Traveller Club Austria

Die Giovanninis in Australien (6), Vom Wendekreis zum Wendepunkt, An der Westküste entlang nach Perth

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Australien

Dezember 1999: Krusi schreit nach frischem Öl. Aber die Kosten in Ex-mouth - etwa 50 Prozent höher als gewohnt! (Zyklonzuschlag?) - waren prohibitiv und in Coral Bay hat die Spezies "Mechaniker" noch nicht Fuss gefasst.

Also weiter mit dem Finger auf der Landkarte, schnur-gerade südwärts, lächer-liche 200 und irgendwas Kilometer und dann kommt schon die nächste Siedlung, Carnarvon. Das muss nun eine Grossstadt sein, schliesslich steht hier die grösste Funkantenne der Welt. Aber seit keine Apollos mehr zum Mond fliegen, herrscht hier Funk-stille.

Und genauso präsentiert sich der Ort mit seinen paar tausend Einwohnern. Weitläufig, friedlich und etwa 25 Jahre hinter dem Weltgeschehen nach. Was aber sicher kein Nachteil ist! Der örtliche Mecha-niker zelebriert den Öl-wechsel mit weissen Gum-mihandschuhen und wirk-lich stilvoll. Sogar unser Landcruiser hat seine Freude und grinst so breit, dass die gebrochene Motoraufhängung unter den sechs Zylindern zum Vorschein kommt. Ich sehe schon, das grosse Service in Perth wird eine teure Angelegenheit werden...

Nördlich von Carnavon de-monstriert der Indische Ozean seine ganze Gewalt. Unaufhörlich donnern meterhohe Wellen gegen die Steilküste und Schiffe, die hier stranden, sind bald zermalmt. So ge-schehen etwa mit dem 30.000 t Frachter "Korean Star", dessen Rumpf von der Gewalt der Brandung binnen 10 Jahren zu Alt-eisenteilchen "kompostiert" worden ist.

Die Macht des Ozeans erleben wir eindrucksvoll bei den Blowholes. Bös-artig fauchende Laute, in tiefem Bass anschwellende Töne künden von der An-kunft einer neuen Druck-welle. Bis zu 20 Meter hoch werden Wasserfontänenaus kleinen Löchern in der Felsküste Hochge-drückt und von den Sturm-böen zer-zaust! Dieses Natur-schauspiel kann ich einzig mit den Gey-siren Nord-amerikas vergleichen. Doch was dort maje-stätisch wirkt und die Phan-tasie über den Mittel-punkt der Erde an-regt, lässt uns hier ganz unvermittelt die Ge-walt und Gefahr der See erkennen.Tückischen Stürmen, star-ken Strömungen und navi-gatorischen Fehleinschät-zungen sind zahlreiche Schiffe an der Westküste zum Opfer gefallen. Be-sonders die Niederländi-sche Ostindienkompagnie verlor im 18. Jh. hier viele Segler, die ihr Ziel Batavia (Jakarta) verfehlt haben.

Dies erklärt, warum so viele Namen von Inseln und Kaps hier holländisch kleingen. Und weil nach den Niederlanden die Franzosen aus Forschungs-gründen die Westküste ab-geklappert haben, klingen die übrigen markanten Punkte französisch.

So liegt am Nordende der bis zu 100 m hohen Zuytdorp-Kliffs, der schroffesten Steilküste des Kontinents der Steep Point (also doch auch was englisches!), der west-lichste Punkt Festland-Australiens. Der Weg dort-hin ist zwar nicht dornig, aber sehr sandig. Drei Allradstunden im Kriech-tempo mit Getriebeunter-setzung und dröhnendem Motor sehen wir nicht als Freizeitbeschäftigung. Und belohnt wird man nur mit einem Blick aufs Meer und einem kleinen Hinweis-schild: "Am Westende angelangt ... " Afrika sieht man auch bei makellosem Wetter nicht.

Eine lohnende Alternative liegt auf der Hand, aber ebenfalls im Sand: Sehr schön fanden wir die Fahrt zum Kap Francois Peron, ebenfalls durch tiefen Sand - statt fein und weiss pflü-gen wir durch fein und rot - aber mit einem spek-takuläreren End- und Höhepunkt: Von einer etwa 100 m hohen roten Sanddüne blicken wir auf das türkisfarbene Wasser der Shark-Bay hinab. Unten erkennen wir genau die Umrisse von Mantas, die auf ihren bis zu 7 m breiten Schwingen dahin-segeln, skurril geformte Dugongs (Seekühe) grasen am Rand der Welt grössten Seegrasweide. Und auch grosse Haie ziehen ihre Kreise. Die Delphine hier haben eine spezielle Jagdtechnik entwickelt, bei der sie die Beutefische ans Ufer treiben und die hilflosen Tiere dann vom Strand einsammeln. Unglaublich!

Apropos Delphine: Nicht weit entfernt liegt das weltberühmte Monkey Mia (Herkunft des Namens sehr umstritten ...), wo Menschen mit den klugen Meeressäugern in Inter-aktion treten können. Touristennepp, Zirkus-show, haben wir gedacht. Schauen wir trotzdem mal hin, haben wir uns gesagt. Ein herrlicher Sandstrand, ein freundliches, gar nicht überteuertes Ressort mit nettem Campingplatz, hier hält man es auch ohne Delphine gut aus! Trotz-dem erscheinen die Del-phine pünktlich um Halb-neun, spritzen zu aufdring-liche Touristen nass, bringen mal selbst einen Fisch mit (den die Natur-schutzleute gerührt in Em-pfang nehmen) und neh-men von auserwählten Zu-schauern gerne ein paar Happen. Unsere Kids sind mit von der Partie und freuen sich riesig, Flipper einen Fisch zwischen die Zähne zu stecken! (Del-phine streicheln ist seit einiger Zeit nicht mehr erlaubt, schliesslich ist man ja nicht im Zirkus. Naja.)

Wir befinden uns schon wieder südlich des Wende-kreises des Steinbocks und damit auf der Höhe von Brisbane, wo unsere Reise ja vor über fünf Monaten begonnen hat.

Eine markante Grenze zwischen zwei Klimazonen bildet dann der Murchison River, der sich im Kalbarri-Nationalpark durch tiefe Schluchten zwängt. Über 1200 verschiedene Pflan-zen hat man hier gezählt, manche nur am Nordufer, einige wie den auffälligen Grasbaum nur südlich da-von.

Mich interessieren am mei-sten die steilen Felswände, in australisch-typischem Dunkelrot gehalten. Sie eignen sich hervorragend zum Felsklettern und ebensogut zum Hinunter-laufen. Das heisst dann Abseiling, ist kinderleicht und verursacht trotzdem Herzklopfen. Besonders wenn man sich "vorlings vorwärts" (d.h. die Fels-wand hinunterlaufend!) in die Horizontale begibt ...

Nach mehreren Monaten Natur pur freut man sich, wieder in die Zivilisation einer grösseren Stadt zu-rückzukehren. Der Mass-stab aller Dinge ist gelb-rot und heisst McDonalds. Geraldon (etwa 30.000 windgegerbte Einwohner) rühmt sich als nördlichster Aussenposten der Ham-burger-Kultur in West-australien, was für uns das erste Fleischlaberl seit Darwin bedeutet. Und viel Ruhe, denn für die Kinder ist wieder der angeschlos-sene Spielplatz das wich-tigste.

So nebenbei besichtigen wir hier noch die schöne Kathedrale, eine im pseudobyzantinischen Stil erbaute Rarität am Fünften Kontinent und erfreuen uns an den Windsurfern, die es bei täglich sieben Windstärken hier bretteln lassen. (Merke: Stellt das Touristen-Info-Blatt Wind-surfen und Drachensteigen als besondere Freizeitak-tivitäten heraus, darf mit täglichem Sturm gerechnet werden!)

Bevor wir in die Metropole von Australiens Westen und damit an den Wende-punkt unserer Reise gelan-gen, liegen noch die Pinnacles auf unserem Weg. Diese von zahllosen Bildern bekannte Ansamm-lung von Felsspitzen mit-ten in einer Wüstenland-schaft entpuppt sich als gar nicht so wüst. Statt dessen heischt eine ganze Reihe blühender Wildblu-men und -büsche um un-sere Aufmerksamkeit zwi-schen den bizarren Stein-nadeln. Die auffälligsten sind die kerzenförmigen Banksia und der orange-farbene Christmas-Tree. Letzterer deutet darauf hin, dass sich das Jahres-ende nähert und wir in unserem Reiseplan ein wenig ins Hintertreffen ge-raten sind. Aber es gefällt uns an der Westküste einfach zu gut!

Wenig Wohlgefallen erregt allerdings ein etwa zehn Meter langer Wal, den wir an einem Strand nahe den Pinnacles angeschwemmt vorfinden. Die arme, riesige Kreatur liegt wohl schon seit mehreren Tagen im seichten Wasser und ver-wandelt sich unter uner-träglichem Gestank lang-sam zu einer unförmigen, weissen Masse. Wir haben uns unsere erste echte Begegnung mit einem Wal bedeutend schöner vorge-stellt!

Noch 150 Kilometer bis nach Perth, wo wir die Weihnachtsfeiertage ver-bringen wollen.

Der Verkehr nimmt zu, die Ortschaften wachsen zusammen und plötzlich beginnt eine Autobahn. Hilfe!

Wir sind schon mitten in der Stadt und das in der weltweit hektischen letzten Woche vor dem Heiligen Abend.

Peter Giovannini

(Nächstes Mal erfahren wir, wie Weihnachten in der "isoliertesten Millionen-stadt des Erdballs begangen wird.)

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Thursday, 09. February 2012