Traveller Club Austria

IM LAND DER PHARAONEN ...

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Ägypten

Eine mehr oder minder heitere Sentimentalreise nach Ägypten

- oder viele Gründe, um nicht dorthin zu fahren ... -

Ein letztes Aufheulen der Turbinen und erst während das übliche An-kunftsprodecere abläuft, wird mir so richtig bewusst, dass ich nach 35jähriger Absenz nun tatsächlich wieder in Ägypten gelandet bin. Und zwar gleich dort, wo letztes Mal Schluss war: in Luxor. Der donnern-de Applaus für den Luftkutscher - als ob der nicht auch selbst wieder gesund heimkommen möchte! - reisst mich brutal aus meinen Remi-niszenzen und erinnert daran, dies-mal nicht wochenlang "Hitchhi-king" quer durch halb Europa und Nordafrika, sondern mit einem Char-terbomber in knapp vier Stunden vor Ort gekommen zu sein. Die Billig-preislizitation lockt aber nicht nur immer mehr Seelenverkäufer-Ma-schinen mit zweitklassigem Per-sonal, sondern auch ein adäquates Publikum an den Start. So sind wir auch noch auf den 230 Buskilome-tern nach Assuan von jeder Menge Opas, Pepi-Tanten aber auch for-schen Forschern und Abenteurern in Khaki-Jeans umgeben, die sich dann erst in dieser südlichsten Stadt Ägyptens mit vielen "Jö, schau, Mama!" und "Whow, super" endlich auf einen der mittlerweile 280 in Dienst stehenden Nilkreuzer (30 weitere liegen gerade auf Werft) ver-bröseln, um an Bord dieser schwim-menden "Großfeldsiedlungen" eine ganze Woche lang durch 4000 Jahre Geschichte zu gondeln. Heute haben die Leute nämlich anscheindend, je schneller sie vorwärtskommen, im-mer weniger Zeit - und schliesslich wartet ja doch der hoffentlich nicht überbuchte "Club" am Roten Meer bereits ungeduldig auf die erschöpf-ten All-inclusive-Archäologen ...

So sitze ich dann, endlich wieder (für vielleicht fünf Minuten) allein, im lauschigen botanischen Garten des weiland Lord Kitchener und frage mich, was ich eigentlich hier mache. Ägypten - ja das war einmal ein Hammer in den 60er Jahren, als es noch keinen Packagetourismus gab, man zu den Travellern noch Tramper sagte, und von denen bloß eine Handvoll die Tempel und Ju-gendherbergen hier unsicher machte. Heute sind es an die 3,5 Millionen Touristen per anno; und die Einhei-mischen sind auch nicht gerade we-niger geworden: Statt den 30 Millio-nen von 1964 tummeln sich nunmehr stolze 70 herum (die Hälfte davon unter 18 Jahren), was das Land nach Nigeria zum bevölkerungsstärksten Afrikas wachsen ließ. Obwohl sich Ägypten ja sogar auf zwei Konti-nenten breit macht, kann es im Niltal manchmal schon ein wenig eng werden: Auf diesen bloß 5 % des insgesamt etwa eine Million km2 großen Staatsgebietes leben nämlich rund 90 % der Bevölkerung. Und da sich der Fremdenverkehr neben Erd-ölexporten und den Suezkanalgebüh-ren bereits zum dritten Standbein der ägyptischen Wirtschaft mauserte, möchte man - Umwelt hin, Kultur-denkmäler her - die Zahl der jährli-chen Feriengäste bald schon auf 6 Millionen treiben. Einen nicht unwe-sentlichen Anteil daran haben, ob man's glaubt oder nicht, die Söhne und Töchter Mütterchen Russlands, die sich bereits die Bronzemedaille in der Besucherstatistik erkämpften; schwer vorstellbar, dass das alles nur "Mafiosi" sein sollen. Dennoch steht beinahe schon hinter jedem Touristen auch ein Polizist. Hosni Mubarak lässt da nach den verhee-renden Anschlägen seiner moslemi-schen Fundamentalisten gegen Aus-länder im 97er Jahr nichts mehr an-brennen. Das hat ihn damals zuviel Geld gekostet ...

Fünf Feluken-Ladungen schnattern-der Spanierinnen - originellerweise im Schlepp eines Motorbootes (das ist rationeller!) - entheben mich wie-terer Gedanken darüber. Denn noch bevor diese Senoras so richtig zur Invasion Elephantines ansetzen, sind wir schon auf der Flucht. Und neuerlich keimt in mir die bange Frauge auf, was ich da wirklich noch will. Wollte ich eigentlich ohnehin eher nach Irian Jaya, die Molukken oder Sulawesi. Aber dann hat sich meine Ursel halt im letzten Moment das Bein gebrochen - und jetzt haben wir den Salat. So zum D'rüberstreuen eröffnet sie mir nun auch noch, gerade irgendwo gehört zu haben, dass die Strasse nach Abu Simbel gesperrt ist. "Na, Deine Sorgen möcht' ich haben und dem Rothschild sein Geld. Also fliegen wir halt!" Das tun wir tags darauf auch mit einer "Orca Air", und zwar gleich über den mit 500 km Länge grössten Stausee der Welt, den soge-nannten "Lake Nasser". Dafür sind die dortigen Ramses- und Hator-Tempel wirklich exorbitant! Auch wenn sie in den 60ern zersägt und an einem höher gelegenen Ort in einem Puzzle sondergleichen wieder zu-sammengefügt wurden; wie auch das Isis-Heiligtum von Philae, welches nun auf der Nachbarinsel Agilika steht. Schon schön - zumindest das, was wir so über zig Köpfe gerade noch zu sehen bekommen. So geht's uns dann, nilabwärts, auch in Kom Ombo und Edfu. Esna lassen wir daher bereits aus: Denn wer unter diesen Umständen für jeden der hiesigen Tempel offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Ausserdem haben wir ja noch Luxor im Talon und dürfen diese letzten 100 km sogar im Konvoi fahren. Man setzt in unseren Inschallah-Bus auch noch einen grimmigen Beschützer rein, der nicht nur aussieht wie Charles Bronson, sondern darüber hinaus andauernd mit seiner - übrigens ungesicherten - Maschinenpistole herumfuchtelt. Trotzdem kommen wir unverwundet an. Allah hat hier anscheinend eben ein Herz für Ungläubige aus dem fernen Nemsa (Österreich). Zum Unterschied von den sogenannten "Street hawkers" in Theben, wie Luxor noch vor El Kosur einmal hieß. Diese gnadenlosen Keiler haben zwar nichts selber, können aber alles vermitteln. Das Ritual ist immer das selbe: Aus traurigen Augen gleich einem anschossenen Bambi schicken sie ob der angeblich schlechten Geschäfte vorerst prophylaktisch ein Tränlein auf Reisen. Zu den dieser Ouvertüre blitzartig folgenden "Offers" fällt Dir zuerst einam rein gar nix ein, dann ringst Du um Contenance, um den Typ schließlich was Grobes zu heissen. Und da dieses Szenario hier mehr oder minder rund um die Uhr prolongiert ist - ob auf der Corniche biem Karnak- und Luxor-Tempel, im Tal der Könige, am Medinat Habu, Ramsseum oder vor den Memnos-Kolossen -, ist's nicht einfach, all diese prächtigen Zeugen aus pharaonischer Zeit auch wirklich zu genießen. Schade!

Also Flucht aus (Ober-)Ägypten mit Destination Kairo. Wer vorher bereits einmal dort war, weiss, dass man sich dieser grössten Stadt Afrikas zu nähern hat wie es ihr gebührt: langsam und gefasst. Dennoch erwies sie sich neuerlich als die absolut schlimmste, in der ich jemals gewesen bin. Das ist vielleicht nicht Kairos Schuld allein. Unter Umständen hab' nur ich etwas gegen vermodernde Neubaufassaden, City-Highways bis fast vor die Pyramiden, zwei Millionen Autos mit dem dazugehörendem Smog, Menschengewühl (sogar im berühmten "Ägyptischen Museum") mit guter Chance, der Klaustrophobie anheimzufallen. Und noch nirgendwo habe ich so viele Ramschläden, penetrante Schlepper und "Neckermänner" auf einem Haufen gesehen wie im Khan-al-Khalili-Basar. Aber auch ohne das alles wäre dieser unmenschliche, heisse, laute und dreckige 20-Millionen-Einwohner-Moloch (1964 waren's erst vier!) schwer zu verkraften gewesen. Al Quahira, "die Siegreiche", hat wieder einmal gewonnen ...

Also nichts wie ans Meer für die restlichen paar Tage! Ein diesmal wirklich ungnädiges Schicksal spült uns gerade nach Hurghada, von dem mir jemand (der dafür mit Aufkündigung meiner Freundschaft zu rechnen hat) versicherte, kann dort surfen, schnorcheln; und das Bier sei billig. Ist es zwar nicht, sollte aber, denn tatsächlich ist dieser Ort - wenn überhaupt - nur im Zustand alkoholischer Vollgnade einigermaßen zu ertragen: Über 30 km mit Hässlichkeiten zubetonierte Küste, dazwischen ein paar devastierte Baustellen mit dem Ambiente eines Mongolenkrieges. Die drei Sterne unseres Hotels wurden wohl vom legendären ägyptischen Salzamt vergeben; dafür aber immerhin weder aussergewöhnliche Insekten noch fremdartige Speisen ausser vielleicht dem Gemüse, das noch dazu keine glcklichen Tod gstorben sein dürfte. - "Mensch, guck' mal, wie schön's da ist!", klopft mir einer aus dem Ruhrpott am mickrigen Strand euphorisch auf die Schulter und bricht vor Glück fast zusammen. "Wo eigentlich?" pikiertes Schweigen seinerseits mit anschließendem Abgang. Was bleibt, sind ein grenzdebiler Amateur, der mit sich selbst Volleaball spielt, gelegentliche Trinkorgien mit britischen Arrak-Enthusiasten - und die Vorfreude auf den Heimflug. In Schwechat gibt man mir nämlich stets das Gefühl willkommen zu sein, so wie man seine rmeiner annimmt. Fast jedes Mal laufen dort meine Paßdaten durch den Computer. Während sie das tun, sagte ich mittlerweile immer: " Sie werden nichts finden, denn mein letzter Mord ist schon verjährt." Diesmal kommt noch: " ... und pasierte außerdem in Ägypten" dazu. Das fanden die Organe gar nicht so lustig - und mir ging's gleich wieder wesentlich besser ...

Heinz K. Prokisch

(P.S.: Der Inhalt dieses Berichts gibt die Meinung des Autors wieder und deckt sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion.)

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Saturday, 04. February 2012