Traveller Club Austria

HART ÜBERM LIMIT

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Tunesien

Ich bin zur Zeit in der Südtunesischen Sahara am Rande des Erg Oriental (grösstes zusammenhängendes Sanddünenmeer der Welt).

Von Douz, der als Tor zur Sahara bezeichneten Oase in der Nähe des bekannten Salzsees "Schott Djerid", starte ich meine Moun-tain-biketouren mit dem 7,9 kg Carbonrad, das man mit einem Zeigefinger heben kann - das Gepäck von 40 kg allerdings weniger...

Bei einer "humaniden Motorleistung" ist Gewicht das Hauptproblem und die Gravitation ein "Luder"... So hat mich beim Reiseeinkauf stets die batteriebetriebene Grammwaage begleitet - und die zwölfmal angebohrte Zahnbürste mit 0,5g Gewichtsersparnis ist spätestens dann keine Lachnummer mehr, wenn man am Schluss alles zusammenzählt...

Der Auszug aus meinem Fahrrad-Logbuch beschreibt die Strecke von Douz nach Ksar Ghilane. Das sind 115 km über Dünen und verwehte Fesch-Feschpisten während einer siebenwöchigen, 1200km langen Saharafahrt mit dem Mountainbike. Nach 100.000 Autokilometern in der Wüster erwartet mich in Südtunesien eine neue Erfahrung ...

2.2.2001 DIE ERSTE ETAPPE

Alles fängt ganz toll an. Am bekannten Afrikafahrertreffpunkt, dem Campingplatz von Douz, dem "Tor zur Sahara", kann ich sechs Deutsche mit Unimog, Iveco-Achttonner und Land-cruiser überreden, nicht die fade Nordumfahrung zu nehmen, sondern die anspruchsvollere im Süden, wie ich sie fahren möchte. Super! Was ein Mountain-biker mit einem 19 Tonnen-Konvoi am Hut hat? Nun, ich habe ausgemacht, dass sie mir im letzten Streckendrittel ein markiertes Wasserdepot (3L) vergraben, das für Extremfälle einen Notausstieg bedeuten kann. Verlassen darf ich mich darauf freilich nicht, zuviele Parameter des Nichtfindens sind möglich...

Wir fahren gleichzeitig los. Der Deutsche mit dem Landcruiser ist noch nie Dünen gefahren ... Gut, dass er nicht weiß, das es 3 km vor Ksar Ghilane ziemlich viele solcher "Sandhüpfer" gibt. Aber die kann ja einer von den anderen fahren.

Meine Fahrzeit zu dem 40 km entfernten Cafe aus Stroh und Palmwedeln schätzte ich auf 6 bis 7 Stunden. Heute jedoch mache ich mächtig Druck aufs Pedal, bin gut drauf, und erreiche das Erste von fünf Etappenzielen in 3:15 Stunden -die Zeit des Truck-Convois: 3:12 Std. Na ja, ich gebe es zu, sie machten eine kleine Mittagspause... und dieser erste Pistenteil ist geräumt, fest und schnell befahrbar. Just als das Wellblech auf der Piste etwas höher wird, mache ich eine einstündige Trainingseinheit mit 35 Km/h. Die Geländefahrzeuge konnten ob der Rüttelei nur 30 km/h fahren, und so wird der insgesamt 19 Tonnen schwere Konvoi unter 6 staunenden Augenpaaren von mir überholt. Mit dem Mountainbike ohne 40 kg Gepäck würden die Offroader ziemlich alt aussehen, denke ich. Blieb ich anfangs noch in den kurzen Weichsandfeldern stecken, so verbessere ich nachmittags meinen Fahrstil deutlich. Mit 30 km/h hineinrasen, das ausbrechende Hinterrad mit Körpereinsatz korrigieren, so schafft man gut 50 m Weichsandpassage. Da auf dieser Etappe die meisten Passagen nicht länger als 50 m sind, lässt sich jetzt ein flüssiges Fahren realisieren. Nach einem Weichsandfeld bin ich allerdings auf 175 Herzschläge pro Minute oben. Die letzten 7 km fahre ich easy, um mich bis zum Cafe rechtzeitig "abzuwärmen".

Das Cafe ist recht hübsch, aus Palmwedeln geflochten, von einem netten jungen Berber geführt. Hier zweigt die einsame Piste nach Süden ab. Die Deutschen bleiben hier nicht stehen. Die haben ja Zimmer, Küche, Kabinett an Bord, und sind auf Windschutz nicht angewiesen.

Übernachtung in der Palmwedelhütte. Es ist saukalt: 1°.

3.3.2000 PAUSE

Ich lege einen Regenerationstag beim Cafe ein.

4.2.2001

DIE ERSTE PRÜFUNG

Verabschiedung von Bou Ali, dem Berber. Für die Übernachtung, die acht Cafes, Cous Cous und vier Liter Mineralwasser will er nichts nehmen. Er sagt, dass er wisse, ich sei ein "Reisender", kein Tourist. Plötzlich taucht ein einheimischer Land Rover auf und stoppt vor mir. Auch dieser nette Berber ist von meinem Vorhaben begeistert, und findet mich mutig und couragiert. Dieser Bonus beschert mir drei Baguette, fünf Eckerlkäse, zwei Thunfischkonserven, eine Schweppes-Dose und 1,5 Liter Mineralwasser, die der freundliche Gelände-wagenfahrer mir mit auf den Weg gibt. Überschwänglich ist mein Dank, bin völlig begeistert, startete ich doch nur mit einer Notration, um Gewicht zu sparen, damit ich möglichst viel Wasser an Bord nehmen kann.

Flog ich am Vortag förmlich die 40 km in 3 Stunden zum Cafe, sollten für die heutigen 33 km fast 7 Stunden vonnöten sein. Es sind die schlimmsten sieben Stunden meiner Bikerära. Zunächst 4 km/h - Fußgängertempo! Schieben. Nach einem halben Kilometer fängt die Piste an, immer mehr mit Flugsand zuzuwachsen. Das Schieben des 48 Kg schweren Bikes wird zu einem Kraftakt. Im Sand sind Reifen und Felge nicht mehr sichtbar, und das Rad ist nur mehr vorwärts zu bewegen, wenn man es gleichzeitig etwas anhebt. Die Reifen sinken in den Fesch-Fesch wie das heiße Messer in die Butter.

Nach 5 km kommt dann prompt die erste "Sinnkrise", und mein Kopf beginnt ständig zu rechnen. Nur mehr 1,5 km in der Stunde, macht bei sechs Stunden neun Kilometer. Das wären acht Tage nach Ksar Ghilane. Für diese Zeit würde nicht nur das Wasser nicht ausreichen, Knie, Schulter und Arm auf der rechten Seite würden bereits am zweiten Tag verkrampfen und unbrauchbar werden.

Die Gegend besteht aus lauter kleinen, mit grünen "Buscherln" bewachsenen Minidünen, dazwischen die Fesch-Fesch-Piste. Und immer klarer wird mir: Fesch-Fesch ist kein "Mehlsand": es ist feiner als Mehl... Aber ich kann so einfach nicht aufgeben, ist doch diese Durchquerung der Kulminationspunkt dieser Reise.

Mich treibt die Hoffnung, dass die Piste besser würde, wenn sie mehr nach Süden und Osten dreht, denn dann bläst der Wind seitlich und nicht vorn. Das fegt den Fesch Fesch wieder heraus, und die Strecke müsste eigentlich besser werden, glaube ich. Diese Richtungsänderung kommt aber erst in zehn Kilometern. Heiliger Strohsack, wie soll ich das mental und körperlich durchstehen?

Zu allem Unglück bläst jetzt der Gegenwind mit gut 40 km/h ins Gesicht, und die aufprasselnden Sandkörner stechen spürbar. In den Bikerschuhen haben kleine "Dünen" Einlass gefunden und drücken jetzt heftig zwischen Fuß und Fußbett.

Es ist bereits der halbe Tag überschritten und am Tacho stehen 8 km. Nach neun Kilometern halte ich mein Vorhaben für aussichtslos und kehre entnervt 800 m um, aber irgendetwas treibt mich - also wieder vorwärts!

Noch ein Kilometer bis zur Richtungswende. Die Pausen zwischen der Schieberei werden jetzt häufiger. Der rechte "Zugarm" wird schwächer. Falls nach der Richtungsänderung die Piste nicht deutlich besser wird, kehre ich um, das hab´ ich mir versprochen.

Km 10, schweißgebadet, viel Wasser verbraucht.

Die Wende. Die Piste ist nur mehr mit 30% versandet, das ist okay. Ein Aufatmen geht durch meinen Körper. Was für ein tolles Geschenk, ab und zu festen Boden unter den Füßen spüren zu dürfen. Eine verlassene Palmwedelhütte am Pistenrand lädt zu einem Kaffee und Jause ein. Ich bin wieder guter Dinge.

Eine Stunde Erholung. Bis in die Nacht hinein wird noch gefahren, und mein selbst auferlegtes Plansoll von 30 km sogar um 3 km überschritten.

Der deutsche Konvoi mit meiner Wasserreserve hat ihr Ankunftslimit überschritten. Sie sind also abgängig und werden bereits von der Polizei gesucht. Diese kommt bei der alten Palmwedelhütte vorbei, und fragt, ob ich die Deutschen gesehen hätte. Sie kommen auch um zu sehen, wie weit ich bis jetzt gekommen sei, denn auch ich hatte mich bei der Polizei abgemeldet (ab dem sechsten Tag wird eine Suchaktion eingeleitet). Auch ein Motorradfahrer sei abgängig, erzählen die Uniformierten und bieten mir einen Rücktransport an, den ich ablehne. Sie fahren wieder nach Douz zurück. Ist irgendwie seltsam, dieser kurze Kontakt in der einsamen Gegend, denke ich und sehe der immer kleiner werdenden Staubwolke des Geländewagens nach. Es ist eine Staubwolke Richtung Douz, Richtung Leben. Und was liegt vor mir?

Nun, immerhin habe ich einen schönen Nachtplatz, abseits in den Dünen, mit einem kleinen Feuer. Absolute Stille und ein klarer Sternenhimmel breiten sich über mich. Acht Kamele halten mich für einen Nomaden und gruppieren sich in Zweimeterabständen rund ums Zelt - um Schlangen und sonstiges unerwünschtes Getier von mir fernzuhalten. Ich bin zu Hause...

5.2.2001

HART ÜBERM LIMIT

Die gestrige Bemerkung von der schlimmsten Stunden meiner Bikeära stimmen. Aber eben nur für gestern. Was heute kommt, lässt sich nur annähernd vermitteln. Um Wasser zu sparen, gehe ich erst Mittags los, um für einen etwaigen notwendigen Nachtmarsch mental und physisch gerüstet zu sein. Zunächst mache ich ordentlich Kilometer Richtung der großen Dünenbänder, die es zu überqueren gilt. Dann die unangenehme Überraschung: Die Piste wird wieder so sandig wie gestern.

Schieben, teilweise tragen, Meter für Meter kämpfe ich mich vorwärts. Es gibt kein Zurück mehr, denn der "Point of no Return" ist bereits deutlich überschritten. Was denn, wenn diese Verwehungen von den letzten Sandstürmen bis Ksar Ghilane reichen sollten? Selbst bei genügend Wasserreserven wäre ein Zusammenbruch die unausweichliche Folge.

Noch 11 Liter Wasser. Wenn jetzt ein Sandsturm kommt (das bewirkt den bis zu dreifachen Wasserverlust), ist mein kleines Ökosystem "zwei Beine, 11 Liter Wasser und ein Bike" Geschichte. Natürlich ist völlig klar, dass ausgerechnet jenseits des letzten Wendepunktes der erste heiße Tag da ist, und natürlich ist der Rückenwind-Bonus heute eingestellt. Windstille bei 32°. Und natürlich kommt hier niemand mehr vorbei.

Das Wasser rinnt aus meinem Körper, ich nenne es jetzt das "Leben", das mir salzig die Stirn herabtropft, und die Augen brennen lässt. Man darf es nicht wegwischen, sonst wird die Ver-dunstungskälte minimiert.

Schlagartig wird mir klar, das dies keine gesicherte "Fahrradexpedition" mehr ist. Die genaue Tourplanung ist nun zur Überlebensfrage geworden. Wichtig ist jetzt, Panik zu vermeiden, und total abzuschalten. Abschalten, das ist meine große Stärke, und ich setzte diese jetzt gezielt ein. Ein mentales Programm wird gebastelt. Ich stelle mir für heute eine Mindeststrecke vor - 18 km. Das ist die "Hasard-Minimalanforderung" an meinen Körper. 25 km wären das Mindestplansoll. 30 km sind die Komfortvariante. Also los!

Die Piste verliert sich in den kleinen Dünen. Sie sind chaotisch angeordnet (verschiedene Windrichtungen) und so muss ständig das GPS im Auge behalten werden. Ich bemerke einen "Rechtsdrift", der linke Fuß ist also stärker. Macht nichts, das GPS korrigiert es.

Dann beginnt das erste von drei großen Dünnenbändern, ca.50 Meter hoch. Die Sandhänge sind extrem steil und weich. Kein Wunder, dass heuer so mancher Geländewagenfahrer entnervt aufgeben musste.

Nicht ein Funken von Restfeuchtigkeit ist in diesem verdammten Sand. In den Steilpassagen kann man das Bike nicht tragen, man versinkt sonst mit den Beinen. Meine Technik: Ich gehe einen Schritt vor, drehe mich um, und ziehe dann das Bike nach. Wieder umdrehen, Schritt nach vor...

Das Knie und die Rückenwirbel brennen vom Druck und der ständig gebeugten "Schiebe-Ziehhaltung". Sofort habe ich die aufkommende Angst, das Knie könnte den Jordan runtergehen, im Griff. Ich setzte mich hin, eher ein Fallen, zieh´ mir einen Energieriegel rein, und nehme einen kühnen Schluck aus der Flasche. Nicht hart am, sondern überm Limit.

Das erste große Dünenband kostet enorme Wassermengen. Der Hals ist ständig trocken, das Durstgefühl will nicht enden. Aber ich weiß, dass der trockene Hals harmlos ist, denn selbst bei einem Liter Wasser "ex" wäre das so. Bei 165 Herzschlägen pro Minute, ist es nicht mehr möglich durch die Nase zu atmen, der Sauerstoffbedarf ist auf diesem Weg nicht mehr zu transportieren, nur mehr durch den Mund. Bei einer Luftfeuchte von 3% sind daher die Schleimhäute immer trocken.

Dieses Dünenband kostet mich also erwartungsgemäß ordentlich "Körner". Beim zweiten werden aus den Körnern "Brocken". Halbe Stunde Pause. Energieriegel. Großer Schluck Wasser. Mental sammeln für das dritte und letzte Dünenband. Ich stehe vor einer Wand schier unglaublicher Sandmassen, chaotisch, weich und steil. Der "Zugarm" krampft schon etwas und bekommt eine Massage.

Attacke!

Es ist nicht so, das man wie am Berg Meter für Meter gewinnt. Du gehst, schiebst dich und das Bike 5 Meter hinauf, dann kommt der unweigerliche "Trichter" von drei Meter Tiefe, den musst du wieder runter, um zur nächsten Düne zu gelangen. Macht 2 gutgemachte Höhenmeter. Nun, Kleinvieh macht auch Mist. Auf der anderen Seite nur bequem runtersurfen? Mitnichten. 3 Meter runter, 1,5 Meter hinauf, um zur nächsten "Bergabsurfstrecke" zu kommen.

Es folgen 3 km flache kleine Dünen, bis ich entkräftet vor der letzten Barriere stehe. Der Puls "fliegt" davon. Der Ruhepuls fällt nicht mehr unter 125 Schläge, normal wären 60 Schläge. Ein Zeichen, dass bereits auf "Kredit" geschoben wird.

Einzig das Wissen, hinter dieser Sandbarriere eine feste breite Piste zu finden, treibt mich hinauf. Vor den letzten 5 Metern falle ich in einen Trichter. Bloß jetzt kein Trichter mit einem Hohlraum darunter, der dann unter meinem Gewicht einbricht, denke ich. Aber die Chance ist ja nur 6 aus 45, und so passiert auch diesmal nichts. Beim "rauswuseln" aus dem Trichter spür ich's dann. Ich zapfe zum ersten Mal die Überlebensreserven an. Nur noch der Kopf macht die Leistung möglich - und der höchste Punkt ist erreicht. Vor mir liegt die große weite Ebene, mit einer wunderschönen großen breiten Piste.

Ich bin durch! Tränen der Erleichterung fließen und werden sogleich wieder unterdrückt, kostet ja Wasser, denke ich. Aber dann lass ich's einfach laufen, die paar Tropfen sind doch scheißegal, oder?

Ich surfe beachtliche Dünenabbrüche hinab bis zur sandfreien Hauptpiste, die wie eine Quelle aus dem Dünenmeer entspringt. In den Sanddünen gibt's niemals eine Piste. Sie wird stets vom Wind vernichtet. Der Tag neigt sich zu Ende, und ich weiß, dass mich die Wüste heute nicht besiegen wird...

Die Spuren von den zwei Motorradfahrern die mich vor zwei Tagen überholt hatten, sind jetzt wieder auf der traumhaft festen Piste zu erkennen.

Es waren deutschsprachige Schweizer. Sie versuchten mir ihr Gefühl zu vermitteln, dass es Ihnen, neben mir mit 50 PS stehend, gar nicht gut ginge und setzten nach kurzem Talk die Fahrt schnell wieder fort. Das angebotene Wasser lehnte ich ab.

Das von dem abgängigen LKW-Konvoi für mich vergrabene Wasserdepot ist verloren, ich kann die Stelle nicht finden, vermutlich haben die im GPS ein anderes "Kartenformat" einprogrammiert. Eine aufwendige Suche wäre kontraproduktiv gewesen...

Es dämmert schon langsam und ich dehne die unabdingbare Pause so lange, bis der Puls wenigstens unter 100 Schläge sinkt. Danach kommt "Squeezy" ein graues Kohlehydrategel ähnlich einer Astronautennahrung zum Einsatz. Habe mir fünf Stück eisern aufgespart. Nach einer Stunde fühle ich mich erstaunlich fit und beschließe eine Nachtfahrt, solange bis mich die Müdigkeit übermannt. Das spart Wasser, und ich komme morgen früher in Ksar Ghilane an (nur 5 Tage sind für die Strecke erlaubt, dann wird gesucht ...).

Meine beiden Stirnlampen für "kurz und weit" sind schon längst mit Klettband am "Hirn" befestigt. Leider tauchen nach einiger Zeit noch 3 km Schiebepassagen auf; wenigstens flach, nur weicher Sand und kein Fesch Fesch, das ist gegen die Dünenbarrieren fast Luxus. Danach folgt eine Traumpiste. 10 km/h Schnitt. Normal würde ich hier 25 km/h fahren, aber der Körper ist schon an den Überlebensreserven drangewesen, und da geht´s natürlich nur mehr auf absoluter Sparflamme, das dafür kontinuierlich.

In einem regelrechten Trott verfallen, kurble ich Kilometer um Kilometer. Es ist so eine unglaubliche Freude auf einem festen Boden fahren zu dürfen, dass ich gar nicht weiß, wie viele Kilometer ich schon gefahren bin. Der Schnitt ist auf 6 km/h gesunken und bin jetzt in der Ebene nicht viel schneller als zu Fuß

Die "Landschaftsechtzeit" vermischt sich immer häufiger mit bunten Traumbildern die vor mir herumtanzen. Es ist bereits 3 Uhr in der Nacht und da merke ich nicht gleich, dass ich in einem leichten Sandfeld das quer über die Piste züngelt, einfach stecke und meine vorbeiziehenden Traumbilder anstiere. Sekundenschlaf bei 140 Herzschlägen ist auch eine neue Erfahrung, denke ich, als ich "aufwache". Ich muss Schluss machen, sonst fahre ich mich gefährlich leer.

Am GPS-Satellitenempfänger taucht plötzlich der Waypoint "Ksar" auf. Es ist das römische Fort aus dem 5. Jahrhundert, letzter Vorposten der Römer in der Sahara. Die Ruine liegt 3 km vor Ksar Ghilane!! Heissa!

Ich klatsche mir selber in die Hände - ist ja sonst keiner da; laut schreie ich meine Freude in die Nacht hinaus und trinke einen dreiviertel Liter Wasser ex. Das Bike wird in die Nähe des römischen Ksars auf eine Düne gezerrt und dort übernachte ich. Obwohl ich neben einem Mehlsack kaum mehr auszumachen wäre, falle ich samt der Panier, wie die Wüste mich eben schuf, in den Schlafsack hinein.

Trotz ein Grad Minus macht sich wohlige Wärme breit, es ist 4h früh, als das Licht ausgeht, und ich weiß, dass mich die Wüste auch morgen nicht besiegen wird...

6.2.2001 KSAR GHILANE:

EINEN STEINWURF ENTFERNT...

Das Zelt steht auf einer Düne, die eine weite Sicht in die Dünenlandschaft, auf die römische Ruine und die 3Km entfernte Oase gewährt. Ob des schönen Platzes wird der Tag ordentlich vertrödelt. Hab ich mir auch verdient. Matte raus, in die Sonne auf den Sand. 32°. Meine Fangemeinde besteht aus 3 Haubenlerchen, 1 Weissbürzelstein-schmätzer, 2 Pillendreher und einem altersschwachen Gecko, der bar jeglicher Berührungsängste war - ich darf ihn streicheln...

Die Haubenlerchen singen wunderschön, der Weissbürzel-stein--schmätzer ist an Neugierde nicht zu überbieten, der Gecko bekommt als Gnadenbrot eine Wasserration und die Pillendreher wollen immer unter die Luftmatratze und verursachen Kratzgeräusche. Die Buschfinken piepen um die Wette bei der Balz, und ich lasse den lieben Gott einen guten Mann sein...

Um 3 Uhr erfolgt doch der Start in die Oase. Eine vier Kilometer lange Dünenbarriere liegt zwischen dem Ksar und der Oase. Die letzte Bergwertung beginnt. Diese Dünenstrecke bin ich schon 1992 mit meiner Freundin Elfi mit dem Geländewagen gefahren. Die Dünen sind ähnlich wie damals...

Zuerst ein heftiger Anstieg, dann aber geht es immer bergab in die Oase. Dutzende von Kamelen mit Touristen strömen mir plötzlich entgegen, aber das kenne ich ja schon von früher - für den Vier-Kilometer-Ritt zahlen sie ein Schweinegeld und genießen den Duft des Abenteuers. Alle sitzen sie falsch, nämlich hinterm statt vor dem Höcker... Ich sehe in grimmige tunesische Kamelführer-Gesichter, und werde durch die herannahende Touristenkarawane von der "guten" Strecke vertrieben. Der Grund ist klar: Ein Fahrradfahrer ist für den Kamel-Guide, der den Touris alles mögliche "reindrückt", ein echter Adventure-Killer.

Bekomme Beifall von den Touris oben, aber sie wissen nichts...

Die letzten Meter werden die Beine schwer, die Tour steckt ordentlich in den Knochen, alles lässt nach. Da die Garde Nationale an Unterbeschäftigung leidet, suchen sie mich einen Tag früher als vereinbart und kommen mir gerade, nebst einem Teil der Dorfbevölkerung entgegen. Alle applaudieren, und die Frauen schnalzen laut mit der Zunge.

Zwei Franzosen tauchen auf. Es sind Hochleistungssportler die zu Fuss von Douz hierher gingen. An der Hüfte hängt ein "Geschirr" mit Latexseil, an dem ein Slipwagen hängt auf dem man sonst Surfbretter transportiert. Darauf liegen 50 kg Gepäck, das sie ziehen mussten. Reger Erfahrungsaustausch ist die Folge. Hier sind wirklich lauter Verrückte unterwegs...

Gelegentlich trifft man sie in der Wüste, die "Besessenen", die "Verfallenen", die "Brennenden" - mit einem Blick, der durch und durch geht. Typen, die zerzaust und verstaubt, aber allem Anschein nach recht glücklich sind. Es ist eine seltsame "Seelenverwandtschaft" in der ich mich heimisch fühle - und jetzt mittendrin bin...

Insch´ Allah, euer Wüstenfahrer Peter Dworak

PS: Peter hat dem TCA auch ein ausführliches Dossier aller Notwendigkeiten geschickt. Vom Blumen gießen organisieren bis zum Proviant (mit Preis- und Grammangabe!). Außerdem gibt es wüstenerprobte Outdoor-Tips - für Fahrradfreaks ideal! Nachfragen über Email beim Club!

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