Die Giovanninis in Australien (3), Von Cairns ins Red Center
Cairns, Fussgängerzone. Internet-Cafe beim Backpacker Hostel, "All tours - book here" Schilder überall, viele junge Menschen auf der Strasse und in den Cafes, noch mehr japanische Touristen. Garniert wird die Szenerie zwischen den zwei-stöckigen Häusern, den saftigen Grünflächen und den dekorativen roten Sonnensegeln über den Wegen von eiligen Businessmen und verschiedenen Grüppchen Abori-ginees, die hier verloren wirken. Das spannendste an Cairns sind zweifel-los seine Bewohner, seine Besucher und das Leben in der Stadt. Als wir in ein lokales Reisebüro hineingeraten, steigt unser Adrenalinspiegel. Hier können wir alles buchen, was wir wollen, über die vielen Möglichkeiten in und um Cairns habe ich ja schon berichtet. Aber was wollen wir eigentlich? Das Barriere-Riff sehen, soviel steht fest! An welcher Tour wollen wir teilnehmen - tausend Wege führen ins Meer. Australien muss das Weltmeisterland in Prospekt- und Flugzettelproduktion sein! Ausserdem gibt es nichts, was nicht soeben den Titel "Best of ..." errungen hätte. Zusätzlich dürfte das Schlagwort "Eco-Tourism" derzeit besonders gut ziehen, denn jede Tour, die einen Nationalpark auch nur streift, wird als unheimlich grün ge-priesen. Die Tourbusse und Hochgeschwindigkeitskatamarane fressen trotzdem Benzin ... Wir stehen also vor einer Wand bunter Prospekte, die nicht nur die tollsten Erlebnisse, sondern auch das beste Wetter als selbstverständlich preisen. Gute Laune soll man selbst mit-bringen. Unser Adrenalinspiegel steigt weiter. Wir können uns nicht kon-zentrieren, die Kinder schleppen im Minutentakt neues Hochglanzbild-material heran, jeweils mit dem Vermerk, "das müssen wir unbedingt machen". Noch nicht mal in der Schule (bzw. Kindergarten) und völlig dem Konsum verfallen! Unsere Spannung steigt weiter, wenn wir in den farbenfrohen Zetteln lesen und die Preiszeile finden. Diese ist entweder schamhaft klein gedruckt --und ohne weiteren Kommentar. Oder der Preis sticht besonders auffällig hervor und es folgt die Aufzählung, was man alles für sein Geld erhält. Bei diesen vielen Sonderleistungen (Tee, Kaffee, Lunch, Transfer, fachkundige Führung, Souvenir-leibchen etc.) würden wir am liebsten freiwillig noch etwas mehr zahlen ... Wenn wir es uns leisten könnten! Der Adrenalinspiegel nähert sich der gefährlichen Zone. Wenn die Nach-frage wie in der Boomtown Cairns und Umgebung enorm ist, so können auch entsprechende Preise verlangt werden. Wer nur vier Wochen im Land bleibt, verfügt oft über eine pralle Urlaubskasse - und verlockend sind viele dieser Angebote allemal ... Aber für eine Familie mit zwei Kindern will die Investition genau überlegt sein, denn trotz der durchaus gross-zügigen Kinderrabatte, sind AU$ 200,00 (ca. ATS 1.700,00) für einen Tagesausflug schnell ausgegeben. Und dank der kleinen Plastikkarte merkt man zunächst den Schmerz gar nicht. So stehen wir also mit rasendem Herzen vor den Prospekten, beinahe gelähmt von der Menge der Variationen zum Thema " Wie komme ich ans Riff?" Es macht sich eine unbestimmte Angst breit, etwa doch "das falsche" zu buchen ... Die Masse hemmt unsere Entscheidungsfreude. Das Adrenalin erreicht neue Spitzenwerte bei der Buchung eines Tagesausflugs mit High Speed Katamaran in das "Outer Barriere Reef". Als besonderer Gimmick ist bei unserer Tour der Nationalparkeintritt auch schon inkludiert! Hoffentlich hält das Wetter, was das Reisebüro verspricht!
Wenig Wellen, wenig Wind und gar nicht übermässig viele Touristen, die sich morgens an Deck versammeln. Gleich nach dem Ablegen, werden wir mit den Sicherheitsmaßnahmen ver-traut gemacht, alle müssen in den grossen Decksalon kommen - der ideale Zeitpunkt für Haie!
Schwimmwesten so und so, ach ja, und übrigens, "das einzig wahre Erlebnis findet natürlich unter Wasser statt. Wir sind Spezialisten und gerade wir können euch die tollsten Tauchplätze garantieren. Für er-fahrene Taucher kostet ein Tauch-gang nur so und soviel, für Anfänger ist ein Schnupper-Flaschentauchen sogar gratis." Toll, das mach' ich denke ich, Gaby übernimmt die Verantwortung für die Kinder und ich die ziemlich schwere Tauchflasche. Chiara und Dario haben auf einer kleinen Riffsandinsel den ersten Kontakt mit der Taucherbrille, ich werde einige Minuten lang in tieferem Gewässer ausgebildet. Dann, als alle Instinkte, Gefühle und Wünsche in mir geweckt sind (der Adrenalinspiegel beinahe wieder im roten Bereich) heisst es: "So. Leider, der Gratis-tauchkurs ist vorüber. Entweder aus dem Wasser - oder 50 Dollar berap-pen für den Tauchgang." Ich kann dem Angebot nicht widerstehen. Bis 10 Meter Tiefe geht es an der Hand einer Tauchlehrerin in übersichtlichen Fünfergruppen. Mir wird eine See-gurke in die Hand gelegt, eine riesige Mördermuschel gezeigt, ausser den bunten Fischen bemerke ich noch einen eiligen Taucher mit Video-kamera. Und schon bald müssen wir wieder auftauchen, das Abenteuer Tauchen am Riff ist viel zu schnell vorbei. Vorbei? Gegen noch etwas Cash gibt es noch mehr nach dem kalten Buffet (mit herrlichen Garnelen), einen zweiten Tauchgang an einem anderen Ende des phantastischen Korallenstocks. Nichts für mich, die Kinder brauchen auch am Wasser einen Vater (und die Mutter ein wenig Freiheit). Viel zu bald werden die Motoren angelassen, die zur Heimfahrt rufen. Und noch immer nicht ist es vorbei mit dem Tauchen: auf den Video-Bildschirmen läuft das Superprogramm "Schaut her, ich war heute am Riff tauchen". Digitales Video, professionell aufbe-reitet, vermittelt erst richtig, was man alles unter Wasser (angeblich) gesehen hat ... und für nochmals 50 Dollar kann ich auch die Freunde daheim an diesem Erlebnis teilhaben lassen. Wohl nur, weil ich ein selbstloser Kerl bin, kann ich dem Kaufdrang nicht widerstehen. Wieder zurück im abendlich belebten Zen-trum von Cairns schwanken nochmals die Beine angesichts des 300$-Lochs, das "vom Riff" in unseren Budget-Beutel gerissen worden ist und von Gaby wie jeden Tag genau im Ausgabenbuch festgehalten wird. Es war wirklich ein Erlebnis und immerhin hatten wir das Glück von guten Wetterbedingungen, trösteten wir uns - andere zahlten für den Genuss kalten Starkwinds verbunden mit eintägiger Seekrankheit den gleichen Preis, erfahren wir.
Für uns ist es nun sicher an der Zeit, Australiens "Disneyland" den Rücken zu kehren, und solche Gegenden zu finden, die mehr unseren Erwartun-gen von weiter Landschaft und per-sönlicher Freiheit entsprechen.
P.S. Die wahre Schönheit des Riffs und seiner Bewohner habe ich am Nachmittag erlebt. Mit dem Schnorchel bin ich doch besser ver-traut als mit Sauerstofflasche und Bleigürtel - daher konnte ich mich wirklich auf die Umgebung kon-zentrieren. Für einen ersten Flaschentauchversuch finde ich im nachhinein gesehen das Riff zu wertvoll - das sollte man schon vorher in einem heimischen See probiert haben!
Ab in die Wildnis
Cape York - der nördlichste Punkt des Kontinents, an den alle Australier einmal hinwollen, aber nur die wenigstens schaffen es. Die traditionellen Landbesitzer, die Aborigines, sehen in besseren Verkehrswegen keinen Vorteil, so führt bloss ein Track entlang der ehe-maligen Telegraphenlinie über Stock und Stein, durch einige tiefere Flüsse und durch vielfältigen Regenwald praktisch geradeaus nordwärts. An-spruchsvoll für jeden Geländewagen und eine Gefahr für die ver-meintlichen Abenteurer aus dem Süden des Landes, die die Schwie-rigkeiten unterschätzen und mit ihren Defekten und Unfällen den Nimbus der Route aufrecht erhalten. Gott sei Dank, denn so bleibt die Cape York Halbinsel von umfangreicher touris-tischer Vermarktung verschont. Für uns also genau das Richtige, um das "wilde Australien" kennenzulernen. Zunächst noch ein paar touristische Höhepunkte am Weg nordwärts, wo sich tropischer Regenwald und Grosses Barriere Riff an der Küste treffen. Als wäre das noch nicht Sensation genug, hat ein gewisser James Cook genau hier sein Schiff auf ein Riff laufen lassen und den Punkt "Cape Tribulation" (Kap der Leiden) getauft. Heute sollte man es "Cape Population" nennen, was der Anzahl der Reisenden eher gerecht würde ... Aber schon die pittoreske Küstenstrasse nach Cooktown limitiert ungehemmten Tourismus-vormarsch: 4WD only, unser Wohnwagen ist auf dem Camping-platz in Cairns geblieben. Der Ort, an dem der englische Forscher sein Schiff repariert hat, ist verschlafen, aber nett und erwartet die Ankunft der Asphaltstrasse über die Inlandsroute. Ein kurioses Kabinett mit Schau-stücken über Cook, den Goldrausch des letzten Jahrhunderts und das Alltagsleben der Pioniere tarnt sich mit dem Namen "James Cook Museum". Der Weg in den hochge-lobten Lakefield Nationalpark ist nicht mehr lang und führt durch mehrere Furten, die für weiter oben Interessantes erwarten lassen. Der Park präsentiert sich ziemlich trocken, aber dennoch voller Überraschungen. Hier leben die magnetischen Ter-miten, die ihre schmalen Bauten mit Nord-Süd-Achse ausrichten. Tausen-de von Bauten nebeneinander, das beeindruckt auch unsere Kinder. Diese können sich kaum erholen von der Ekstase der Flussdurchfahrten, und den Fähigkeiten, die sie nun in unserem Landcruiser erkennen kön-nen. Dario hätte mich 10 x durch das erste Wasser geschickt, schliesslich begnügt er sich damit, zwei deut-schen Radfahrern bei der feucht-fröhlichen Flussquerung Mut zuzu-sprechen. (Wie wir mit eigenen Augen sehen konnten, gibt es aber tatsächlich Gestalten, deren grösster Spass es sein dürfte, ihren Geländewagen mit relativ hoher Ge-schwindigkeit durchs Wasser zu jagen. Hin und zurück usw.) - manche werden auch übersehen. Dies passierte unserem Krusi, der von einem zurückschiebenden (!) Holden Stationwagen gerammt wird. Fazit: Unser Bullbar hat drei Schram-men, der Gegner dürfte ein ver-sicherungstechnisches Wrack sein! Na, nochmal Glück gehabt. Zur Belohnung nach dem Schreck gibt es den bisher schönsten Campingplatz: Kennedy Bend heisst er, liegt an einem der zahlreichen Wasserlöcher im Park und wird von üppiger Palmenvegetation eingesäumt. Die Kinder sind von den Sensationen des Tages beinahe zu müde, um die Lagerfeuerromantik auskosten zu können. Aber so eine halbe Stunde halten wir alle es schweigend am Feuer aus, lassen die Fledermäuse über unsere Köpfe flattern und genießen völlige Ruhe ... Die Land-schaft erinnert an die afrikanische Savanne, in manchen Termitenhügeln meinen wir ein Nashorn zu erkennen - und statt der Rinder stellen wir halt Gnus und Zebras in die Landschaft. Irgendwie können wir uns gar nicht vorstellen, dass in der Regenzeit von November bis April hier alles unter Wasser steht und mit sattem Grün besticht. Spannend wird's als wir an einem Billabong (Teich) zwei Salties (Salzwasserkrokodile) erspähen. Diese etwas grösseren Reptilien sind dafür verantwortlich, dass selbst an erfrischenden Wasserlöchern oder herrlichen Stränden das Baden un-möglich ist. Plötzlich verschwindet eines der Ungeheuer im trüben Wasser. Vorsichtshalber dirigieren wir Dario und Chiara etwas weiter vom Ufer weg. Denn solange die Crocs am anderen Ufer liegen, sind sie fas-zinierend. Wenn sie aber ins Wasser gleiten, werden sie rasch unheimlich ... Je weiter man nun nach Norden vordringt, umso notwendiger wird es, die Furten zu durchwaten, um den besten Weg zu orten. Da ich nicht jedes Abenteuer brauche, verzichte ich mit Handkuss an Herrn bzw. Frau Saltie. Dafür gibt es einige Um-fahrungswege, die das fehlende Krib-beln im Bauch mit umso mehr Pistengerumpel kompensieren. Die letzte grosse Hürde vor dem Kap ist finanzieller Natur. Für den Fähr-transport über einen Fluss gerade mal halb so breit wie die Donau werden $ 80,00 verlangt. Die bis vor kurzem existente Furt ist durch "einen gros-sen Zufall" zur Durchquerung zu tief geworden. Wer den Ärger geschluckt hat und über den Jardine River gebracht worden ist, steht schon bald am Kap. Was unsereins mit ein paar Photos und einem bedächtigen Rund-umblick auf die zerklüftete Küstenlinie und die Inseln in der Torres-Strasse würdigt, wird von beinahe hyste-rischen Sydneysidern mit Cham-pagner (und Bier, eh klar) begossen. Wir nisten uns für ein paar Tage bei den Einheimischen auf dem Campingplatz von Seisia ein. Die Bewohner dieser Siedlung hier sind keine Aborigines, sondern soge-nannte "Torres Strait Islanders". Diese Volksgruppe verfügt über selbstsicheres Auftreten in der "weis-sen" Gesellschaft, mit der dieser Menschenschlag recht gut auskom-men dürfte. Die kulturellen Wurzeln der Islander sind wohl in der Südsee zu suchen, was sich auch bei einer imposanten Tanzvorführung bestätigt. Dario und Chiara sind von den teilweise kriegerischen Geschichten, die durch Tanz, Musik und Körper-sprache ausgedrückt werden, restlos begeistert. Die folgenden Tage tanzen sie durch die Weltgeschichte. Dies verkleinert etwas den Frust, hier nicht baden zu können: Man stelle sich mindestens 5 km weissen Sand-strand vor, dazu warmes Meer in allen Schattierungen von türkis bis azurblau, kaum Wellen, eine laue Brise und viele Palmen. Und irgend-wo da draussen, auf einer der vorge-lagerten Inseln, haust ein Krokodil, das jederzeit ans Ufer kommen kann, um seinen Hunger zu stillen. Und so geschah es auch. Am vierten Tag unseres Aufenthaltes in Seisia meint Gaby, eine Krokodilschnauze im Meer vor unserem Zelt zu sehen. Ich be-zweifle das und glaube eher an Treib-holz. Gaby meldet die Sichtung aber ordnungsgemäß an der Rezeption, sie wird tatsächlich ernst genommen. Und am nächsten Morgen bestätigt: Das Saltie holt sich einen Hund vom Strand, etwa dort, wo die Tage davor unsere Kinder damit beschäftigt waren, Sandburgen zu errichten. Irgendwie sehen wir das als Zeichen, uns von dieser sonst so freundlichen Gemeinde loszureissen, uns auf den holprigen Rückweg zu machen und ins garantiert krokodilfreie Red Center aufzubrechen ...
Peter Giovannini
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