Traveller Club Austria

DIE JAGD NACH DEN SCHIMPANSEN VON TAI

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Côte d’Ivoire

oder DER TAG, AN DEM MEIN #-2-LEIBERL STARB!

Um es vorweg zu nehmen, Tai ist nicht das ehemalige Siam, sondern ein Nationalpark im Westen der Elfenbeinküste. Und die Jagd ist von rein visueller Natur, es kam niemand zu Schaden außer mein #-2-Leiberl!

Ich habe es mir eine Menge Geld und Mühe kosten lassen, um diese Affen zu sehen. Geldmäßig betrugen die Hotelkosten, Parkeintritt und die Heuer eines Führers insgesamt 80 Euro. Mit diesem Betrag lebe ich hier normalerweise eine Woche lang ganz gut. Die Mühe bestand u.a. in An- und Abreise zu und von dem Park.

Die Strasse ist so schlecht, dass kaum Busch-Taxis durchkommen. So bin ich das meiste zu Fuß spaziert und ab und zu auf Kakao-Lastern mitgekommen. Insgesamt hat das Ganze 4 Tage gedauert und ich habe 60 km auf die Sohle gebracht (nicht mitgerechnet die km im Park selbst!). Doch Schimpansen haben mich immer schon fasziniert. Als Kind war ich auf jedem Baum ganz oben und konnte mich irgendwie mit diesen nahen Verwandten identifizieren!

Um 7 Uhr Früh ging es also los. Mit Kouga, meinem Führer, setzten wie zuerst mal in einem Kanu über einen kleinen Fluss über, der die Grenze zum Nationalpark bildet. Dann ging es im Eilschritt auf einem kleinen Pfad durch den Dschungel. Ich hatte Gott sei Dank genügend Kondition getankt, um mithalten zu können. Trotzdem bewunderte ich meinen Führer, wie er bei der Geschwindigkeit gleichzeitig auf den Weg achten und die überhängenden Äste wegstoßen konnte. Wo wir doch alle aus Hollywood Filmen wissen, dass diese Äste großteils getarnte Giftschlangen sind. Nun, es waren nicht alle Schlangen, aber viele hatten zumindest Dornen. Auch wischte er todesmutig alle Spinnweben mit der Hand weg. Ich versuchte mich genau hinter ihm zu halten und hatte größte Hochachtung!

Nach einer Stunde Laufschritt erreichten wir den Platz, an dem Kouga am Vortag die Tiere gesichtet hatte und er orderte eine Pause an. Diese kam mir recht gelegen, denn nach einer Stunde komme ich ganz gern wieder mal zu Atem und ein Schluck Wasser tat auch nicht schlecht! Nach 15 Minuten hatte sich meine Atmung wieder normalisiert, ich hatte Wasser getrunken und gelassen. ich war bereit für einen weiteren Dauerlauf.

Mein Führer blieb ungerührt. Und als die Pause immer mehr zum Warten wurde, begann er zu erklären: Schimpansen sitzen zumeist auf den Baumkronen. Ein ständiger Blick himmelwärts wäre der Sicherheit des Fußmarsches nicht zuträglich und außerdem höchst zwecklos. Eine visuelle Ortung ist daher recht hoffungslos! Doch sie schreien sehr laut und trommeln, um ihrer Gruppe ihren Standort zu signalisieren, bzw. den Aufbruch von jenem. Doch manchmal tun sie das auch eine halbe Stunde lang nicht. Und so heißt es: Bitte warten!

Nach 30 Minuten brachen wir wieder auf. Allerdings nicht auf dem Weg, sondern per Kompass quer durch den Dschungel. Auch liefen wir nicht im Eilschritt, sondern gingen normales Tempo. Denn nun waren wir auf der Pirsch. Es ist ein ähnliches Gefühl wie beim Schwammerl suchen. Du achtest genau, worauf du steigst. Allerdings nicht um keinen Pilz zu zertreten, sondern um kein grobes Geräusch zu machen und so deine

Ohren für das Wesentliche frei zu haben. Das Brüllen hört man 500 Meter, das Trommeln einen Kilometer. So arbeiteten wir uns in einer halben Stunde durchs Dickicht einen Kilometer weiter. Dort suchten wir wieder einen Rastplatz und warteten. Nach 30 Minuten schlugen wir einen 90 Grad Kurs ein und so ging es im Stundentakt Zick-Zack durch den Nationalpark. Bis Mittag hatten wir einige andere Affenarten gesehen und viele verschiedene Geräusche gehört, aber kein Schimpansen-Gebrüll oder Getrommel!

Während der Pausen hatte ich Gelegenheit Kouga in gedämpftem Ton zu interviewen. Er und 5 Kollegen machen sich täglich auf, um die Affen zu suchen und dann jede Beobachtung genau zu notieren. Wann immer Touristen kommen, arbeiten sie dann als Führer. Somit vertraute ich ihm voll und ganz. Doch mit fortschreitender Uhrzeit kamen mir doch Zweifel, ob ich die Viecher noch sehen werde.

Doch dann, während einer Pause, war es soweit! Ein leises dumpfes Grollen, das ich alleine vollkommen überhört hätte, ließ meinen Führer aufhorchen. Er nahm mit der Bussole die Peilung auf, notierte in seinem Notizbuch die Uhrzeit 13:15 und dann ging es im Eilschritt in die Richtung des Geräusches. Ca. 10 Minuten marschierten wir, dann wieder warten. 5 Minuten später wieder ein Grollen, diesmal lauter und auch für mich deutlich zu hören. Wieder Peilung aufnehmen, der Eintrag ins Büchlein erfolgt schon im Gehen. Das Tempo ist schon wieder schneller Laufschritt, mein Herz schlägt auch schon höher! 5 Minuten später wieder gespanntes warten.

Und dann kommt das Mega-Gebrüll-Geschrei-Getrommel! Ein Geräusch vor dem ich in jedem anderen Fall sicher davongelaufen wäre. Doch so gibt es keinen Halt mehr. Ein kurzer Blick auf den Kompass schon im Laufen und dann beginnt das Affentheater. Das Gebrüll kommt von hinter uns und nicht mehr als 100 Meter entfernt. Wir müssen sie gerade passiert haben, ohne sie zu sehen. Ein Sprint bringt uns zu dieser Stelle und Kouga kann gerade noch zwei schwarze Hinterteile im Dickicht erkennen und so beginnt die Jagd.

In solch einem Moment ist keine Zeit für viele Worte, so will ich die spätere Erklärung meines Führers vorweg nehmen: Was wir sahen waren 2 junge männliche Schimpansen, die ihre Gruppe verloren hatten. Die Tiere sind zwar inzwischen an Menschen gewöhnt und haben sich daher nicht wirklich vor uns gefürchtet, doch alleine oder zu zweit sind sie potentielle Beute für Panther hier. Daher waren sie tunlichst auf der Suche nach ihren Kameraden. Sie liefen zwar nicht flott, sondern normales Schimpansen-Tempo, aber das entspricht schnellem menschlichen Laufen. Und so gab es für uns keinen Halt mehr. Wir liefen was wir konnten!

Kein Dickicht war dicht genug um uns zu halten, wir fegten über Sümpfe hinweg ohne einzusinken, immer den 2 schwarzen Hintern hinterher. Vorbei waren alle Gedanken an giftige Schlangen oder Spinnen. Diese hätten wohl kaum Zeit gehabt, um uns richtig zu fokussieren, und schon waren wir vorbei. Einmal blieben die Beiden kurz stehen, um Früchte zu essen und wir kamen auf 10 Meter heran. Sie sahen uns an, als wollten sie abschätzen, wie lange wir das wohl durchhalten würden. Es war ein eher mitleidiger Blick. Ich persönlich wäre ja eher auf einen Baum gestiegen und hätte mich von Liane zu Liane geschwungen, doch in dem Moment hatte ich weder die Zeit noch dem Atem, um Kouga den Vorschlag zu unterbreiten.

Nach ca. einer Halbmarathon Distanz (so kam es mir zumindest vor) hatten wir sie plötzlich verloren, sie waren nicht mehr zu sehen. So blieben wir stehen und ich versuchte, meinen persönlichen Sauerstoff- und Wasserbedarf wieder aufzufüllen. Als mein Puls wieder auf 200 herab war, hörten wir wieder das Gebrüll, nicht mehr als 150 Meter entfernt. Es klang, als wollten sie uns sagen, dass wir doch nicht immer so brodeln, sondern endlich weiter machen sollten. Die Biester sind wirklich intelligent! Sie wissen, mit den 2 haarlosen Affen im Schlepptau traut sich kein Panther heran!

Und weiter ging der Sprint durch Dornen, Gestrüpp, Giftschlangen, getarnten Ästen, Spinnweben, Morast und Wasserlöcher. Die Affen sind einfach kleiner und kommen somit überall durch, es ist einfach nicht fair! Sie bleiben auch nicht überall hängen. Es war kein gleichwertiges Fangenspiel. Das wussten wohl auch die Schimpansen, denn sie gaben sich nicht wirklich viel Mühe uns zu entkommen.

Als wir sie wiederverloren, fanden wir sie durch ein Klopfzeichen. 10 Sekunden später fanden wir einen Stein, eine zerbrochene Nuss und wieder die 2 schwarzen Hintern. Mein Puls stieg schon präventiv auf 250. Ich weiß nicht wie lange die Hetzjagd insgesamt dauerte, ich hatte jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Irgendwann kam mir der Gedanke mich für den nächsten Marathon anzumelden, jedoch der Straßenlauf ohne jegliches Hindernis erschien mir dann doch recht öd!

Stattdessen fegten wir über umgefallene Sümpfe und schlammige Baumstämme, durch bissige Spinnweben, dornige Schlangen und getarntes Gebüsch. Und plötzlich stand 5 Meter vor uns ein dritter Schimpanse! Wir hielten inne und mein Führer erklärte mir, dies sei Fritz!

Natürlich hieß er nicht wirklich Fritz, aber mit 250 Puls und akutem Sauerstoffmangel merke ich mir keine unaussprechlichen Namen, also nenne ich ihn einfach so. Fritz ist einer der ältesten seiner Gruppe und fürchtet sich vor nichts mehr! Er schaut uns ein wenig mitleidig an, kratzt sich genussvoll seine Genitalien und schwingt sich dann auf den nächsten Baum. Dort pflückt er ein paar Früchte, schleckt sie aus und bewirft uns dann mit den Schalen! Ich mag Fritz! Die beiden jungen Affen schließen, dass sie nunmehr genug spaziert sind und tun es dem Alten gleich. Ich verrenke mir den Hals himmelwärts und überlege ob dies wohl ein geeigneter Zeitpunk sei, um in Ohnmacht zu fallen. Ich entschied mich doch dagegen, setzte mich stattdessen auf meinen Rucksack und keuchte noch ein halbes Stündchen. Langsam bekam ich wieder alle meine Sinne in den Griff. Ich schaute nach oben und sah meine 3 Schimpansen genussvoll Früchte mampfen. Ich war glücklich!

Von Zeit zu Zeit ließen sie im Chor ein Gebrüll los und Kouga übersetzte mir das ins Humanoide mit den Worten: "Hurra, hier gibt es viele gute Früchte, hier bleiben wir". Viel mehr würde sich heute nicht mehr abspielen. Eine Stunde, bzw. eine knappe Halsverrenkung lang blieben uns zu verweilen, dann mussten wir zurück. Wir hatten noch 3 Stunden Rückweg vor uns.

Zum Abschied kam Fritz noch mal eine Etage weiter herab zu mir, er schaute mich wieder ein wenig mitleidig an, kratzte sich genießerisch noch mal seine Genitalien, und ich fragte mich ernsthaft, wer wohl der größere Affe von uns beiden sei!

Am Heimweg erzählte mir Kouga, dass sich der englische Botschafter für heute abend im Hotel angesagt hat. So kam mir der Gedanke, ob ich für diesen Anlass entsprechend adjustiert sei. Ich blickte auf mein derzeitiges Outfit herab. Voll Entsetzen musste ich feststellen, dass von meinem #2 Leiberl nicht mehr viel übrig war. Die Dornen und bissigen Schlangen hatten ihren Tribut gefordert! Mein #2 Leiberl noch Leiberl zu nennen, wäre so wie wenn man zu einem Paragleiter Flieger sagt. Es ist einfach nicht richtig! Statt dessen ist es ein löchriger Fetzen! Nach 2 Monaten und 19 Tagen treuen Dienst und beispielhaften Durchhaltevermögen muss ich mein #2 Leiber für tot erklären.

Müde, erschöpft, glücklich und traurig zugleich erreichen wir noch vor der Dunkelheit das Hotel. Der Botschafter war noch nicht angekommen - Gott sei Dank!

- Peter Z -., alive & happily cruisin´, presently in Ghana

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