Traveller Club Austria

CITADELLE LA FERRIERE

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Haiti

ZUR BURG ALLER BURGEN

Nach dem Sturz des ersten frei gewählten Präsidenten Haitis,
Jean-Bertrand Aristide, es war der 192. Putsch in den 188 Jahren
der Unabhängigkeit Haitis, und dem Ende der US-amerikanischen
Intervention der Jahre 1994/95, sind die Landgrenzen zur
Dominikanischen Republik wieder offen. Ist man einmal in Santo
Domingo oder Puerto Plata, bietet sich ein Besuch von Haiti, der
ältesten Republik der westlichen Hemisphäre einfach an. Die
Anbindung der Hauptstadt Port-au-Prince ins interkontinentale
Linienflugnetz ist äußerst dürftig; von Europa gibt es nur
einen einzigen wöchentlichen Flug von Paris, vom amerikanischen
Kontinent gibt es nur Flüge von Panama City, Miami und New York.
Vom offiziell zweiten internationalen Flughafen des Landes in Cap
Haitien gibt es nur Flüge auf die nahen Turks and Caicos Islands
(Providenciales), die Runway ist für größere Flugzeuge einfach
zu kurz, vom Zustand der sonstigen Flughafeneinrichtungen gar
nicht zu sprechen.

Neben dem bunten Märkten der im Gegensatz zur Dominikanischen
Republik sehr ärmlichen Bevölkerung - Haiti gehört zu den
ärmsten Ländern der Welt - bietet sich ein Besuch der
berühmten Citadelle La Ferrière an, wenn man einmal im Lande
ist. Der Ausgangspunkt für den Besuch der eindrucksvollen Burg,
über die im National Geographic wiederholt berichtet wurde, ist
Cap Haitien an der Nordküste. Im Volksmund nur "Le
Cap" genannt, ist die ehemalige Hauptstadt heute mit rund
60.000 Einwohnern die zweitgößte Stadt des Landes, mit
lebhafter kreolischer Athmosphäre, nahe jenem Punkt gelegen, wo
Christoph Kolumbus (eigenlich Cristobal Colón) mit seinem Schiff
Santa Maria am 24. Dezember 1492 auf Grund lief.

Le Cap, die ehemals reichste Stadt des französischen
Kolonialreiches, 1842 von einem Erdbeben schwer getroffen, ist
entweder in fünf Busstunden auf relativ guter Straße von
Port-au-Prince oder von der Dominikanischen Republik kommend
über die nördliche Landgrenze bei Dejabon/Ounaminthe zu
erreichen. Es herrscht reger Grenzverkehr, denn tausende
Haitianer leben als Tagelöhner zum Zuckerrohrschneiden im
östlichen Nachbarland, von den Flüchtlingen gar nicht zu
sprechen. Nach Bezahlung der $10.- bzw. $15.- Aus- bzw.
Einreisetaxe ist man in Haiti. Der Grenzübergang ist einfach,
Österreicher benötigen kein Visum. Der Grenzübertritt erfolgt
zu Fuß, außer einige Fahrzeuge mit Sondergenehmigung dürfen
nämlich keine Autos die Brücke über den Grenzfluß passieren.
Zum Unterschied zur Dominikanischen Republik fällt sofort auf,
daß mehr als 90% der Bevölkerung schwarz sind und es auf einmal
keine Touristen mehr gibt. Auf Kollektivtaxis oder lokalen
Bussen, sogenannten "Tap Taps", das sind auf
Personenverkehr umgerüstete Lastwägen, die immer hoffnungslos
überfüllt sind, gehts dann auf schlechter Sandstraße über
zahllose Schlaglöcher die rund 80 km nach Cap Haitien. Man
passiert sehr ärmliche Siedlungen, es gibt viele bettelnde
Kinder - die Armut der Bevölkerung ist ein Resultat der
ausbeuterischen Politik der ehemaligen Regimes.

Wenn man sich den stundenlangen Anstieg zur Burg ersparen
will, muß man sich in Le Cap einen Jeep organisieren, was
beispielsweise die Agentur Sanchez Tours recht effizient macht.
Der Chef, Monsieur Sanchez, war früher der Manager des Tourist
Office von Cap Haitien, das es seit einigen Jahren nicht mehr
gibt, denn es gibt außer im Zusammenhang mit gelegenlichen Stops
einiger Kreuzfahrtschiffe aufgrund der jahrelangen unstabilen
politischen Situation kaum mehr Touristen in Haiti. Im Jeep gehts
dann zum 20 km entfernten Ort Milot, wo man die Ruinen des
Sanssouci Palasts bewundern kann. Sanssouci war der schönste
aller Paläste der haitischen Könige. Im Jahre 1807 im Stil von
Louis XV nach dem Vorbild von Versailles erbaut, wurde er beim
großen Erdbeben des Jahres 1842 größtenteils zerstört. Ab
Milot gehts auf schmaler Straße sehr steil bergan, bis man einen
Parkplatz erreicht, der ca. 200 Höhenmeter unter der auf 1000 m
gelegenen Burg liegt. Sobald man den Jeep verläßt, stürzen
sich unzählige Einheimische mit ihren Pferden auf die Besucher,
um sie die letzten drei Kilometer durch Tropenwald, Bananen- und
Kaffeeplantagen bis zum Eingang der Zitadelle hinauftragen zu
lassen. Die einheimischen Besucher schwitzen in der Regel zu Fuß
die letzten Höhenmeter hinauf. Auch der Preis von Coca Cola und
Bier geht steil hinauf: 60 Gourdes (1 US$ = ca 12 G.) kostet oben
ein kühles Bier, eine beachtliche Summe in einem Land, wo das
monatliche Durschnittseinkommen nicht einmal US$ 80.- beträgt.

Endlich oben angekommen, ist alle Anstrengung vergessen. Man
steht am Fuße einer majestätischen Zitadelle, dem mächtigsten
Bauwerk der Karibik, oft als achtes Weltwunder bezeichnet. Die
Wälle sind 42m hoch, die Wände bis zu 4m dick. Von 1804 bis
1817 arbeiteten 200.000 geknechtete schwarze Männer, Frauen und
Kinder unter unvorstellbaren Bedingungen am Bau dieser mächtigen
Burgfeste. 20.000 Menschen fanden dabei den Tod. Der immer wieder
bewunderte Bau, von dem man einen herrlichen Rundblick bis zum
Atlantik genießt, steht auf der Spitze des Pic La Ferrière und
wurde vom haitischen Architekten Henry Barre für seinen König
Henri Philippe entworfen. Das achtstöckige Bergschloß sollte
eine uneinnehmbare Festung gegen eine mögliche französische
Invasion sein. Mehr als 15.000 Soldaten konnten hier
untergebracht werden, mit den Vorräten an Lebensmitteln konnte
einer Belagerung von einem Jahr standgehalten werden. Von den
ursprünglich 600 Kanonen gibt es heute noch rund 350 Stück,
manche bis zu zehn Tonnen schwer - nie wurde ein einziger Schuß
von ihnen abgegeben! Auf einer Terrasse in der Burg lagern bis
heute 45.000 Kanonenkugeln.

Wieder zurück in die Dominikanische Republik bieten sich noch
zwei weitere Grenzübergänge an: einer liegt etwa in der Mitte
der Insel Hispaniola bei Belladère/Comendador und einer im
Süden an der direkten Verbindungsstraße
("Gastarbeiterroute") von Port-au-Prince nach Santo
Domingo bei Fond Parisien/Jimani. Alle Landgrenzen schließen um
17 Uhr. Das früher für eine Landausreise aus Haiti benötigte
und langwierig zu bekommenden Laissez Passer ist nicht mehr
erforderlich. An der Grenze gibt’s günstig französischen
Cognac, der von Einheimischen verkauft wird und eher Schmuggelgut
als Zollfreiware ist. Sonstige Mitbringsel aus Haiti sind
Holzschnitzereien und die beliebten und recht hübschen
haitianischen naiven Malereien, die auch in anderen karibischen
Staaten angeboten werden, dort aber oft nur als schlechte Kopien.

-Wolfgang Schuster-

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Friday, 09. January 2009

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