Traveller Club Austria

Die Giovanninis in Australien (4), Im RED CENTER

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Australien

Man möge sich 250 km endloses, oft schnurgerades Asphaltband vorstellen: Die Geschwindigkeit von "Krusi" und "Kari" will aber einfach nicht auf über 85 km/h steigen, bei Gegenwind gar nur auf rund 70! Grund dafür ist eine gebrochene Schraube im Overdrive, die verhindert, dass ich diesen Zwischengang wieder herausbekomme - und somit gondeln wir nun mit dem ersten plus einem halben Gang, mit dem zweiten plus einem halben Gang usw. durch die Pampas. So weit, so gut. Problem: Die Beschleunigung ist ganz mies, weil die Betriebsabstimmung eben nicht mehr stimmt ... Nach einer eintönigen, ja frustrierenden Gespannfahrt gelangten wir über die Gulf Savannah (das ist der nordwestliche Teil von Queensland) an den Golf von Carpentaria, wo sich in Karumba - nach Eigendefinition - die schönsten Sonnenuntergänge Australiens abspielen. Während unserer Anwesenheit versinkt die Feuerscheibe immer dezent in den Fluten, gar nicht spektakulär ... Absolut gigantisch ist aber das Abbild des größten jemals erlegten Salzwasserkrokodils in Normanton. Über 8,5 m lang - beide unsere Kinder haben im Betonmaul ausreichend Bewegungsfreiheit. Erfreulicherweise hatten wir auf der Cape York Halbinsel keine einschlägigen Erfahrungen ...

Südwärts geht es über den Matilda Highway (seit wir das entsprechende Liedchen einmal im Auto gespielt haben, jodeln unsere Jüngsten mit Begeisterung "come walzing Matilda with me", die geheime Hymne (?) der Aussies), vorbei an der größten Stadt der Welt. Im tiefen Outback von Queensland liegt die Gemeinde Mt. Isa mit nur 23.000 Einwohnern, aber der Größe der Schweiz und ist dank diverser Bodenschätze sehr wohlhabend. Dafür qualmen die Schornsteine mitten im Ortszentrum. Reichlich ereignislos, langsam und mit den obligaten RoadtrainBegegnungen. Ist nur ein einspuriges Asphaltband vorhanden: rechtzeitig bremsen und runter vom Highway. Die Monster mit bis zu vier Anhängern (erlaubt sind nur drei mit bis zu 52,5 m Gesamtlänge) haben keine Chance zu bremsen oder auszuweichen.

Ein Wort zum Tierschutz: Mit diesen Fahrzeugen werden u. a. Rinder von den riesigen Farmen (teilweise über 10.000 km2 relativ unergiebiges Farmland) dichtest gedrängt zweistöckig stunden bzw. tagelang durch extrem heisses Gebiet gefahren. In Europa wäre ähnliches wohl strafbar ...

In Alice Springs reiten wir auf dem Buckel eines Abschleppwagens ein: Einspritzdüsen verstopft! Beim letzten Nachtstop auf einem Rastplatz am Stuart Highway bewegen sich die Kolben von Krusi kurz, ehe sie wieder bedrohlich schwiegen und von meinen zweifelhaften Mechanikerkünsten nicht zur Wiederbetätigung bewegt werden konnten. Einen Teil der Abschleppkosten von AUS$ 300 übernimmt sogar der ÖAMTC! In Alice hatte man das Motorproblem mit den entsprechenden Geräten rasch erledigt, dafür an dem Overdrive herumgespielt und schließlich dank unsachgemäßer Abkoppelung des Schalthebels vom Getriebe die Dichtung zum Sabbern gebracht (nach unserer Rückkehr nach Alice habe ich zwei Stunden mit der örtlichen ToyotaVertretung diskutiert, dann gaben sie mir immerhin die gesamten "Reparaturkosten" zurück). Ich hoffe nur, dass der ziemlich lose am Overdrive herumhängende (auf schlechter Straße herumfliegende) Hebel keinen Dauerschaden am Getriebe verursacht hat. Es gibt jedenfalls seit kurzem interessante Geräusche von "unten".

Kari ist in den nächsten zwei Wochen nicht zu gebrauchen. Wir wollen Unabhängigkeit, um das Red Center zu erforschen und das ist mehr als das Asphaltband zum knapp 500 km entfernten Uluru (Ayers Rock). Also hat Gaby die Ehre, für zwei Wochen Wüstenurlaub im Zelt zu packen, ich organisiere Kanister für 50 Liter Wasservorrat und habe den logistischen Teil über - Wo fahren wir hin? Die Auswahl an Pisten ist gross, die Menge der landschaftlichen Sehenswürdigkeiten rund um Alice ist auch beträchtlich. Und die Qualität der Verkehrswege variiert von perfekter Asphaltstraße über gerade neu preparierte "Dirt Roads" bis hin zu zwei Reifenspuren im Sand eines natürlich ausgetrockneten Flussbetts. Wir entscheiden uns für die berühmte Mischung "von allem ein bisserl etwas". Zunächst fahren wir ins Rainbow Valley (ein echter CampingGeheimtip etwa 70 km südlich von Alice und 22 km Piste nach Osten mit herrlichem Sunset auf rotgelbweissen Sandsteinfelsen!) und recht gut als Ausgangsposition für die Fahrt entlang der alten GhanRoute, der nach afghanischen Kamelen (die das erste Transportmittel ins Red Center darstellten) benannten Eisenbahnstrecke, die in den 80er Jahren von einer neuen Streckenführung abgelöst worden ist. Herrlich! Endlich geht es über Sanddünen, die Kinder jubeln! "In die Wildnis" heisst das Zauberwort und vier Kinderaugen leuchten. Während der langen Überlandstrecken sitzen sie zwar meist brav in ihren bequemen Kindersitzen und spielen oder hören Kinderlieder (immer wieder das gleiche!), aber jetzt, wenn es schüttelt und rüttelt und möglichst viel staubt, dann ist "Aektschn" angesagt und das macht Spass! Man muss vorausblickend fahren, also schnell genug, um ohne viel Geschepper über Wellblech (diese nerv und autotötenden Querrippen auf Pisten) zu kommen und andererseits bei Sanddünen, scharfen Kurven, Kuppen, Flussbettquerungen oder vors Auto hupfenden Känguruhs rechtzeitig langsam zu werden. So tasten wir uns am Rand der berüchtigten Simpson Desert südwärts, teilweise auf dem alten Gleiskörper (die zahllosen riesigen Nägel, mit denen die Schienen befestigt waren, geben den spannenden Touch "Wann platzen die Reifen?" dazu), teilweise auf einer sandigen Piste, die auch über mit sehr zähen SpinifexGras und kleinen Büschen bewachsene Sanddünen führt. Eine RiesenSandkiste für den Nachwuchs, um die Mittagszeit verbrennt man sich aber die nackten Fusssohlen, wie sie weinend feststellen müssen. Blossfüssig sind die Kinder sehr gerne unterwegs, sie sehen ja hier in Australien genügend Vorbilder dafür. Jeder ist mit Kopfbedeckung unterwegs, viele aber ohne Schuhwerk. Grosse Kappe und keine Schuhe - so spielen unsere Jüngsten Australier! Seit wir im Red Center auch Aboriginals begegnet sind, spielen sie mit dem gleichen Outfit, aber ohne TShirt auch "Ureinwohner". Während Gabystrikt unseren "Diätplan" vorgibt und mit den aus Alice Springs mitgebrachten Lebensmitteln Menüs zaubert, machen wir uns auf die Suche nach Feuerholz oder gehen "forschen" - das Zauberwort, um Kinder zu körperlicher Anstrengung zu verführen. Hinein in die Dünen, durchs hohe Spinifex ("Autsch, das sticht!! Bitte hebe mich da d'rüber!") zu den wenigen Bäumen der Gegend (Desert Oaks genannt) und nach Vögeln oder Eidechsenspuren Ausschau halten. Morsche Äste werden zu Wanderstöcken oder "digging sticks", um die Geheimnisse im Inneren der Dünen zu erkunden. So nebenbei sammeln wir einige der alten, rostigen Eisenbahnnägel ein - Souvenir, Souvenir ... Warum Dario gerade hier in der Wüste erstmals seinen neuesten Berufswunsch - Dschungelforscher - äussert, bleibt uns ein Rätsel.

Es ist ein erhebendes Gefühl, genau am Mittelpunkt Australiens zu stehen. Ein Sprung nach links - und ein Kontinent gerät aus dem Gleichgewicht! Lambert's Center of Australia ist das mathematisch errechnete ballistische Zentrum des Kontinents, ausser einer Fahnenstange mitten in der Buschsavanne gibt es nichts zu sehen. Wenig zu sehen gibt es auch auf der langen Fahrt westwärts zum Ayers Rock. Nahe dem Roadhouse von Curtin Springs erhebt sich der Tafelberg Mt. Conner, ein Vorbote des Felsens in der Ebene, aber doch ganz anders. Erwähnenswert, dass hier erstmals der Dieselpreis die EinDollarMarke überspringt ... Uluru, oder Ayers Rock vor uns! Auf Bildern tausendmal gesehen von allen Seiten und zu allen Tageszeiten, erwarten wir uns wenig davon. Für die Kinder bedeutet der zweitgrößte Monolith der Erde (der größte liegt in Westaustralien) aber ein wichtiges Ziel, für das sich die Mühe der Autofahrt lohnt. Also heisst es stundenlang: "Wann sind wir endlich beim Uluru?" Weder Gaby noch ich können uns einer gewissen Spannung entziehen, je näher wir an den Felsen herankommen. So unmittelbar steigt er aus der monotonen Ebene über 300 m hoch auf, so mächtig lastet er auf dem Land und so dynamisch scheint er wie eine Welle auf uns zuzurollen, wir beide können den Blick kaum vom roten Stein abwenden ... Die Kinder sind schon ganz neugierig auf die geheimnisvollen Geschichten, die von der Entstehungsgeschichte der Welt und der Entwicklung der Ahnen der Aboriginals handeln. Für die Ureinwohner bilden verschiedene Einschnitte, Höhlen und Formationen am und um den Uluru die Grundlage für diverse "dreamtime stories", die eng mit Tieren und der Natur verwoben sind und Lebensweisheiten bzw. moralische Grundsätze beinhalten. Es ist für uns verblüffend, dass Dario - ohne die Geschichten zu kennen - in einigen Felsformationen genau die gleichen Tiere erkennen konnte, die sie in den Fabeln der Aboriginals bedeuten! Für uns phantasielose Erwachsene ein Ding der Unmöglichkeit ... Für die Aboriginals ist Uluru ein heiliger, spiritueller Ort und die Besteigung sehen sie nicht gerne, es gibt aber kein Verbot durch die Nationalparkbehörde, die von den traditionellen Eigentümern gemeinsam mit der australischen Verwaltung gebildet wird. Wir ersparen uns trotzdem den Aufstieg und wandern mitsamt den Kindern eine Teil rund um die Basis, entlang des interessantesten Abschnitts mit vielen Höhlen, und Geschichten. Um die ganzen ca. 10 km rundherum zu wandern, ist es zu heiss und gibt es zu viel zu sehen unterwegs. Wir mieten zwei Fahrräder mit vier Helmen (es war nicht leicht, dem Vermieter die Notwendigkeit klar zu machen - aber es herrscht im ganzen Land Radhelmpflicht, es steht aber nirgendwo ausdrücklich, dass es verboten ist, kleine Kinder auf der Stange zu transportieren ...) und umradeln den Felsen gemütlich in knapp drei Stunden. Während die anderen noch schlafen, schleiche ich mich aus dem Zelt, mit dem Starten des SechszylinderDiesels erwachen dann wahrscheinlich doch alle. Es ist vier Uhr morgens und einer der legendären Ayers Rock Sonnenaufgänge steht hoffentlich bevor. Bei totaler Finsternis (Neumond) stehe ich an der designierten "Sunrise viewing area" und der einzige, der vorbeikommt, ist ein Ranger, der um 05:40 Uhr mein Parkeintrittsticket kontrolliert ... Um 06.30 Uhr sind die Ränge gefüllt, Busladungen voller europäischer und japanischer Touristen bevölkern das ehemals ruhige Fleckerl. Bemerkenswert die Einheitsjapaner mit Rüschenhütchen (Damen), Crocodile Dundee Hut (Herren), weissen Handschuhen (Damen), eventuell Mundschutz, mit einem kleinen Rucksackerl, das gerade ein Wasserflascherl und die SnappyKamera fasst und dem Klapphocker, den sie beim Busfahrer ausgefasst haben. Lieb! Und dann knipsen sie einander vor dem grossen Stein. Der Sonnenaufgang lässt heute aus, leider Wolken am Horizont. Also morgen wieder, gleiche Zeit, gleicher Ort. Auch die Sonnenuntergänge entsprechen nicht ganz den Wunschvorstellungen, sind aber doch eindrücklich.

Kata Tjuta, besser bekannt als Olgas (nach einer württembergischen Königin benannt!) sind eine Menge von Felskuppen, die aus ganz anderem Material bestehen als der 50 km entfernte Monolith! Hier gibt es herrliche Wanderungen und die Kinder sind beim Marsch durch das Valley of the Winds mit seinen saftigen Oasen flott unterwegs - und bleiben in der Richtzeit für mäßig trainierte Grossstadtaustralier! Gleiches gilt für den Kings Canyon, auch hier wandern sie brav über Berg und Tal (die Zauberformel "forschen" wirkt!) und hängen einige andere Touristen ab ... Aus Kings Canyon werden wir von den Schulferien und den damit ankommenden Jugendgruppen vertrieben. Halbwüchsige übernehmen das Kommando und der Campingplatz wird zum Rugbyfeld. Absolute Einsamkeit erleben wir dann im Finke River National Park, wo wir nach längerer, anspruchsvoller Fahrt durch das Flussbett ein Wasserloch finden, das vom Sandstrand über eine schattige Compingmöglichkeit bis zu Kletterpartien durch die schroffen Felsen der James Range vieles für die Kinder (und die Eltern) bietet. Hier fühlen wir uns so richtig wohl! Ich wäre hier noch gerne länger geblieben, für mich ist dieser Fleck der Inbegriff des "Outback", ein Ort für den selbstversorgenden (Möchtegern) Abenteurer. Gaby hat nach knapp zwei Wochen im Zelt aber wieder einen gewissen Hang nach einem echten Bett und meint, dass die Kinder auch wieder einmal in die Zivilisation sollten ... Nach dem Besuch diverser Schluchten (mit Wanderungen und Wasserlochplanschen) in der zerklüfteten MacDonnell Range kehren wir also nach Alice Springs zurück. Nachdem ich erfolgreich das Geld für das "Kaputtreparieren" zurückerfochten habe, investiere ich es gleich in die Reparatur der Lenkung, die den Ausflug mit den vielen OffroadKilometern mit ausgeschlagenen Gelenken quittiert hat. Mit frischem Öl und gut geschmiert geht es die nächsten Tage wieder am Stuart Highway nordwärts, in den tropischen Norden.

P.S.: Wie man diesen Zeilen entnehmen kann, geht es uns recht gut, obwohl die Zeit davonläuft. Dank unserer Kleinen bleibt nur wenig echte "Freizeit", um Gedanken nachzuhängen und das Erlebte zu verarbeiten. Abends sind wir meist auch recht geschafft und gehen zeitig ins Bett, denn spätestens um 07:00 Uhr ist Tagwache, wenn es im hinteren Teil von Kari zu rumoren beginnt. In der Nacht muss auch mindestens ein Kind aufs Klo, der Schlafsack muss gerichtet werden oder die Wüstenluft erzeugt Drust. Ungestörte Nachtruhe gibt es also nicht wirklich. Man muss aber sagen, dass sich die Kinder an die Situation sehr gut angepasst haben und das Leben im Caravan akzeptieren. Nach unseren "Campingausflügen" ist der Wohnwagen das "zu Hause", mit allen Spielsachen und der gewohnten Umgebung. Wir glauben daher, das wir mit dieser Kombination das Optimale für unsere Reise gefunden haben und lassen es uns weiterhin gutgehen. Das mit dem Gutgehen ist aber so eine Sache, den gut Leben kostet Geld und hier in Australien sogar ziemlich viel ... Viele der Angebote für Touristen können wir nicht nutzen, denn sie liegen über unserem Budget. Immerhin gibt es bei vielen Angeboten substanzielle Reduktion oder gar Gratisflugtickets für noch nicht schulpflichtigen Kinder. Leider trifft dies nur selten auf die Campingplätze zu, die für uns alle um die AUS$ 20,00 pro Nacht kosten. Natürlich versuchen wir immer wieder, in freier Wildbahn zu übernachten, aber viele der schönsten Plätze sind kommerziell erschlossen - was ja nicht weiter verwunderlich ist, mich angesichts der Weite dieses Landes aber doch manchmal überrascht ...

(Text & Photos) Peter Giovannini

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Thursday, 24. May 2012