IM KARAKORUM! Unterwegs am Concordia, K 2- Gondogoro- Trek
Pakistan ist weit weg und das Karakorum–Gebirge noch ein Stück weiter, im äußersten Nordosten des Landes und daher nicht leicht zu erreichen. Noch dazu handelt es sich bei unserem Ziel um eine sogenannte „restricted area", die man nur in Begleitung eines lizenzierten Führers betreten bzw. durchwandern kann. Die Trekking-Tour, die wir uns in den Kopf gesetzt hatten, wird von einschlägigen Veranstaltern und auch vom Summit-Club des Deutschen Alpenvereins um viel Geld angeboten. Dafür braucht man auch nichts organisieren und kann reklamieren, wenn etwas nicht so klappt wie es im Angebot gestanden ist...
Wir, drei Männer zwischen 47 und 7o Jahren, beschlossen die Tour auf eigene Faust anzugehen. Durch Kontakte zu Wienern, die diese Tour selbst vor einiger Zeit unternommen hatten, erfuhren wir die Adresse einer lokalen Trekking-Agentur, mit der Reinhard per Fax Kontakt aufnahm. Von dort bekamen wir nach einiger Zeit ein Angebot und einen Zeitplan für den gesamten Trek und für Variationen, wie z.B. eine zusätzliche Wanderung ins Gebiet des K7 und K6.
Die Preise waren allerdings für Gruppen von mindestens 5 Personen angegeben, sodaß wir den Preis für unsere Tour an Ort und Stelle verhandeln mußten... Die übrige Vorbereitung zum Gipfelsturm klappte dann im großen und ganzen gut.
So fliegen wir ausdauertrainiert und gut in Schuß Ende Juli 1998 nach Islamabad, der am Reißbrett entworfenen Hauptstadt Pakistans. Der Flughafen liegt eigentlich in Rawalpindi, der alten Zwillingsstadt von Islamabad (und das genaue Gegenteil einer geplanten Stadt!!), das erst nach Abzug der Briten und nach Loslösung von Indien in den 6oer Jahren völlig neu gebaut und zur Hauptstadt erklärt wurde. Zwischen Rawalpindi und Indien ist der Unterschied nicht sehr gravierend.
Die gleichen überfüllten Straßen, die kleinen, verbeulten Geschäfte links und rechts und der gleiche Schmutz wie am gesamten indischen Subkontinent. Nur gibt es hier in Pakistan keine heiligen Kühe wie im hinduistischen Indien. Pakistan bezeichnet sich als eine islamische Republik und hat daher entsprechend andere religiöse Besonderheiten. Zunächst besteht ein strengstes Einfuhrverbot für Alkohol in jeder Form, wobei Zuwiderhandelnde mit strengen Strafen zu rechnen haben. Da wir keine Bekanntschaft mit pakistanischen Gefängnissen machen wollten, verzichteten wir auf „medizinischen" Whiskey und stellen uns auf einen gesunden, alkoholfreien Höhenaufenthalt ein. Allerdings wurden wir nach der Landung unserer Boeing 747 von Rozi Ali, einem der Gesellschafter unserer Agentur, abgeholt und ohne jede Kontrolle durch den Zoll geschleust, was wir natürlich vorher nicht wissen konnten... Schnell erkennt man hier den Wert guter Kontakte, um auch nur irgend etwas rasch zu erreichen, und sei es nur der Ausgang... Denn was wir auch wissen ist, daß es einer Genehmigung für unsere Tour durch das Tourismusministerium bedarf und einer von uns stellvertretend für alle von einem Abteilungsleiter im Ministerium entsprechend belehrt werden muß.
Der Denkzettel lautet so: Absolutes Verbot, Frauen zu photographieren, ebenso keine Soldaten und militärischen Einrichtungen, wozu auch sämtliche Brücken zählen. Nach diesem „Briefing" erhält unser Grüppchen die Genehmigung für die nicht häufig begangene Route in dieser „re-stricted area". Aufgrund des permanenten Grenzkonflikts mit Indien wird jeder Besucher besonders sensibel ausgewählt.
Vor Ort muß noch der Preis ausgehandelt werden, der natürlich bei nur 3 Personen etwas teurer sein muß als bei einer größeren Gruppe. So bezahlen wir nach eingehenden „Gesprächen„ bei viel Tee jeder 2000 Dollar cash für unsere auf einundzwanzig Tage geplante Tour, wobei in diesem Preis alles inkludiert sein soll. Auch der präzise Routenverlauf und die Etappenplanung wird genau festgelegt und dann geht es hinein in die Bergwelt Pakistans, in eine Region in der sich vier der höchsten Gebirgszüge der Welt treffen.
Der Binnenflug mit der Pakistan Airline (PIA) nach Skardu, dem Ausgangsort für viele der Kara-korumtrekkings sorgt für einen ersten Eindruck von der prächtigen Kulisse! Eine Boeing 737 bringt uns vom heißen, schwülen Tiefland hinauf ins rund 2000m hoch gelegene Skardu im oberen Industal. Wer behauptet, PIA würde „please inform Allah" bedeuten, der irrt gewaltig: unser Pilot war ein absoluter Könner, denn die Landung in Skardu hat es in sich. Die Maschine fliegt den Flughafen von Westen an und schraubt sich über einen 4000m hohen Bergrücken kommend in einer 360°-Spirale hinunter um dann auf der Rollbahn Richtung Osten zu landen. Ein Landemanöver, das wirklich nichts für Menschen mit Flugangst ist... Dabei bietet der 45 Minutenflug grandiose Ausblicke aus der Pilotenkanzel, etwa auf den Nanga Parbat und Rakaposhi im Himalaya und in das im Norden liegende Kara-ko-rumgebirge.
Nach dieser gelungenen Landung beginnt das Auschecken aus dem Flughafen, auf dem natürlich striktes Photographierverbot besteht, der tollen Umgebung zum Trotz... Nach Erledigung diverser bürokratischer Formalitäten sind wir endlich samt Gepäck draußen und werden mit einem alten Jeep zum Indusmotel am Beginn des Straßendorfes Skardu gebracht, wo wir die erste Nacht verbringen.
Wir verlassen das Dorf mit 2 Geländefahrzeugen Richtung Osten, um dann bald nach Norden abzuzweigen und gelangen in das Shigar Tal. Auf einer Sandpiste geht es zunächst 70 km eher flach dahin um dann die letzten 30 km in steilen, völlig ungesicherten Kehren zum ersten Lagerplatz mit dem Namen Thungol auf 2700m hinauklettern.
Hier stoßen unsere Begleiter, nämlich Hanif, unser Koch und Ali Haidar, unser Führer zu uns, während Rozi Ali sich verabschiedet, um uns am Ende der Tour, in Hushe wieder in Empfang zu nehmen. Dazwischen liegen nun 2o Tage, an denen wir bis auf 2 Ruhetage jeden Tag im Durchschnitt 5 Stunden zu marschieren sollen.
Am ersten Tag erreichen wir etwa nach einer Gehstunde Askoli, die letzte Ansammlung von Steinhäusern, die sich Dorf nennt und wandern immer dem Bralduriver entlang Richtung Nordosten. Einige Flüsse werden auf Hängebrücken überquert, mehrere eiskalte Bäche durchwaten wir weniger vornehm barfuß, jedenfalls erreichen wir am dritten Tag Paju, eine kleine Oase am Berghang und am Beginn des ca. 5okm langen Braldugletschers. Hier bekommen die Träger ihren ersten Ruhetag und ihre Fleischration nach dem Schlachten der mitgeführten Ziegen. Ansonsten ernähren sich die Träger ausschließlich von „Tscharpati" (Weizenbrotfladen) und Tee. Für uns drei Wanderer, den Koch und unseren Bergführer benötigen wir einen Troß von 13 weiteren Pakistani. Jeder Träger schleppt mittels eines hölzernen Tragegestells eine Last von bis zu 25 kg.
Hier beginnt für die Expedition der lange Marsch über den gänzlich von Schutt bedeckten Riesengletscher. Auf dem Eis flies-sen Gletscherbäche, die sich richtige Schluchten graben. Links und rechts von diesem anspruchsvollen, aber großartigen Weg ergeben sich phantastische Ausblicke auf 6000 und 7000 m hohe Berge, wie zuletzt zur rechten Hand auf den 7800m hohen Gipfel des Masherbrum. Herrlicher Sonnenschein, der die Tagestemperaturen ganz angenehm macht, trägt zur guten Laune während es Marsches bei. Am achten Tag nach unserem Aufbruch in Thungol erreichen wir bei leider nicht mehr so gutem Wetter den Concordiaplatz in 4600 m Höhe. Hier haben die Träger ihren zweiten Ruhetag, an dem wir die Gelegenheit nutzen, in einer langen Tagestour zu den Basecamps von Broad Peak und K2 auf knapp 5000 m zu steigen. Der Weg, den wir verfolgen, ist natürlich kein Pfad, sondern eine riesige Schuttfläche, die sich zum grandiosen Gipfelaufbau des K2 stundenlang zieht. Über 3000m weiter hinauf steigen hier die Eis- und Felswände, hinauf zu 4 von den 5 pakistanischen Achttausendern: K2, Broad Peak, Hidden-Peak und Gasherbrum 2 heißen die Gipfel, die nicht nur Extremsportlern ein Begriff sind. Wahrlich eine der großartigsten Landschaften unserer Erde, durch die unsere Tour führt!
Am nächsten Marschtag dreht sich unsere Richtung nach Süden und über den zuletzt spaltendurch-zogenen Vignegletscher erreichen wir das Ali-Camp in 5000m Höhe. Von hier geht’s nach einem weiteren einstündigen, aber schwierigen Marsch über den Gletscher hinauf zum 5600m hohen Gondogoro-La. Diesen erreichen wir nach der mühseligen Überwindung 5o Grad steiler Schneehänge nach knapp 4 Stunden.
Seit Conco-rdia-platz begleiten uns nur mehr 10 Träger, die alle mit uns den hohen Paß überschreiten. Wie schw ierig und anstrengend diese Passage wirklich ist, erfahren wir erst später: In einer uns mit ein paar Tagen Abstand nachfolgenden Gruppe verunglückt ein Träger durch Spaltensturz tödlich und ein fünfzigjähriger holländischer Tourist kommt auf der Paßhöhe aus Erschöpfung ums Leben...
Der Tag mit der Überschreitung des Gondogoro-La Ist sicherlich der Höhepunkt, aber auch der anstrengendste Teil der gesamten Tour, für den zwischen 7 und 13 Gehstunden erforderlich sind. Wir benötigten bei ganz guten Verhältnissen, zuletzt allerdings bei Regen etwa 9 Stunden und die Leistung unseres siebzigjährigen Gruppenmitglieds Erwins kann gar nicht hoch genug bewertet werden!
Nach dieser Königsetappe folgt ein weiterer Ruhetag für unsere Träger, welche die ganze Tour ohne Seil, Pickel und Steigeisen bewältigen. Auch wir machen einen Tag blau, um dann nach zwei weniger anstrengenden Tagen die winzige, aber äußerst malerisch gelegene Ansiedlung Hushe zu erreichen.
Wir haben gegenüber unserem bezahlten Zeitplan zwei Tage Vorsprung, weil wir die einkalkulierten Reservetage nicht benötigen. Daher machen Reinhard und ich noch einen zweitägigen Abstecher zum Basislager des Masherbrum (7800m), dann ist die Tour wirklich zu Ende. Im Jeep verlassen wir Hushe und sind nach rund 100 km Fahrt wieder in Skardu.
Die einzige unangenehme Überraschung unserer Tour liegt aber noch vor uns. Wegen Schlechtwetters fallen an drei aufeinanderfolgenden Tagen die Flüge aus und wir müssen, um rechtzeitig wieder in Islamabad zu sein, mit dem Bus fahren. Eine zweiundzwanzigstündige Fahrt im überfüllten Bus antiken Baujahres, über die man allein deswegen eine Geschichte schreiben könnte, weil sie immer am Rand des Abgrunds entlang geht. Immerhin beschert uns das Wetter damit eine spektakuläre Fahrt durch eine der längsten Schluchten dieser Erde, den Indusdurchbruch zwischen Karakorummassiv und Himalaya. Wir erreichen den Zusammenfluß mit dem Hunza und damit die einzige Verbindung nach China. Wir aber wenden uns flußabwärts und passieren die „wilde" Stadt Gilgit, Hauptstadt der Region und Zankapfel zwischen Sunniten und Schiiten. Nunmehr auf dem Karakorum-Highway unterwegs, blicken wir zur mächtigen, weiß leuchtenden Ostflanke des Nanga Parbat auf und folgen dem reißenden Indus bis in die dampfende Ebene. Eine abenteuerliche, anstrengende, aber wunderschöne Trekkingtour geht hier zu Ende...
-Peter Großkopf-
PS: Die Adresse unseres Bergführers in Skardu, der für die Organisation mit einfachen Verhältnissen, vor allem für den alpinistischen Teil zu empfehlen ist, lautet: Ali Haidar Sadpare, Mountain Guide, P.O.Box Nr. 646, Skardu Baltistan, Pakistan. Nähere Informationen über das Trekking gibt es im TCA !
Zusatz 04/99
Wir absolvierten diesen Trek in den Sommermonaten 1997. Ich hatte aus dem Lonely Planet "Pakistan" einige Adressen von lokalen Trekking Agencies um Infos und Preise angefaxt. Fast alle schrieben mir zurück und legten Angebote bei, die sich zwischen 2000 US$ und 2500 US$ pro Person bewegten, bei einer Gruppe von 4 Leuten. In der Folge handelte ich über Fax und Telefon mit dem Bestbieter einen Preis von 1648 US$ aus. Als der Deal fixiert war und ich allen anderen Anbietern absagte, kam schließlich ein Angebot von 1000 US$ pro Person, das wir leider nicht mehr annehmen konnten, da wir eben der Agentur zugesagt hatten. Es ist also unbedingt ratsam zu handeln! Bei hartnäckigem Handeln sind Preise unter 1500 US$ pro Person für Kleingruppen auf alle Fälle drin, bei größeren Trekkingpartys ist die Verhandlungsbasis natürlich weit günstiger.
Wenn die Zeit nicht sehr drängt, ist es sehr leicht möglich, ohne Arrangement nach Islamabad zu fliegen und an Ort und Stelle zu verhandeln. Die meisten Agenturen haben ihr Hauptbüro in Islamabad, obwohl einige auch in Gilgit und in Skardu stationiert sind. Zu beachten ist allerdings - wie im Bericht erwähnt!-, daß zumindest ein Teilnehmer mit einem Mitarbeiter der Agency (meist der Guide) zum Briefing ins Tourismusmininsterium in Islamabad geht und nach dem Trek zum De-Briefing.
Aufgrund eines Erdrutsches waren wir gezwungen, die Tour in umgekehrter (= gegen den Uhrzeigersinn) Richtung zu machen. Zwecks besserer Akklimatisierung ist aber die übliche Route über den Baltore Gletscher besser. Wir bestiegen übrigens den Gondogoro La von Hushe aus ohne Seil, verwendeten aber beim Abstieg ins Ali Camp Steigeisen, was nicht unbedingt notwendig gewesen - die Bedingungen variieren von Jahr zu Jahr sehr stark. Die Steigeisen brachten wir selber mit, das Seil haben wir uns ausgehandelt, denn persönliche und Bergausrüstung sind im Preis nicht inbegriffen, wohl aber Träger, Koch, Verpflegung, Führer, Zelte (nicht jedoch Schlafsäcke und Matten).
Eine Versicherung für eine Hubschrauberbergung ist nicht Pflicht, wie einige Veranstalter uns weismachen wollten (Auskunft laut österr. Botschaft in Islamabad). Wenn zu Hause eine Versicherung abgeschlossen worden ist, wird diese in Pakistan nicht anerkannt. Man muß, wenn man auf Nummer sicher gehen will, daß man im Notfall (mit Militärhubschrauber) herausgeholt wird, einige tausend Dollar (meist 4000) auf einer Bank hinterlegen. Man sollte bedenken, daß im Falle einer nicht lebensbedrohenden Verletzung, die Chancen herauszukommen groß sind, weil in den Sommermonaten jeden Tag Hunderte Träger nach Hushe gehen. Bei Auftreten der Höhenkrankheit kann es allerdings innerhalb weniger Stunden kritisch werden. Der Gondogoro La ist immerhin 5600 m hoch und mindestens 3 mühselige Tage von Hushe entfernt. Außerdem muß man immer mit Erdrutschen über die Straße zurück nach Skardu rechnen, und zwar auf beiden Seiten!
Wir hatten keine "Hubschrauberversicherung" abgeschlossen und auch keine Dollars hinterlegt. Mag sein, daß manche Agencies sich weigern, den Marsch ohne Versicherung zu organisieren, unsere aber gab schließlich nach, nachdem wir die Meinung österr. Botschaft präsentiert hatten.
Wenn alle bürokratischen und finanziellen Hürden überwunden und das launische Karakorumwetter sich von der besten Seite zeigt, ist dieser Trek wohl ziemlich das Schönste, was einem Trekking-Freak passieren kann !
-R. Mandl-
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