Traveller Club Austria

Auf dem "Dach Afrika's"

Rubriken: Bericht - Reiseziele: Äthiopien

Äthiopien, das ja damit angesprochen ist, betritt der neugierige Fremde heut meistens auf dem Flughafen von Addis Abeba, was soviel wie "Neue Blume" bedeutet. Diese läßt aber mittlerweile gehörig den Kopf hängen, seit man sie vor etwa drei Jahrzehnten begonnen hat, zur Großstadt zu demolieren. "Just a town" eben, diese gesichtslose 3-Millionen-Ansiedlung, an der bereits 1945 ein Wiener namens Hermann Neubacher als Bürgermeister verzweifelte und wo heute Diebstahl, Raub, Prostitution ("Mistah, you want my sistah?") sowie Rauschgiftkriminalität zum normalen Alltag gehören, der hier zwischen Sonnenauf- und -untergang stattfindet. Als Dealer sind übrigens auch in Addis die Nigerianer federführend; nur erwartet sie dort - im Unterschied zu anderswo - wenigstens ausnahmslos der Strick. Das war's dann aber auch schon wieder von dieser welkenden "Blume"...

Das wahre Gesicht des über eine Million Quadratkilometer großen, geschichtsträchtigen ehemaligen Abessinien am Horn von Afrika - sowohl in landschaftlicher als auch kultureller Hinsicht - ist nämlich bloß in dessen "Provinz" zu finden: Sei's nun im sogenannten Grabenbruch, wo 1974 mit dem 3,5 Mio. Jahre alten "Australopithecus afarensis" die ältesten menschlichen Spuren überhaupt entdeckt wurden; oder am Tanasee, der mit seinen 3600 km² nicht nur den Bodensee ums siebenfache übertrifft, sondern auch als Quelle des Blauen Nil gilt, der sich im nahen Bahar Dar in mächtigen Kaskaden 45 m in die Tiefe stürzt, um sich schlußendlich im sudanesischen Khartoum mit seinem "weißen Bruder" zu vereinigen. In Gondar hingegen stößt man auf eine Kaiserpfalz, in der bereits im 17. Jh. portugiesische, armenische, persische und indische Abgesandte aus und ein gingen. Lalibela wiederum gilt ob seiner unlängst von der UNESCO zum Welterbe der Menschheit erklärten phantastischen Felsenkirchen aus dem 10.-13. Jh. als "Schwarzes Jerusalem", während Aksum als die Wiege der äthiopischen Kultur betrachtet werden kann, von wo aus im 10. vorchristlichen Jahrhundert die legendäre Königin von Saba - hier Makeda genannt - den weisen Salomon im richtigen Jerusalem nicht nur besucht, sondern ihm dort auch beigewohnt haben soll. Das Ergebnis dieser noblen Liaison war ein gewisser Menelik, der als Stammvater der äthiopischen Kaiserdynastie gilt, die erst mit dem auch hierzulande nicht ganz unbekannten Haile Selassie 1974 ihr Ende fand. Dieser kleine, bärtige Langzeit-Potentat mit dem bombastischen (Unter-)Titel "Löwe von Juda" war nämlich 1955 nicht nur unser erster Staatsbesuch nach Abzug der Besatzungsmächte, sondern wird auch - mit seinem Prinzennamen Ras Tafari - von der pseudoreligiösen Rasta-Bewegung Jamaikas als eine Art Heiliger verehrt. Deswegen übernimmt wohl auch Bobby Marley mit Reggae so ab Mittag regelmäßig das Programm im lokalen Radio. Aber wo eigentlich nicht in Afrika?

Von den etwa 60 Millionen Äthiopiern - im Jahr 2020 werden es doppelt soviel sein - sind 95% schwarz und vielleicht 5% reich. Schön aber sind sie fast alle irgendwie, die Oromos, Amharen, Tigray und wie sie sonst noch heißen. (Die judaisierten Falascha, angeblich der sogenannte "verlorene 10. Stamm", haben sich ja die Israelis Mitte der achtziger Jahre als "Hiwis" ins gelobte Land geholt.) Nur 15% können lesen und schreiben, dafür halten sie sich aber den größten Viehbestand des ganzen Kontinents und haben dennoch bloß ein monatliches Durchschnittseinkommen von umgerechnet etwa 570 Schilling. Die Lebenserwartung liegt bei 50 Jahren. Vielleicht weil bloß ein Doktor auf 30.000, ein Zahnarzt gar auf eine Million Einwohner kommt. Daß sie auch mutig sind, haben die "Abessinier" spätestens 1896 bewiesen, als sie bei Adua den ersten Sieg einer afrikanischen über eine europäische Armee nach 2000 Jahren (Hannibal) erfochten. Zwar bloß gegen die Italiener - aber immerhin mit Schild und Speer. Bereits 1923 wurde dem UNO-Vorgänger "Völkerbund" beigetreten, 40 Jahre später dann die OAU ("Organisation für Afrikanische Einheit") ins Land geholt.

Trotz der frühen Evangelisierung im 4. Jh. und der Pole-position am Heiligen Grab in Jerusalem ist Äthiopien nicht unbedingt als christlicher Staat zu sehen; denn für etwa die Hälfte seiner Bevölkerung heißt der Himmelvater mittlerweile Allah. Doch "Fundis" haben hier (noch) keine Chance, und man lebt friedlich neben- und miteinander. Als z. B. der marxistische Expräsident Mengistu Haile Mariam einmal probeweise eine der 15.000 Kirchen nach albanischem Vorbild zu einem Kino umfunktionieren wollte, vollzogen die moslemischen Imame in der Sekunde den Schulterschluß mit ihren orthodoxen Kollegen nach dem Motto: "Heute eine Kirche - morgen vielleicht eine Moschee..."

Ja, der Kaffee wurde im 15. Jh. übrigens auch hier erfunden (und keineswegs vom Kolschitzky in seinem Wiener türkischen Beisel). In Äthiopien ist er herzzerreißend stark und zähnebrechend süß; also genau so, wie ihn Menschen mit Geschmack immer und überall gerne hätten. Im Vergleich zu einer Tasse äthiopischen Kaffees ist alles andere eben bloß ein flüssiger Jammer. Ein zäher hingegen die sogenannten Steaks im Lande: Da braucht es schon kämpferische Ausdauer und ein Raubtiergebiß, um diese täglich aufs neue niederzuringen!

An Hand des "lonely planet" (das ist der Reiseführer, an dem sich neuneinhalb von zehn Afrika-Reisenden orientieren; ich auch) wird also die Route geplant - um vor Ort dann resigniert festzustellen, daß so gut wie jeder mit dem gleichen Einkaufszettel nach Äthiopien gekommen ist, auf dem die vorhin bereits erwähnten "Top-Highlights" artig aufgelistet sind. Und da diese über relativ große Distanzen verstreut liegen, werden sie dann, meist per Flugzeug, in erstaunlich kurzer Zeit bejagt und erlegt. Also führt einer der ersten Wege in Addis zwangsläufig zum Büro der "Ethiopian Airlines", wo ein freundlicher Typ mit warmbrauner Haut und einem strammen "Yes, Sir!" (für Augenblicke fühlt man sich in die Zeit versetzt, als Reisen in den Tropen noch zu den vornehmen Sportarten zählte) grimmig auf einen Computer einhackt, dessen Aussehen allein für Tränen unter einem österreichischen Christbaum gesorgt hätte. Trotzdem spuckt er am Ende dennoch ratternd ein Ticket aus, mit dem's nun ans "Entdecken" gehen kann - Touristen sind ja immer nur die anderen. Die "Ethiopian" ist übrigens nicht nur eine der ältesten und effizientesten, sondern auch sichersten Fluglinien Afrikas; allein schon wegen der exorbitanten Security-checks auf all ihren Feldflugplätzen. Trotzdem schon mal hin und wieder einer der Flieger entführt wird, um mit ihm dann z. B. vor den Komoren baden zu gehen, wie ja Ende 1996 erst passiert...

Gute Kondition - sei's nun auf physischem oder auch psychischem Gebiet - ist in Äthiopien ebenfalls gefragt. Nehmen wir Lalibela als Beispiel, das seinen zahlreichen Besuchern mit elf in Tunneln und Labyrinthen verschachtelten Felsenkirchen eine ordentliche Portion Strapazen abfordert. Endlich wurde nun auch mir der wahre Sinn des Bibelwortes, daß der Glaube Berge versetzen kann, so richtig klar: In etwa 20jähriger Bauzeit haben die Vorvorderen hier an die 100.000 Kubikmeter Tuffgestein bewegt! Und das lassen sich deren Nachkommen heute recht saftig honorieren: 15 für den Eintritt, 25 für eine Videokamera und 50 für die Übernachtung. Natürlich alles in US-Dollars und nur für ausländische Touristen. Bin ich froh, daß sie wenigstens drunten in Südafrika schon die Apartheid abgeschafft haben. "Holy shit!", höre ich einen weitgereisten Aussi stöhnen, der nach diesem tiefen Griff ins Geldbörsel vom billigen Sibirien und Syrien sowie einem kostenfrei zu besichtigenden rosa Marmor eines südindischen Hindu-Tempels ins Schwärmen gerät. Ich gebe offen zu, es war aber auch für mich wirklich fast schon eine übermenschliche Leistung, darob und zu den Horden von Bettlern nett zu bleiben. Dem Qualtinger wäre dazu sicher etwas anderes eingefallen.

Nachdem ich noch Stunden danach damit verbracht hatte, als Kompensation so viele Fliegen zu töten wie noch nie zuvor an einem anderen Ort und in ähnlich kurzer Zeit - ich schien hier überhaupt der einzige zu sein, der was gegen Fliegen hatte -, trat ich den Rückzug in unser Sparhotel an, das den alt-äthiopischen Namen "Roma" (oder so ähnlich) führt und mittlerweile zum Treffpunkt der Hard-core-Trinker aus aller Herren Länder mutierte. Dort begegnet mir dann auch der Guide mit der traurigen Geschichte: Zuerst versucht er mir gleich einmal klar zu machen, daß sein Vorname nicht Mister, sondern Willy sei, und anschließend, im Bürgerkrieg auf der falschen Seite gestanden zu haben, was ihn unter den Kommunisten angeblich für ein Weilchen in den Häfen brachte; armer Kerl. Dann will er natürlich noch wissen, aus welchem reichen Land ich denn so stamme, vielleicht ein paar Birr für ihn übrig hätte... Seit ich jedoch den äthiopischen Namen für Austria weiß, komme ich wenigstens nicht mehr aus Sidney. Eine tiefer gehende Unterhaltung scheitert jedoch an der Sprache. Eigentlich will ich mit einem Äthiopier nicht Englisch reden. Denn wenn ich nur, sagen wir einmal, 200 Wörter Amharisch einigermaßen variieren könnte, schufe das bereits ein ganz anderes Entree. Ich könnte z. B. fragen: "Sie sind doch Äthiopier; wie lange machen Sie das schon? Machen Sie das beruflich? Wie läuft's, wie geht's daheim, was kostet denn hier so ein Essen?" oder "Warum müssen denn bei Euch Bunten, verdammt noch einmal, alle Weißen immer auch gleichzeitig Multimillionäre sein?"

Heinz K. Prokisch

 

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Friday, 09. January 2009

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