmal, der Karakorum sei eine vertikale Wüste. Daran erinnere ich mich beim Abmarsch. Wir suchen den Himmel nach Wolken ab, doch es gibt keine. In dem breiten Flußbett, in dem wir Shimshal verlassen, staut sich die Hitze und wir kommen nur langsam zwischen den großen Steinen voran. Nach Überquerung der "Michael Bridge", benannt nach ihrem Sponsor, führt uns der Weg wieder bergan. Die Konstruktion der schmalen Wege in der Felswand zwischen Gipfel und Fluß ringt uns ehrliche Bewunderung ab. Uns werden beim Gehen oft die Knie weich, wie muß es erst den Konstrukteuren ergangen sein.
Gegen Mittag des dritten Tages machen wir in Shujerab, einem verlassenen Ort, Rast. Jetzt werden unsere einheimischen Freunde unruhig. Sie waschen, kämmen, rasieren sich und schneiden die Fingernägel. Beim Einzug am Pamir wollen sie den besten Eindruck machen, erklären sie.
Nach einem kurzen Anstieg erreichen wir eine grüne Hochfläche, begrenzt von schneebedeckten Sechstausendern, die sich in zwei tiefblauen Seen spiegeln. Die ersten Yaks kommen in unser Blickfeld. Ein unwirkliches Bild in der dünnen Luft. Die Überschreitung des Shimshal Passes bemerken wir kaum vor lauter Müdigkeit. Die Sonne versinkt bereits hinter den Bergen, als wir Shuwert, die Hauptsiedlung am Pamir, erreichen. Während des Sommers grasen hier vier- bis fünftausend Schafe und Ziegen neben etwa 1.500 Yaks. Frauen und Kinder kümmern sich um die Tiere, melken sie, machen Butter und Käse, scheren sie und spinnen die Wolle, während sich drei Tagesmärsche entfernt die Männer um die Feldfrüchte kümmern.
Obwohl Momin immer wieder den Pamir als das Land, in dem Milch und Joghurt fließen, schildert, haben wir hier Schwierigkeiten, Verpflegung zu bekommen. Wenn unsere Kinder nach Milch verlangen, erhalten wir für beide einen Achtelliter. Da dies nie beiden reicht, ersuche ich um einen weiteren Becher, der beim zweiten Mal nur mehr bis zur Hälfte gefüllt wird. Wir versichern mehrmals, daß wir für alles zahlen, es fruchtet nichts. Erst am Morgen, bei der Abreise, erhalten wir das erste Joghurt, eine Wasserflasche voll. Ich schnalle mir das Getränk auf den Rucksack, nach einer Tageswanderung hat es sich zur Hälfte in Butter gewandelt. Trotzdem schmeckt es, nachdem die Flasche im eiskalten Flußwasser gelegen hat, herrlich.
Jetzt wissen wir auch, warum Momin und Co. sich herausgeputzt haben: Am Tag vor unserer Ankunft am Pamir begann ein Fest, der Beginn der Erntezeit, das drei Tage dauert. Leider versäumen wir den Yak-Reitwettbewerb als Höhepunkt, erleben aber doch die heitere Stimmung der Menschen mit. Am zweiten Tag gibt es ein Festessen für das gesamte Dorf, uns Gästen werden Blumenkränze umgehängt. Ich bedanke mich vor der versammelten Gemeinde. Gegen Abend tanzen und singen die Männer, während die Frauen in der Abenddämmerung tausende, von einer riesigen Staubwolke begleitete Schafe, Ziegen und Yaks in Empfang nehmen. Unsere Kinder dürfen beim Melken helfen. Am dritten Tag werden die Yaks mit Käse und Butter beladen. Gemeinsam mit den Lebensmitteln soll auch die Nachricht vom Beginn der Ernte der Feldfrüchte nach Shimshal gebracht werden. Wir haben bereits zeitig in der Früh das Zelt abgebaut. Den Kindern geht es sehr schlecht, sie leiden unter der Höhe von über 5.000 Meter und der schlechten Ernährung. Außer gesalzenem Tee ist aber weit und breit nichts aufzutreiben. Diese Erfahrung wird uns eine Lehre für die nächsten Reisen sein und entsprechende Nahrungsreserven einpacken lassen.
Bald setzt sich die Karawane in Bewegung, ein archaisches Bild in einer einmalig schönen und kargen Landschaft. Die Leute brüllen und schlagen auf die Tiere ein. Manche versuchen auch auf ihnen zu reiten, was sehr gefährlich aussieht. Einige Frauen marschieren vorne weg. Am Fuße der Hochebene wird in Shujerab Rast gemacht. Die vorausgeeilten Frauen haben bereits Tee und Brote zubereitet und kehren anschließend wieder auf den Pamir zurück. Wir ziehen mit den Männern und den Tieren weiter. Den Kindern geht es nach dem schnellen Abstieg wieder so gut, daß Clemens sogar auf einem Yak reiten will. Momin bindet ihn fest, damit er nicht von dem Tier fallen kann.
Gegen Ende des Tages kommt Leben in die Gruppe. Der Fluß hat einen kurzen Teil des Weges weggespült. Die ersten Yaks versuchen auf dem schmalen Weg umzukehren, die dahinter kommenden Tiere drängen jedoch weiter. Durch die Panik und die Enge entsteht für uns die gefährlichste Situation der gesamten Reise. Endlich treibt ein Mutiger seine Tiere durch den reißenden Fluß und diese erreichen auf der anderen Seite wieder den sicheren Weg. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, alle müssen durch das Wasser!
Unsere Lebensmittel neigen sich dem Ende zu. Gott sei Dank lädt uns die Frau eines kanadischen Professors, der seit Jahren wissenschaftliche Untersuchungen über Shimshal macht und aufgrund eines Sehnenrisses mit ihrer fünfjährigen Tochter im Dorf festsitzt, zum Abendessen ein. Seit fast zwei Wochen gibt es erstmals wieder Fleisch. Die Kinder leben auf. Übrigens versprach der Professor, daß es ab Oktober l997 eine Homepage im Internet über Shimshal geben werde.
In Shimshal angekommen, können wir wieder durch die Erholungpause frische Energie tanken, aber außer Mehl keine Lebensmittel für den dreitägigen Marsch nach Passu kaufen. Wir versuchen daher den Weg zurück in zwei Tagen zu gehen. Es gibt eine Abkürzung, die führt über einen Gletscher. Karim und Ghazi weigern sich anfangs, diesen Weg zu gehen, da er weit schwieriger ist und es aufgrund der sich ständig verändernden Oberfläche des Gletschers keinen Pfad gibt. Zusammen mit den Kindern können wir die beiden aber überzeugen und es wird die beeindruckendste Strecke unserer Wanderung.
Bevor wir die Jeepstraße erreichen, stellt sich uns die abschließende und spannende Wahl einer Flußüberquerung mittels einer Brücke oder in einer Holzbox sitzend, die auf einem über die Schlucht gespannten Stahlseil rollt. Wir entscheiden uns für die Holzschachtel. Einer nach dem anderen wird über den tief darunter gurgelnden Gebirgsfluß gezogen. Vor lauter Angst traue ich mich nicht, während ich in luftiger Höhe schwebe, zu fotografieren... Aber zukünftige Wanderer, keine Angst, neben der Seilverankerung steht bereits der erste Betonpfeiler für die Jeepbrücke. Momin meint, in fünf Jahren würde man von Passu nach Shimshal mit dem Jeep fahren können. Einerseits wünsche ich das den Shimshalis - andererseits, den Weg kennend, bezweifle ich, ob es jemals möglich sein wird, die Straße bis Shimshal voranzutreiben.
Obwohl wir die Piste nach Passu relativ früh erreichen und sie inzwischen vom Geröll freigemacht worden war, bleibt uns nur der Fußmarsch in die Zivilisation: an diesem Nachmittag befährt kein einziger Jeep die Piste...
- F. & M. Burger -
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