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Indonesien, Wenn Reisen tödlich werden kann (1/97)

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Indonesien

Indonesien ist ein vielbereistes Land. Die oft schon ausgetretenen Pfade
des internationalen Rucksacktourismuses sind auch hier zu finden. So war
es auch für uns nicht das erste mal, daß wir unsere staubigen
Trekkingschuhe auf eine der 13000 Inseln des indonesischen Archipels setzten.
Gerade derjenige der individuell ein Land bereist, sollte sich mit ihm
auch auseinandersetzen. Wir taten es und doch sollte uns diese eine Reise,
die uns von Bali ausgehend über die vielfältige Inselwelt Nusa
Tenggaras bis nach Osttimor führen sollte, Einblicke in die gesellschaftlichen
Strukturen der indonesischen Gesellschaft ermöglichen, die nicht nur
zu einem Grenzerlebnis für mich werden sollten, sondern die auch den
Ausgangspunkt für diese Erzählung darstellen.

Lombok ist die nächste östlich von Bali gelegene Insel, die bereits
auf der anderen Seite der Wallace-Linie gelegen, eine gänzlich andere
Vegetation als ihr Nachbareiland aufzuweisen weiß. Die nördliche
Hälfte der Insel wird vom höchsten Berg der indonesischen Inselkette
beherrscht (nur das ferne Irian Jaya weist noch höhere Erhebungen
auf), dem Gunung Rinjani mit seinen 3726 m. Auch für uns sollte er
eine willkommene Abwechslung zwischen Sandstränden, archaisch anmutenden
Kulturen, dem Tauchen und dem Regenwald darstellen. Drei Tage des Schweißes
und der Anstrengung, zuerst durch das Pflanzendickicht des Dschungels hinauf
bis zur Kante des Kraters. Von hier war ein faszinierender Blick über
den immer wieder von Nebelschwaden verdeckten blauschimmernden See inmitten
des erloschenen Kraters möglich. Nach einer eisigen Nacht am Rande
des Sees, inmitten des Kraters, gelangten wir auf eine Hochebene auf der
Seehöhe von 2600 m. Einer jener Plätze, wo der Verschluß
des Fotoapparats heftig strapaziert wird, wo der Finger an der Kamera hektisch
den nicht enden wollenden Farbspielen der Wolken und der untergehenden
Sonne zu entsprechen weiß. Auf der einen Seite des schmalen Platzes
wo wir unser Zelt aufbauten, der Blick hinunter auf das Meer und die Umrisse
der nächsten Insel, Sumbawa, auf der anderen Seite der Blick zurück.
Tief unter dir, der unwirklich und später im Licht des Mondes mystisch
wirkende Kratersee. Und vor uns das eigentliche Ziel unserer Strapazen
und Anstrengungen, der Gipfel des Rinjani, fahl und menschenfeindlich die
schroffen Kanten und Umrisse des heiligen Götterberges. Nächsten
Tag, zur Zeit der Verabschiedung der Nacht sollte der endgültige Aufstieg
beginnen.

Was dann jedoch geschah war ein Kapitel in meinem Leben von dem gottgläubige
Menschen als Wunder, Esoteriker als glücklichen Zusammenfluß
unzähliger Energielinien, Pragmatiker als Zufall, Schöngeister
von märchenhaften Glück und Zyniker wie ich von exorbitantem
Gebrauch von Schutzheiligen sprechen. Und doch, wie so manches Glück,
sollte auch dieser Zwischenfall mit einem Erlebnis beginnen, das kein Reisender
jemals auszuschließen weiß, von dem er aber doch nur selten
bewußt annimmt, daß es auch ihm selbst widerfahren könnte.

Schon nach einer halben Stunde des Weges gab der Untergrund unter mir nach,
brach ab, ausgewaschen wie der Weg war, und ließ mich um die fünfzehn
Meter im freien Fall bergab stürzen. Fünfzehn Meter und dann
noch um die fünfzig weitere mich mehrmals überschlagend den Abhang
hinunter bis in die sich scheinbar nur für mich sich öffnende
Grube eines einzelnen entwurzelten Strauches, in der ich liegen blieb.
Es sollte lange dauern bis ich mir ob der realen Umstände bewußt
wurde, noch länger bis unser Guide und Träger Senji, gemeinsam
mit meiner Freundin Andrea und drei weiteren zufällig anwesenden Indonesiern,
sich selbst mit Seilen sichernd, den Weg zu mir fand. Meine Schulter war
gebrochen, mein Körper mit verkrustetem Blut und Prellungen übersät
und zu all dem ragte ein zertrümmerter Knochen, das Schienbein, wie
sich später herausstellen sollte, aus meinem linken Unterschenkel
heraus. Bis ich zum Zelt zurückkam schien es einen ganz Tag zu dauern,
in Wirklichkeit handelte es sich wohl um eine Stunde, in der sie mich einem
Wildschwein gleich, in einem über eine Holzstange gebunden Tuch hinunter
schleppten. Die Schmerzen stellten eine noch nicht gekannte Dimension für
mich dar. Mein Bein hing aus dem Tuch hinaus und konnte nur mühsam
von meiner Freundin so gerade wie nur möglich gehalten und getragen
werden. Doch sollte bei diesem Stück des Marsches durch ein Mißgeschick,
eine Voraussetzung für mein Überleben gesetzt werden. Bei einem
Halt auf einer engen Stelle des Pfads kam es dazu, daß Andrea versehentlich,
sich niederhockelnd, einen Teil des Rucksacks auf meinen offenen Bruch
stellte. Die Schmerzen und mein Schrei waren die eine Seite der Geschichte,
die Tatsache, daß der Knochen dadurch zusammen- und zurückgedrückt
wurde und daß sich die Haut darüber wieder größtenteils
verschloß, die andere Seite der Medaille.

Was dann kam war das Warten. Der nächste Ort, Sembalun, war zehn Stunden
eines steilen Bergweges entfernt. Selbst wenn sich Senji noch so beeilen
sollte Hilfe zu holen, würde es doch bereits Nacht werden bevor er
Sembalun überhaupt erreichen konnte. Wer inzwischen alleine zurückblieb
waren meine Freundin, ein Schweizer namens Urs und ich. Unbeweglich, voll
Schmerzen, nicht imstande auch nur den Weg vom Baum, an den sie mich gelehnt
hatten, zum Zelt zu bewältigen, auf fremde Hilfe angewiesen, wartete
ich bis der Tag verging. Das Zelt wurde abgebaut, um neben meinem Körper
erneut aufgebaut zu werden. Mein Blutverlust wurde den Tag über nicht
schwächer, sodaß der Verband auf meinem Bein ständig ausgewechselt
werden mußte. Es war ein Warten wer schneller sein würde, Senji
oder eine Embolie, der Hubschrauber auf den wir noch hofften oder das Fieber,
dessen Aufkommen ich fürchtete und dem wir nichts entgegenzusetzen
hatten. Komisch wie simpel und alltäglich das Sterben plötzlich
geworden war. Nicht ungewöhnlicher als der gewohnte Tagesablauf in
Europa mit all jenen klischeehaften Tagesabläufen, die in ihrer Monotonie
oft nicht mehr wahrgenommen werden. Ich war zum Außenseitertip geworden,
nur Hasardeure hätten in diesem Moment noch auf mich gesetzt. Der
Tag verging ohne daß ich die Schönheit des Ortes auch zu würdigen
wußte. Als es Nacht wurde glaubte ich selbst nicht mehr daran noch
einmal davonzukommen. Ich verlor den Glauben an mich selbst. In der Mitte
der Nacht war er zurück, Senji, nicht alleine, mit 13 Trägern
und Keks und Wasser und doch ohne das was ich in diesem Moment dringendst
gebraucht hätte, Medikamente und die Hoffnung vielleicht mit einem
Helikopter geholt zu werden. Denn um hinuntergetragen zu werden, war ich
bereits zu schwach, die Schmerzen wurden schon im Liegen unerträglich.
Aber ein Hoffnungsschimmer kam mit ihm den Berg herauf, ein Funkgerät.
Es sollte die Grundlage für unseren weiteren Kampf darstellen. Einen
Kampf ums Überleben, einen Kampf mit den Behörden, kafkaesk und
bürokratisch. Es ist schwierig jetzt, weit entfernt von diesem Grenzerlebnis
stehend, die Irrsinnigkeit dieser Abläufe nochmals mitzuteilen. Immer
wieder aufs neue kamen wir mit den verschiedenen offiziellen indonesischen
Stellen und Behörden in Funkkontakt. Was wir wollten war konkrete
Hilfe. Was sie wollten war nichts anderes als zu wissen wer wir seien,
unsere Namen, unsere Passportnummern, unsere Adressen in Europa, unsere
Adressen in Indonesien (obwohl ich in diesem Moment nur diese einzige hier
oben am Berg, hier oben krepierend, in der wunderschönsten Sternennacht
hatte), unsere Berufe, unsere Arbeitgeber, unsere Scheckkartennummer, die
Daten unserer Reiseversicherung. Ob sie sonst noch etwas wissen wollten
? Ich weiß es nicht mehr. Ihr Begehren schien kein Ende zu nehmen,
es schien mehr um die Anlage einer Aktenkartei als um den Drang mein Leben
zu retten zu gehen. Zwischendurch war immer wieder nur das Rauschen der
Funkverbindung zu hören, wenn wir oft stundenlang keinerlei Kontakt
hatten. Tagsüber nahm uns der vom Regenwald aufsteigende Nebel beinahe
jede Möglichkeit eine Verbindung herzustellen. Ein dutzendmal, zwei
dutzendmal vielleicht nahmen sie nur unsere Daten auf, sprachen uns Trost
zu, vertrösteten uns auf später. Drei Tage sollte es dauern,
drei Tage voll Hoffnung, drei Tage voller Versprechungen. Ich spreche immer
von "wir", doch während all der Tage verharrte ich unbeweglich
im Zelt. Die Anderen kämpften währenddessen um mich.

Am letzten Abend kam die Zusage, daß nächsten Morgen der Helikopter
kommen sollte. Ohne Reiseversicherung und Kreditkarte wären wir nicht
einmal so weit gekommen. Doch in der Nacht gelangte ein weiterer Funkspruch
zu uns: "Der starke Wind sei kein Problem, ebenso nicht der aufziehende
Nebel, nur ein Problem gäbe es, man möchte das Geld, bevor der
Hubschrauber abhebt, bekommen." Ein Tagesmarsch vom Berg hinunter,
ein weiterer Tag nach Materam, der Hauptstadt von Lombok. So wollte man
es. Alle wußten es, bis zum Gouverneur von Lombok, die Tourismuspolizei,
die örtlichen Behörden, der Schweizer Honorarkonsul auf Bali
und selbst, wie wir später erfahren sollten, die österreichische
Vertretung in Djakarta auf Java. Was geschah jedoch? Nichts. Es war zynisch
und menschenverachtend und ich konnte am nächsten Morgen, als der
Helikopter tatsächlich nicht erschien, nicht glauben, daß ein
Menschenleben in diesem Spiel, in diesem Land, in dieser Gesellschaft einen
solch geringen Wert besitzt. Ich hatte Angst.

In der letzten Nacht kam ein, durch einen Traveller aus Neuseeland organisierter
Träger zu uns auf den Berg. Er hatte seine Taschen mit morphinhaltigen
Medikamenten gefüllt. Sie sollten meine Rettung sein.

Man baute eine Bahre, während ich in einen schlafähnlichen Zustand,
den mir das Morphium schenkte, fiel. Es waren ständig über zehn
Mann die mich auf der selbstgefertigten Bambustrage zwölf Stunden
auf steilstem Gelände hinunter nach Sembalun brachten. Zwei Mann waren
damit beschäftigt den Weg für unsere Karawane zu sichern. Zweimal
hatten sie Brücken über ausgeschwemmte Schluchten zu bauen. Es
war übermenschlich was die Träger zu leisten wußten.

Ich überlebte, aber ich überlebte nicht wegen der Hilfe die mir
von offizieller Seite gewährt worden wäre, sondern ich überlebte
nur wegen der Menschen dieses Landes, wegen der Indonesier, denen ich ihr
Mißtrauen, daß kein Hubschrauber kommen würde, all die
Zeit des Wartens über, nicht zustand. Sie kannten die gesellschaftlichen
Gefüge ihres autoritär strukturierten Landes besser. Sie wußten,
daß auch für einen von ihnen kein Helikopter fliegen würde.
Sie wußten, daß nur sie mir helfen konnten und sie taten es.

Eine Nacht in einem indonesischen Krankenhaus, zehn Nächte in Singapur.
Ob ich wieder nach Indonesien fahren werde ? Ich glaube schon. Schon alleine
der Menschen wegen, aber mit einem anderen Bewußtsein, mit einer
anderen Risikobereitschaft und mit dem Wissen, das mir nicht nur in Asien
zugute kommt, wie schön es ist das Leben und das Reisen noch bewußter
zu genießen.

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Wednesday, 08. February 2012