Israel - Palästina 1999, Ein Blick ins Bantustan des Nahen Ostens
Auf meiner Reise durch den Nahen Osten kam ich in das Gelobte Land und wiederholt in das junge palästinänsische Gebiet. Allerdings nicht ganz unbehelligt, denn die israelische Armee übte sich in rigoroser Kontrolle und das kostete viel Zeit und Nerven. Es wurde zwar nicht das ganze Gepäck durchsucht, aber egal ob mit dem Privatauto oder im öffentlichen Bus, willkürliche Stichproben überall. Busverbindungen gibt es genug im Land, also auch genügend Möglichkeiten zur Kontrolle.
Palästineserorte sind genauso leicht zu erreichen wie andere Städte, die Straßen befinden sich in recht gutem Zustand, es sind wird nicht gerast, der Verkehr verläuft zu meiner Verwunderung für mediterranes Temperament recht zivilisiert. Die Busse kosten nicht viel und entsprechen europäischem Niveau, so stört es nicht, daß man dank der Aufenthalte und Kontrollen die Fahrten länger genießen kann. Ich entschied mich meist für israelisch geführte Privatbusse, die komfortabler und schneller unterwegs sind als die staatlichen. Die Mitreisenden gehören beiden Bevölkerungsgruppen an, besonders die Palästinenser sind durchaus kommunikativ.
Was nicht selbstverständlich ist, denn dieser Landstrich, der seinen Namen bekanntlich von den Philistern ableitet, mußte in seiner langen, bewegten Geschichte schon vielerlei Herren erdulden.
Als es die militärisch geschlagenen Türken (der "Law-rence von Arabien" war dabei nicht ganz unbeteiligt) 1917 schlußendlich an Großbritannien abzutreten hatten, betrug der arabische Bevölkerungsanteil mehr als 90 Prozent. Damals lebten nur etwa 56.000 Juden im "Heiligen Land", von denen wiederum bloß die Hälfte sozusagen "einheimische" Vorfahren hatte; der Rest rekrutierte sich bereits aus Einwanderern. Die Araber besaßen zu dieser Zeit immerhin 97,5% des Landes, und in 30 Jahren britischer Besetzung gelang es den Zionisten lediglich, insgesamt 3,5% palästinensischen Bodens aufzukaufen.
Das war die Situation bis 1947, als nach UNO-Beschluß und unter dem Schutz englischer Bajonette das Land praktisch viergeteilt wurde: in den jüdischen Staat Israel; die sogenannte "Westbank", die den traditionell britenfreundlichen arabischen Haschemiten zugeschlagen wurde; den Gaza-Streifen, der sich bereits unter ägyptischer Kontrolle befand, und eine internationale Zone um Jerusalem. Die Zeitspanne zwischen der Proklamation und der Konstituierung der beiden Staaten Israel und Jordanien nützten diverse bewaffnete zionistische Organisationen (Haganah, Stern-Bande und Irgun, deren Chef übrigens der spätere Premier Menachem Begin war), um unter der Patronanz und teilweisen Duldung durch die britischen Truppen sukzessive 80,5% der Fläche Palästinas, einschließlich von Teilen der internationalen Zone unter ihre Gewalt zu bringen. Die Israelis nennen das ihren "Befreiungskrieg". Befreit wurden dabei allerdings in erster Linie an die eineinhalb Millionen palästinensischer Araber - nämlich von Haus, Hof, Grund und Boden, indem sie vertrieben, ausgesiedelt, zum Grenzübertritt gezwungen wurden bzw. vor den neuen Besatzern flüchteten. Sie leben teilweise bis heute unter katastrophalen Bedingungen in Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten - hoffend, eines Tages wieder in ihre angestammte Heimat zurückkehren zu können: "Nächstes Jahr in Jerusalem!", so wie's vorher über Jahrhunderte die Israeliten einander zuriefen. Der Rest des Landes, das Westufer des Jordan, wurde ja bekanntlich 1967 nach dem "Sechs-Tage-Krieg" dem Judenstaat einverleibt, so daß sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht nur das gesamte historische Palästina, sondern auch noch beträchtliche Gebiete Syriens unter israelischer Verwaltung befinden. Der damals ebenfalls besetzte ägyptische Sinai wurde zwar 1980 knirschenden Zahns wieder geräumt - damit scheint auch der Traum von einem biblischen "Groß-Israel" zwischen Nil und Euphrat (1. Mose 15, 18) einstweilen zumindest ausgeträumt -, dafür annektierte man noch im selben Jahr endgültig den arabischen Teil Jerusalems (für die Moslems mit Mekka und Medina einer der drei heiligsten Orte!) sowie ein wenig später die syrischen Golan-höhen. Darob gab's zwar wieder einmal die obligate Schelte von der UNO (wie schon zigmal in der jungen Geschichte Israels), Sanktionen jedoch hat ihr Patenkind deswegen kaum zu befürchten. Weder Boykotte noch "Desert storms" fegten jemals über den modernen Kolo--nialstaat hinweg - und werden dies wohl auch künftig nicht tun.
Derzeit ist das Reisen hier weitgehend möglich, zu den größeren Probleme für Traveller zählt das historische Problem, eine passende Bleibe zu finden. Die Unterkünfte sind der Levante entsprechend mit der Faustregel "billig ist einfach" zusammenzufassen, das Preisniveau liegt jedoch deutlich über dem der umgebenden Länder! Die relativ preisgünstigen und weitverbreiteten Jugendherbergen sind zumeist ausgebucht, der Tip heißt also langfristig vorausbuchen, sofern die Route klar abgesteckt ist... Ein besonderes Problem dabei ist Jerusalem, das sehr gute österreichische Hospiz mitten in der Altstadt etwa ist für die nächsten zwei Jahre ausgebucht.
Auch in den palästinensischen Autonomiegebieten gibt es genügend Fremdenzimmer, aber egal ob in Jericho oder Bethlehem für einen spartanische Verschlag mit WC am Gang zahlt man zumindest 150 öS pro Person... Im übrigen ist der Unterschied zum israelischen Staatsgebiet nicht groß, es flattern halt viele Palästinenserflaggen an den Häusern und es patrouilliert die einheimischen Polizei. Die Stimmung in den Autonomiegebieten wirkt bedrückt, was sich natürlich auf die Laune des Reisenden auswirken kann. Einerseits ist man hier verärgert, daß sich die Israelis an keine Abmachungen halten, andererseits fürchtet man auch die Eskalation durch eigene Terrorgruppen wie die Hamas. Und Demonstrationen und Anschläge gibt es nach wie vor, die Abwicklung diverser Zwischenfälle erfolgt allerdings mit allseitiger Routine und wird einfach hingenommen. Dem Touristen kann die unerwartete Sperre von Straßen oder ganzer Gebiete natürlich den Reiseplan durcheinanderbringen.
Einige Punkte, die der Reiseplan beinhalten sollte, sind die wunderschöne Landschaft im Hochland von Galliäa rund um die Stadt Tiberias und den See Genezareth bis zum Grenzgebeit zu Syrien und Libanon. Sperrgebiete habe ich keine bemerkt. Der Kontrast zum grünen Hochland ist die natürlich die Wüste Negev, mehr Stein- als Sandwüste mit dem interessanten Ort Avdad mittendrin. Hier war einst ein Stützpunkt der Nabatäer, die im berühmten Petra in Jordanien ihre prunkvolle Hauptstadt errichtet hatten. Hier in der Weite der Wüste findet der Suchende ebenfalls einige großartige Ruinen dieses Händlervolks.
Das Tote Meer ist ein Muß für "Extremisten" - hier kommt man an den tiefsten Punkt der Erde und hat die Gelegenheit, sich als Baumstamm im Wasser zu fühlen. Mein Aha-Erlebnis war, daß das Schwimmen hier nahezu unmöglich ist, man ist einfach nicht tief genug im Wasser! Der hohen Salz- und Mineralgehalt von 30% (Mittelmeer etwa 3%) führt zu starkem Brennen in den Augen, wenn man sich anspritzt, also vorsichtig pritscheln... Für Badefreuden begibt man sich eher ans Rote Meer, das weniger Salz, dafür aber viele Meereslebewesen bieten kann.
In den letzten Jahren ist einiges Wasser über dem Toten Meer verdunstet, es gab Konferenzen, "Pendeldiplomatie", Abkommen, Verträge - von Camp David über Washington und Oslo bis Wye -, und dazwischen wurde in der Westbank von Israel auf Teufel komm raus gesiedelt. "Greift euch alle Hügel, derer ihr noch habhaft werden könnt!", forderte erst unlängst wieder Ariel Sharon ermunternd auf. An die 150.000 hatten bisher ohnedies schon gegriffen. Nein, nicht unbedingt aus national-zionistischen Gefühlen für die Gebiete ihrer biblischen Erzväter etwa, sondern in erster Linie wegen der günstigen Mieten dort. 1993 erkennt dann Israel widerstrebend nicht nur die "Mörderbande der PLO" diplomatisch an, sondern ringt sich mit deren Führern sogar einen "Teilautonomie-Vertrag" ab, um vorerst wenigstens einmal die "Intifada"-Hochburgen Gaza und Jericho loszuwerden und gleichzeitig damit dem Arafat den Schwarzen Peter für künftige Aktivitäten arabischer Radikalinskis zuzuschieben.
Was dabei herausgekommen ist, erinnert fatal an den Fleckerlteppich der ehemaligen "Homelands" im weiß regierten Südafrika, damals treffenderweise als "Bantustan" verballhornt. Somit wurde diese strittige Westbank - mit der sich die "Tauben" unter den Palästinensern abzufinden bereit waren, obwohl sie nur etwa ein Drittel(!) ihres ursprünglichen Siedlungsgebietes umfaßt - in sich nun auch noch einmal viergeteilt: in Gebiete unter rein israelischer Kontrolle (73%); in solche mit palästinensischer Selbstverwaltung, jedoch israelischer Sicherheitshoheit (24%); in rein arabisch kontrollierte Territorien (ganze 3%) und weit mehr als hundert übers ganze Land verstreute jüdische Siedlungen meist fanatischer Ultras, die natürlich wiederum durch israelisches Militär "geschützt" werden müssen. Daß dieser Zustand niemanden so recht befriedigt, manifestiert sich in mehr oder weniger terroristischen Aktivitäten auf beiden Seiten. Wir erinnern uns noch alle recht gut an das Massaker an 30 betenden Muslimen in der Ibrahim-Moschee von Hebron 1994, den Mord am konsensbereiten Premier Rabin (jeweils durch jüdisch-religiöse Zeloten), die Auto- und sonstigen Bomben islamischer Fundis bis hin zu diversen harmloseren Demonstrationen frustrierter Palästinenser - wie in Jerusalem vor kurzem selbst erlebt: Bis ich begriffen hatte, was da eigentlich passierte, stand ich schon inmitten einer Tränengaswolke. Eine neue (schlimme) Erfahrung, ausgerechnet in dieser "Stadt des Friedens". Wer hier reist, darf also einiges erwarten.
In Nazareth (no na, wo sonst?) komme ich mit einem Palästinenser christlicher Konfession ins Plaudern, den die anderen "Jesus" nennen, weil er ein bißchen so aussieht, wie man gemeinhin denkt daß der aussah, und er sogar Zimmermann ist. "Wann werden wir Nachkommen der verfeindeten Brüder Isaak und Ismail denn endlich wieder zusammenfinden?", sinniert er bibelfest und kryptisch vor sich hin. "Shalom und Salam - das braucht man niemandem zu übersetzen, beides bedeutet Frieden!" Sein Wort in Netanyahus Ohr. Und vielleicht noch eins drauf vom Wiener Zionisten Theodor Herzl, dem geistig-ideologischen Gründervater Israels: "Machet keine Dummheiten, während ich todt bin..."
-Heinz K. Prokisch-
Reisemäßige "Ezzes" in bezug auf Israel kann ich mir - ich glaube guten Gewissens - durchaus sparen; dafür gibt's Literatur zuhauf plus einem ausgezeichnet sortierten "Israelischen Verkehrsbüro" (Wien 9, Roßauer Lände 41, Tel. 310-81-74, Fax 310-39-17) sowie adäquate Touristenbüros vor Ort. Visum ist für österreichische Staatsbürger keines vonnöten, und die Ein- bzw. Ausreisestempel erhält man auf Verlangen auch auf den Immigrationszettel. Damit bleibt der Paß für den Besuch muslimischer Staaten "clean". Die Nachbarn Jordanien und Ägypten (allerdings bloß der Sinai) sind im sogenannten "kleinen Grenzverkehr" ohne Visa am besten von Eilat aus zu besuchen. (Jedoch nicht mit einem israelischen Leihwagen!) Die Kontrollen allgemein sind zwar lästig, manchmal übergenau, aber durchaus korrekt. Ein Billigland ist Israel nicht gerade (etwa heimisches Preisgefüge, wenn nicht teurer), und ich habe auch schon ein wenig freundlichere Menschen im Nahen Osten kennengelernt... -H.K.P-
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