DAS KÖNIGREICH IM HIMALYA, (Eine Familienreise durch Zanskar)
Unsere dritte Reise nach Ladakh beginnt im August 1998 besonders angenehm, denn zum ersten Mal können wir den Nonstopflug von Austrian Airlines benutzen und müssen nicht irgendwo umsteigen, um von Wien nach Delhi zu gelangen. Der Flugterminal von Indian Airlines in Delhi ist renoviert worden und das Warten auf den Morgenflug in das "Land der hohen Pässe" daher um einiges angenehmer. Leider hat sich die Pünktlichkeit von Indian Airlines nicht verbessert und so werden wir immer wieder vertröstet, bis die Maschine endlich mit sieben Stunden Verspätung gegen Mittag nach Leh abhebt.
Zum x-ten Mal überfliegen wir bereits den Himalaya und wollen trotzdem noch immer alle einen Fensterplatz, um einen Blick auf die zwischen den Monsunwolken auftauchende gigantische Bergwelt werfen zu können. Die von den Bergen herabfließenden Gletscher sehen von oben aus wie überdimensionale Autobahnen. Vergeblich versuchen wir Leben zu erkennen. Erst als die Maschine in das Tal von Ladakh einfliegt, kommen grüne Oasen, Ansammlungen von Häusern und auf Hügeln thronende Klöster ins Blickfeld. Das Flugfeld liegt auf 3.500 Meter Höhe. Die ersten Stunden fühlen wir uns großartig, um danach um so mehr unter den Anpassungsschwierigkeiten an die dünne Luft zu leiden.
Viel hat sich seit unserem letzten Besuch in der Hauptstadt von Ladakh nicht verändert. Der Verkehr hat etwas zugenommen. Angenehm fällt auf, daß es weniger Abfall in den Straßen gibt und daß es Versuche gibt, Plastikmüll zu vermeiden. Die Unterkunft bei der Familie Giri im Two Star Guest House ist reiner geworden. Beide Giris sind jedoch jetzt den ganzen Tag außer Haus, um Geld zu verdienen und ein Bediensteter kümmert sich um die Gäste. Dadurch empfinden wir den Aufenthalt sehr unpersönlich und vom ursprünglichen "Familienanschluß" ist nicht viel geblieben. Wir haben aber nicht vor, lange zu bleiben.
Nach zwei Tagen mieten wir einen Jeep und fahren damit nach Kargil. Der Vorteil eines Jeeps liegt auf der Hand. Die beiden Kinder Clemens, 5 Jahre und Sarah, 7 Jahre können, wenn sie müde sind, auf unserem Gepäck und den Schlafsäcken liegen, während Margit und ich neben dem Fahrer vorne sitzen. Das Taxi erlaubt es uns, wann immer wir wollen zu stoppen und wir nutzen dies für eine Besichtigung der Klöster Alchi und Lamayuru. Die Nachteile eines Jeeps merken wir auch bald: das Rütteln und Schütteln auf den extrem schlechten Pisten nervt schon nach wenigen Kilometern, wie nervt es erst nach acht Stunden?
Unterwegs begegnen wir immer wieder Arbeitstrupps aus Indien. Die Menschen versuchen mit den primitivsten Mitteln die Straße zu reparieren und damit befahrbar zu halten. Teer wird auf offenem Feuer flüssig gemacht, danach vermischen die vermummten Gestalten die rauchende Flüssigkeit mit Sand und schmieren sie als Straßenbelag mit der Schaufel auf die Piste. Dazu muß man wissen, daß die Straße nur für drei Monate des Jahres befahrbar ist. Während der restlichen Jahreszeit liegt, zumindest auf den Pässen, eine dicke Schneedecke. Würde Ladakh nicht an der umstrittenen Grenze zu Pakistan und China liegen, würde sich niemand die Mühe machen, Straßen in dieser Gegend für den Verkehr in Betrieb zu halten. Fast alle Fahrzeuge die uns entgegenkommen, sind mit Treibstoff für Leh beladen. Sie liefern die Wintervorräte der Armee.
Endlich in Kargil! Wir haben bereits in Leh davon gehört, daß die Stadt vor einigen Tagen unter Beschuß der pakistanischen Artillerie lag, deshalb planen wir Kargil so rasch wie möglich zu verlassen. Auf den ersten Eindruck fällt uns nichts besonderes auf. Die Straßen sind belebt und die Menschen gehen ihren alltäglichen Geschäften nach. Im Basar werden die unterschiedlichsten Waren angeboten und der Friseur ist damit beschäftigt, einen Mann zu rasieren. Der Bus nach Padum, dem Hauptort von Zanskar, soll in acht Stunden, um drei Uhr früh abfahren. Ein Hotelangestellter klopft sogar an unsere Zimmertür, um uns zu wecken. Er kann aber die Frage, wie wir um diese Zeit mit unserem Gepäck und zwei schlafenden Kindern zu der Busstation kommen sollen, genauso wenig beantworten wie ich. Deshalb legen wir uns wieder aufs Ohr. Am nächsten Morgen genießen wir ein ausgiebiges Frühstück. Wir glauben, das ferne Donnern eines herannahenden Gewitters zu hören. Der Kellner erklärt uns aber, daß es sich um Gefechtslärm der indischen und pakistanischen Artillerie handelt. Da bleibt mir fast der Bissen im Hals stecken und ich renne in den Basar um einen Jeep für die Fahrt nach Padum anzuheuern, während Margit und die Kinder unsere sieben Sachen packen.
Kurze Zeit später sind wir wieder auf der Piste. Wir hielten eine Verschlechterung der Straßenverhältnisse nicht für möglich und dennoch ist es so. Die Piste von Kargil nach Padum schlägt alles was es so an schlechten Pisten gibt. Für die 240 Kilometer brauchen wir fast zwei Tage! Gegen Ende des ersten Tages erreichen wir Rangdum. Für mich ist dies Tibet, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt habe: Hohe schneebedeckte Bergmassive, eine ausgedehnte Ebene mit einer kleinen Wasserfläche in der sich der Vollmond spiegelt. Am Ende der Ebene steht auf dem einzigen Hügel in der Mitte des Tales ein Kloster - und diese Szenerie gibt es auf fast 4.000 Meter.
Vor dem Kloster steht eine Bruchbude, davor ein Bus und darunter liegen ein paar Leute und schrauben herum. Erraten, es ist der Bus aus Kargil und er steht hier bereits seit mehreren Stunden. In der Bruchbude gibt es etwas zu Essen und bald steht neben dem Bus unser Zelt. Noch bevor die Sonne aufgeht, lassen wir uns wieder durchrütteln. Gefrühstückt wird bereits in Zanskar hinter dem Penzi-Paß (4.401m) am Fuße des gigantischen Durung Drung Gletschers, einem der größten im ganzen Himalaya. Trotz der Euphorie es bereits nach Zanskar geschafft zu haben, erleben wir den Rest der Fahrt, dank des Geholpers, eher in Trance als bei vollem Bewußtsein.
Das ist also die Hauptstadt eines Königreiches? Wir sind in Padum, nach unseren Begriffen eher ein Dorf. Was soll’s, es gibt einen schönen Zeltplatz und als Draufgabe ein zweitägiges Klosterfest im Nachbardorf Sani. Um die 8 Km dorthin schneller bewältigen zu können, stoppen wir zwei Pferde für die Kinder. Das Fest alleine ist schon die Reise wert. Es scheint, als ob sich alle Bewohner des Tales in Sani versammelt hätten. Die Frauen sind herausgeputzt, viele tragen einen wunderschönen Perak, die für Ladakh und Zanskar typische Kopfbedeckung: Ein langer Lederstreifen, der am Kopf beginnt und über den Nacken auf den Rücken fällt. Er ist über und über mit Türkisen besetzt. Indische Händler verkaufen vor der Klostermauer ihre Waren. Alte Männer sitzen im Schatten des Klosters und drehen ihre Gebetsmühlen. Im Klosterhof werden wir staunende Zuseher einer Feier, die die Religiosität und Fröhlichkeit dieses unter extrem harten Bedingungen und in Abgeschiedenheit lebenden Himalayavolkes zeigt. Zur Musik der Mönche tanzen maskierte Männer. Unter dem rhythmischen Trommeln von Laien hängen Mönche den im letzten Jahr getrauten Ehepaaren unzählige weiße Glücksschleifen um den Hals. Danach tanzen wieder maskierten Mönche. Knapp vor Beginn der Dämmerung brechen wir Richtung Zelt auf.
Natürlich haben wir auch schon Kontakt zu verschiedenen Personen, die uns weiterhelfen könnten, aus dem Tal hinauszutrekken. Zwei Möglichkeiten fassen wir ins Auge: Entweder mit Trägern über den Umasi La nach Kistwar, oder mit Pferden über den Shingo La nach Darcha. Wobei wir die Route über den Umsai La bevorzugen würden. Auch würden wir gerne den König von Zanskar besuchen, der sich im Norden des Landes, in Zangla, zurückgezogen hat. Angeblich betreibt er dort eine Hundezucht. Damit den Kindern das Wandern besser mundet, haben wir ihnen schon zu Hause versprochen, vom König einen Lhasa Apso zu kaufen. Leute, die uns Pferde vermieten würden, sind schnell gefunden. Träger für den Umasi La scheint es jedoch keine zu geben. Unsere Informanten sagen, daß der König von Zanskar in der Zwischenzeit nach Kargil gezogen ist und ob sich in Zangla noch eine Lhasa Apso Zucht befindet, kann niemand bestätigen. Mittlerweile scheint aber jeder in Padum zu wissen, daß wie einen kaufen möchten. Einige Zanskaris bringen uns einen Hund zum Zelt. Und so kommt es dann auch, daß wir mit einem angeblichen Lhasa Apso und vier Pferden von Padum durch das Zanskar Tal Richtung Hamalya-Kette und Shingo-La weiterziehen.
Die Piste ist noch einige Kilometer hinter Padum weiter gebaut. Nachdem schon das Fahren keinen Spaß gemacht hat, macht das Laufen auf dem staubigen Weg noch weniger Spaß und wir freuen uns, als der Weg schmäler wird. Vorbei an mächtigen mittelalterlichen Klosteranlagen ziehen wir tagelang an der rechten Seite des Flusses Tsarap langsam bergauf. Nach einigen Tagen erreichen wir in Purne einen wunderschönen grünen Zeltplatz mit leider nur kaltem Fließwasser (Wasserfall). In Absprache mit den Kindern, denen wir den Weg nicht zumuten wollen, brechen Margit und ich alleine lange vor sechs Uhr früh zum Höhlenkloster von Pukthal auf. Wir laufen den gesamten Weg, so daß wir eineinhalb Stunden später bereits längst in der Küche des Klosters köstlichen Tee schlürfen. Man würde in dieser Einsamkeit kein Kloster mit derart vielen jungen Mönchen vermuten. Während der Zeit unserer Besichtigung sehen wir wie die Kinder im Klosterhof unterrichtet werden. Über dem Kloster in der Felswand steht ein Baum. Weit und breit der einzige! Die Legende sagt, daß während des Mongoleneinfalls einer der Angreifer sich vom Baum in das Kloster abseilen wollte, ihm aber von einem Mönch die Hand abgehackt worden sei. Diese mumifizierte Hand wird während des höchsten Festes im Kloster den Gläubigen gezeigt. Wie den Kindern versprochen, sind wir um zehn Uhr wieder beim Zelt. Sie sind in der Zwischenzeit aufgestanden, haben mit unseren Pferdevermietern gefrühstückt und danach auf der Wiese gespielt.
Wenn wir unser Zelt in einer der wenigen Ortschaften aufschlagen, sind wir sofort der Mittelpunkt und müssen die Kinder vor allzu neugierigen Einwohnern in Sicherheit bringen. Es scheint manchmal, als habe sich das halbe Dorf um die zwei Hellhaarigen versammelt und viele Hände versuchen sie zu berühren. In Kargyak kommt der Dorflehrer und freut sich, daß er sein Englisch verwenden kann. Er erzählt uns von den Schwierigkeiten, Kinder in einem zanskarischen Dorf zu unterrichten. Während des kurzen Sommer wird der Unterricht bei Schönwetter auf der grünen Wiese abgehalten. Die Eltern hätten aber lieber, daß die Kinder Schafe auf die Weide führen, oder am Feld helfen. In der restlichen Jahreszeit findet der Unterricht in einem der Häuser des Dorfes statt. Die Familien stellen den einzigen Wohnraum für den Unterricht zur Verfügung. Um einen von Jakdung befeuerten Ofen sitzend, wird auf kleinen Tafeln mit abgebrochenen Weidezweigen geschrieben. Anstatt Kreide verwenden die Kinder ein Gemisch aus Wasser und Erde.
Bald erreichen wir die Ortschaft Tanze, in der der Besitzer unserer Pferde wohnt. Er läßt es sich nicht nehmen und lädt uns in sein Haus ein. Beim Eintritt in das Haus sehen wir einmal überhaupt nichts und fürchten, irgendwo anzustoßen. Unsere Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Dem Vordermann folgend, stehe ich, nachdem ich um mehrere Ecken herumgegangen bin, am Fuße einer Treppe. Stufe für Stufe wird es wieder heller. Im Obergeschoß befindet sich der Wohnraum. Kleine Fenster an zwei Seiten des Raumes lassen das Tageslicht herein. In der Ecke hockt die alte Schwiegermutter am Boden und betreut das kleinste Kind. In der Mitte des Raumes steht ein kleiner Ofen, der mit Tierdung geheizt wird. Die Frau bereitet uns Buttertee zu. Die Zanskaris sammeln den getrockneten Dung auf den Dächern ihrer Häuser, um genügend Heizmaterial, vor allem für den langen Winter, zu haben. Auf einigen Dächern sehen wir auch kleine Solaranlagen mit einer Batterie. Deshalb gibt es auch in diesen Häusern eine elektrische Beleuchtung während der ersten Stunden der Nacht.
Aus dem Dorf Testa hat sich ein junger Mann, der einzige der Englisch spricht, während des Weges zu uns gesellt. Er marschiert nach Jammu zur Universität. Dort bleibt er bis zum nächsten Sommer. Auch er wird in das Haus von Nomu eingeladen. Dadurch ergibt sich die Gelegenheit, mehr über das Leben in Zanskar zu erfahren.
Tanzin Norbu, so heißt er, erzählt, es sei in Zanskar noch üblich, daß eine Frau zwei Männer, es sind immer Brüder, heiratet. Man nennt den Brauch "fraternale Polyandrie". Diese Form der Geburtenbeschränkung soll der König von Zanskar vor mehreren hundert Jahren eingeführt haben. Wegen der wenigen nicht vermehrbaren fruchtbaren Böden befürchtete er, daß Hungersnöte auf sein Land zukommen würden, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Die indische Armee setzt mehr und mehr Männer von Zanskar zur Absicherung der Grenze zu Pakistan und China ein, berichtet er. Die Zanskaris sind sowohl an die Höhe, als auch an die tiefen Temperaturen die hier im Winter herrschen gewöhnt. Die Opferbilanz zeigt, daß weit mehr Soldaten an den harten äußeren Umständen, als an Kampfeinwirkungen sterben.
Im Herbst, sogar bis Jänner, verlassen die Menschen kaum ihre Behausungen und schon gar nicht ihre Dörfer. Erst in den ersten Monaten des neuen Jahres ist das Reisen leichter. Dann sind die Flüsse fest gefroren und die Sonne scheint stärker, beide Faktoren ermöglichen es auf dem Eis längere Entfernungen zurückzulegen. Dadurch erspart man sich das mühsame Überschreiten der hohen Pässe und kommt sogar schneller voran als im Sommer.
Wir brechen noch bei sommerlicher Wärme auf und bald erreichen wir die letzte Siedlung vor dem Singo-La. Das Wetter verschlechtert sich. Für uns stellt der Regen ein weniger großes Problem dar als für die Kinder, die fast bewegungslos auf den Pferden sitzen. Wir wickeln unsere Campingmatten um sie herum. Dadurch werden sie vor der Nässe geschützt, sehen aber aus wie Ritter in ihrer Rüstung. Beim Aufbauen des Zeltes am Fuße des Shingo La fluche ich schon sehr laut. Zu dem Regen ist ein Sturm hinzugekommen. Gott sei Dank haben wir alle unsere Sachen noch in Plastiktragtaschen im Rucksack verstaut. Dadurch bleibt der Schlafsack und die Wäsche trocken, staub- und geruchsfrei. Die Rucksäcke haben bereits den Eigengeruch der Pferde angenommen. Margit hat eine Supermarkttragtasche, ich eine von einem Baumarkt und die Kinder welche mit Werbeaufschriften von verschiedenen Spielzeugfirmen: dadurch weiß jeder von uns gleich, wem was gehört.
Am nächsten Tag bricht die Sonne zwischen den Wolken hervor. Der Anstieg zum höchsten Punkt der Reise kann beginnen. Weit abgeschlagen bleiben Margit und ich hinter den Pferden zurück. Mich wundert, wie die Tiere über die Schneefelder bergauf gehen. Mit den Maßstäben des Himalaya gemessen, handelt es sich beim Shingo La (5.096m) um einen einfachen Paß. Trotzdem zieht sich der Weg in der dünnen Luft in die Länge. Bald können wir in der Ferne die Gebetsfahnen erkennen. Ein untrügliches Zeichen dafür, daß der Gipfelsieg nicht mehr weit ist. Vorbei an riesigen Gletschern steigen wir auf der Südseite des Himalayas wieder ab: Wir sind über den Himalaya gegangen!
Das Wetter verschlechtert sich von Stunde zu Stunde. Die Sicht wird immer schlechter, deshalb stellen wir unser Zelt schon früh am Nachmittag auf. Keine Minute zu früh, da starker Regen einsetzt, der erst am nächsten Morgen wieder aufhört, als wir schon längst Stunden unterwegs sind und dementsprechend naß.
Eine wirklich außergewöhnliche Brücke erreichen wir vor Mittag. Drei Seile sind über den Fluß gespannt. Darauf sind Bretter befestigt. Auf diesen liegen Steine. Rundherum ist ein nach oben offenes Gitter gespannt. Diese Konstruktion soll einen sicheren Übergang der Pferde gewährleisten. Unsere Tiere überqueren einzeln den reisenden Fluß. Von einer Deutschen erfahren wir, daß ihre Tiere unter keinen Umständen drüber wollten. Erst nachdem Pferde einer am nächsten Tag aufgetauchten Gruppe rübergingen, folgten ihre Tiere. Am anderen Ufer finden wir ein Zelt, indem es eine warme Suppe und Tee angeboten wird! Hier wärmen wir uns erst einmal auf. Draußen bleibt es weiter Grau in Grau. Trotzdem wollen wir heute noch so weit wie möglich marschieren.
Das Reiten gestaltet sich sehr mühevoll, da das Tal mit großen Steinen übersät ist. Die Pferde müssen entweder darübersteigen, oder sich durch die engen Zwischenräume zwängen. Da macht das Hüpfen von Stein zu Stein schon mehr Spaß! Breite Bäche zwingen uns immer wieder die Schuhe auszuziehen und durch den eisigen Strom zu waten. Das Wasser ist so kalt, daß die Füße zu schmerzen beginnen, wenn die Überquerung zu lange dauert. Den letzten Zeltplatz erreichen wir erst sehr spät am Nachmittag. Es ist eine grüne Wiese die von kleinen Bächen durchzogen wird. Während wir beim Abendessen unter einem Felsvorsprung sitzen, bemerken wir, daß die Pferde verschwunden sind. Der Besitzer macht sich auf die Suche und kommt als wir schon schlafen mit seinen Tieren zurück. Am nächsten Tag erzählt er uns, daß ihm während seiner Abwesenheit wilde Hunde das Abendessen und einige Vorräten weggefressen haben. Wir machen ihm zum Ausgleich eine doppelte Portion Müsli beim Frühstück. Die Lebensmittel würden noch für eine ganze Woche reichen. Aufgrund unserer letztjährigen Erfahrung im Karakorum dachten wir eher zuviel, als zuwenig mitzunehmen... Vor allem unseren Kindern geht es diesmal gut, sie erhalten jeden Tag ihre gewohnten Spezialitäten wie Nutella und Schokomüsli. Zurück in Darche schenken wir Nomu die nicht verbrauchten Reste.
Seit dem Aufbruch um acht Uhr kommen wir sehr schnell voran. Der Weg wird immer besser und bald ist das erste Dorf seit vier Tagen in Sicht. Wir treffen wieder auf Menschen, die unter widrigsten Umständen ihre Sisyphusarbeit verrichten und die hier beginnende Piste instand zu halten versuchen. Diese Wege können einfach nicht mehrere Wochen ohne intensive Ausbesserungsarbeiten bestehen. Nach sechs Stunden trifft unser Pfad auf eine Asphaltstraße.
Links geht es nach Leh, wir biegen jedoch Rechts Richtung Manali ab. Im Tal stehen einige Wellblechhütten, wir haben Darche erreicht. Binnen ganz kurzer Zeit nehmen wir Abschied von unseren Gefährten der letzten Wochen und sitzen in einem Jeep, der uns nach einer ermüdenden Berg- und Talfahrt um sieben Uhr am Abend in Manali absetzt.
Die Gegend um Manali ist unseren Alpen nicht unähnlich. Besonders gefällt uns das Dorf Vashisht in der Nähe von Manali. Wir bleiben jedoch nicht lange, sondern nehmen den Nachtbus nach Chandigarh und von dort einen Expreßzug nach Delhi. Unser kleiner Hund "Sani" soll so rasch wie nur möglich nach Österreich kommen. -F. Burger-
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