Traveller Club Austria

AUSFLUG NACH JEMEN

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Jemen

Als am 10 Februar um 5.30 Uhr fast ein Dutzend frierender
Jugendlicher am Flughafen Schwechat eintreffen, um am Ende einer
lange Schlange anzuschließen, weiß niemand was das Häufchen
Abeteuerlustiger erwarten würde. Schließlich ist ein
Schulausflug nach Arabien auch nicht jeden Tag am Programm. Wohl
mit gemischten Gefühlen verabschieden sich die Eltern von sechs
Mädchen und vier Burschen und übergeben sie in die Obhut von
zwei Lehrern ihrer Schule. Beide "Reiseleiter" sind
Mitglieder des Traveller Clubs

Irgendwann öffnet die AUA einen weiteren Schalter, sodaß
zeitgerechtes einchecken möglich wird und schließlich
entschwindet die Gruppe durch die Paßkontrolle und via Frankfurt
und Kairo nähern wir uns dem Ziel unserer Reise an: Sana’a,
die Hauptstadt des vereinigten Yemen. Am frühen Abend tauschen
wir Wintermantel gegen Sonnenbrillen und werden von unserem
einheimischen Führer Hassan am Flughafen in Empfang genommen und
gleich in ein nettes, traditionelles Altstadthotel gebracht.
Diese Fahrt zeigt bereits, daß die sechs Flugstunden einen
Quantensprung in Bezug auf Verkehrsregeln, Bekleidungssitten und
Sauberkeitsempfinden bedeuten.

Da wir im Hotel kein Nachtmahl zu erwarten haben, begeben wir
uns auf einen ersten Streifzug durch die Altstadt. Selbst in der
Dunkelheit können wir die mächtige, teils archaische, teils
feine Steinarchtitektur der Jahrhunderte alten Bauten auf uns
wirken lassen. Sobald wir aber ins Sukgebiet gelangen, haben wir
andere Sorgen: Wie hält man 10 entdeckungshungrige,
halbwüchsige Touristen im Menschengewühl der engen Marktgassen
zusammen? Dieses Kunststück gelingt und es ist erkennbar, daß
angesichts des regen Bazarlebens die Augen der Reiseteilnehmer
immer weiter aufgehen. Die Münder bleiben dann auch noch offen,
als sich überladene Lieferwagen und knatternde Motorräder auf
dem mit Plastikmüll übersäten Kopfsteinpflaster der engen
Gassen durch die einkaufenden Massen quälen. Hier erleben wir
die arabische Welt erstmals hautnah!

Nachdem wir bei einem Bäcker noch frische Roti (ähnlich
unseren Semmeln) zum Stückpreis von rund 50 Groschen erworben
hatten und diese im Hotel mit einem halben Liter Trinkwasser aus
der Plastikflasche verzehren, sind alle zufrieden und
rechtschaffen müde. Der weibliche Teil der Reisegesellschaft hat
zudem ihren ersten Auftritt in züchtiger Kleidung - unbedingt
weite Gewänder, lange Ärmel und Kopftuch - hinter sich
gebracht.

Die Nachtruhe ist eine Mischung aus Erschöpfungsschlaf und
unruhiger Erwartung. Da auch banale yemenitische Türschlösser
ihre Tücken haben, bleibt ein Zimmer unbelegt, dafür tun unsere
Campingmatten ihren ersten Dienst: zwei Mädchen haben sich
ausgesperrt und finden bei Freundinnen Asyl! Die Nacht ist kurz,
denn um vier Uhr ruft der Muezzin die Gläubigen zum Gebet und
der Nachtportier uns Touristen um fünf zum Frühstück. Abfahrt
sollte um sechs sein, denn ein langer Tag liegt vor uns. Statt
wie ursprünglich vereinbart mit drei Geländewagen, sollen wir
die Rundreise nun doch mit vier Toyota Landcruisern antreten. Das
ist natürlich bequemer, aber wie so oft liegt die Tücke im
Detail: um Punkt sechs sind drei Fahrzeuge und unser Guide
gestellt, eine schmale Mondsichel blickt sanft auf uns herab und
wir warten auf das vierte Fahrzeug. Kann ja nicht mehr lange
dauern. Um sieben Uhr freuen wir uns über den herrlichen
Sonnenaufgang, den wir vom Dach des Hotels beobachten. Vom
vierten Fahrzeug keine Spur. Um halb acht wärmen die ersten
Sonnenstrahlen unsere Gesichter, wir sind am Dach des Hotels.
Gegen acht Uhr wird unser Guide das erste Mal unruhig und
telefoniert und als wir nach halb neun Gepäck und Körper auf
vier Fahrzeuge aufteilen, frägt erfreulicherweise keiner, warum
wir denn um fünf aufgestanden seien.

Unser erstes Ziel heißt Marib, die legendäre Hauptstadt des
berühmten Königreichs von Saba. Unser Tatendrang wird an der
Ausfallsstraße nach Osten bei einem Polizeikontrollposten
gestoppt. Ein Uniformierter erklärt unserem verblüfften Führer
kühl, daß das gesamte Gebiet wegen Stammesunruhen unter den
Beduinen für Touristen derzeit geschlossen sei. Na fein! Hassan,
unser kundiger Führer weiß Rat: Die ganze Route wird einfach
umgedreht. Uns ist es egal, wir haben schon ein neues Ziel vor
Augen: Der Felsenpalast im Wadi Dar wir den meisten aufgrund
seiner markanten Lage und gewagten Konstruktion in Erinnerung
bleiben. Für Co-Reiseleiter Peter Giovannini ist aber die
Türschwelle ein beinahe unüberwindliches Hindernis, er tritt
schlecht auf, überknöchelt und hat an den weißgetünchten
Palast fortan eher schmerzliche Erinnerungen. Damit
disqualifiziert er sich auch von einigen Wanderungen, die die
Gruppe im gebirgigen "Bergyemen" zu unternehmen
gedenkt. Auf ausgezeichnet asphaltierter Straße gelangen alle
Schüler nach Kaukaban, dem Adlernest hoch über der Stadt
Shibam. Von der mittelalterlichen Steinfestung mit dem grandiosen
Ausblick auf die Hochebene darunter führt uns ein steiler Pfad
in die Kleinstadt Shibam.

Im benachbarten Ort Thula, ebenfalls bemerkenswert dank seiner
alten Steinhäuser, machen wir mit unserem Mittagstisch
Bekanntschaft: Da wir im islamischen Fastenmonat Ramadan reisen,
müssen wir uns an einige Spielregeln halten: so dürfen wir
nicht in der Öffentlichkeit essen, trinken oder rauchen und
unsere Mahlzeit muß schon am Vorabend eingekauft worden sein,
denn tagsüber gibt es nichts Eßbares zu kaufen! Im Lauf der
nächsten Woche gewöhnen wir uns ganz gut an trockenes
Fladenbrot, Yoghurt und harte Eier, aufgebessert durch Marmelade
und Bananen sowie Wasser als Standardgetränk. Es ist der Moral
der Gruppe zu verdanken, daß das erste Murren erst nach der
fünften Wiederholung dieser Speisefolge laut wird.

Den Nachmittag verbringen wir im Auto. Zwar nur wenige
Kilometer Fahrt, diese aber führen uns über große
Höhenunterschiede mit atemberaubenden Bildern von alten
Kulturlandschaften. Generationen von Bauern haben die steilen
Berghänge durch Terassenbau bewirtschaftbar gemacht. Wir
übernachten in einem Funduq des Ortes Menacha. Der Funduq ist
die typische Unterkunft yemenitischer Reisender sowie Traveller
aller Herren Länder. In sauberen Schlafsälen sind Matratzen am
Boden ausgelegt. Die sonstige Möblierung beschränkt sich auf
die Ablagenische für den Koran in einer Zimmerecke. Solche
Funduqs offerieren nach Sonnenuntergang (wegen des Ramadans)
ausgezeichnete yemenitische Hausmannskost.

Uns Touristen bietet sich hier die Möglichkeit, mit
Einheimischen in Kontakt zu kommen. Bei uns sitzt man in Grinzing
bei einem "Weißen Spritzer" zusammen, plaudert und
nennt dies Geselligkeit. Im Yemen trifft man sich mit einem
Plastiksackerl unterm Arm in einem unmöblierten Kellerzimmer.
Der Raum ist mit Teppichen ausgelegt und rundherum bieten sich
Kissen zum gemütlichen Knotzen an. Im Plastiksackerl bringt man
seinen Quat mit, jenes leichte Rauschmittel, ohne das im Yemen
nichts geht. Der Inbegriff von Geselligkeit ist nun, daß jeder
die kleinen, grünen Blätter der Quatpflanze rupft und in seiner
Backe unterbringt und solcherart die beruhigenden Inhaltsstoffe
aktiviert. Dazu trinkt man Wasser, raucht Marlboro und plaudert
oder musizert und tanzt. Langsam fühlt man sich ein wenig
gelassener und nach zwei, drei Stunden fragen wir uns, ob dieses
Quat denn irgendeine Wirkung habe. Ausnahmslos alle unserer
Reisegruppe versuchen diese Frage zu beantworten, kein einziger
scheint aber in den beiden angenehmen abendlichen
"Quatsitzungen" in Menacha herausfinden können, was
die Yemeniten an diesem "Blattgemüse" so lieben.
Zurück bleiben bei einigen ungeübten Wiener Wiederkäuern wunde
Wangen...

Menacha ist der Ausgangsort für Wanderungen durch die
wunderbare Terassenlandschaft. Außerdem sind hier die Dörfer
aus Verteidigungsgründen in extremis angelegt: nur hoch oben,
auf den höchsten Felsen, über den tiefsten Abgründen fühlt
man sich sicher vor rivaliserenden Stämmen, vor der Blutrache,
vor fremden Eindringlingen, die den fruchtbaren Boden streitig
machen wollen. Uns ist es recht, denn die Häuser heben sich
spektakulär vom tiefblauen Himmel ab und liegen wie Inseln über
dem Wolkenmeer, das sich jeden Nachmittag vom schwülen Tiefland
die Berghänge hinaufschiebt. Der durchaus anspruchsvolle Fußweg
führt vorbei an vielen brachliegenden Terassen und einigen
Quatplantagen (rund drei Meter hohe, zarte Bäumchen),
Kaffeeplantagen gibt es im Ursprungsland des "Mocca"
nur mehr ganz wenige, stellen wir fest.

Nach der körperlichen Anstrengung ist wieder ein Fahrtag am
Programm. Die Etappe ist lang, gewaltiger noch sind die
geographischen und historischen Merkmale: von 2500m geht’s
hinunter ans Rote Meer und schließlich wieder auf 1000m Seehöhe
nach Taizz. Die Straße führt uns über den Weg, den die Osmanen
nahmen, um den Yemen im 16. Jh. zu besetzten. Die Tiefebene am
Roten Meer, die Tihama, ist das Gebiet, in der sich die
Ausbreitung des Islam in frühester Zeit vollzog. Das Städtchen
Zabid war zur letzten Jahrtausendwende daher eines der Zentren
der islamischen Geisteswelt. Für uns alle tut sich im
feuchtheißen Klima dieses Tieflandes, das eine halbwüstenartige
Vegetation aufweist, eine neue Welt auf: Der afrikanische
Einfluß ist aus den Gesichtszügen der Menschen ebenso
herauszulesen wie aus der einfachen runden Bauweise vieler
Häuser. Als wir nach einem Badestop am Roten Meer der Küste
entlang fahren, besuchen wir ein Dorf, daß allen Vorstellungen
eines Ortes in der westafrikanischen Sahelzone entspricht....
Bemerkenswert ist zweifellos, daß die Verschmutzung der
Landschaft in der Küstenregion jeder Beschreibung spottet. Es
gibt keinen Grashalm, auf dem nicht ein Plastiksackerl im recht
heftigen Wind weht. Man meint, alle Plastikflaschen der Welt
seien in diesem Gebiet deponiert worden. Garniert wird die
gelb-rot-blau-weiße Mischung durch Cola-Dosen, die - noch -
spärlicher gesät sind. Umweltbewußtsein ist in diesem Land ein
unbekanntes Wort.

Die interessante Fahrt führt uns vorbei an Sicheldünen, aber
auch direkt am Strand entlang, wo Fischer gerade ihre Netze mit
dem frischen Fang einsammeln. Hier im Sand zeigen sich auch erste
Unterschiede beim Talent unserer Fahrer - dazu werden wir noch
später kommen. Aus Zeitgründen verzichten wir auf einen Besuch
der Stadt Mocca, denn außer einigen Ruinen und vielen Moskitos
hat sie eigentlich nichts zu bieten. Die Fahrt in die Berge wird
von einem Stop mitten in der Landschaft unterbrochen. Der
Ratlosigkeit aller folgt die Erleuchtung, als ein dunkelhäutiger
Einheimischer herbeiläuft, und einige Flaschen Wodka bringt:
Schmuggelgut aus Djibuti! Unsere Fahrer und allen voran der Guide
wollen ein paar extra-Rial verdienen. Ein Lenkradkünstler
erklärt in gebrochene Englisch, daß man in Sana’a rund
500% Gewinn erzielen kann. Offenbar besteht auch in diesem
tiefreligiösen Land eine Nachfrage nach dem verbotenen Alkohol.
Erst nach dem letzten Sonnenstrahl erreichen wir unser Hotel in
Taizz. Diesmal verbringen wir zwei Nächte in dem sauberen, aber
gesichtslosen Touristenhotel "Asia" und statt
schmackhafter Lokalkost gibt es Hendl mit Pommes Frites.

Die Nacht hat es gut mit uns gemeint, denn so sahen wir bei
der Ankunft noch nicht den Moloch, in den wir geraten waren.
Taizz ist die Stadt, die seit jeher den Weg ins Hochland
kontrollierte. Die Bedeutung ging in diesem Jahrhundert verloren,
und mit der Errichtung der kommunistischen Volksrepublik im
Südyemen und deren dicht verschlossenen Grenzen war Taizz in den
toten Winkel des Landes gerutscht. Seit 1990 ist der Yemen zu
einem Land vereint und Taizz liegt strategisch nunmehr äußerst
günstig. Wo vor einem Jahrzehnt 30.000 Menschen lebten, hausen
nunmehr 100.000, Tendenz steigend. Der Ort gerät aus allen Fugen
und uns wird der Begriff "unkontrolliertes Wachstum"
drastisch vor Augen geführt.

Ein angenehmer Kontrast ist der Besuch der historischen Stadt
Jibblah, die aufgrund der ismaälitischen Königin Adwa zur
Jahrtausendwende Bedeutung erlangt hatte und in der noch einige
schöne Moscheen zu finden sind. Unterwegs besuchten wir auch
noch eine Moschee, die in ihrem Ursprung noch zu Lebzeiten
Mohammeds errichtet worden ist und zu den drei ältesten
islamischen Gotteshäusern zählt.

Der Nachmittag am Suq von Taizz führt uns neue Facetten des
arabischen Lebens vor Augen. Manch einer von uns erhandelt hier
seine Souvenirs und erlangt dabei ein Diplom in geschicktem
Handeln. Andererseits äußert ein Einheimischer lautstark seinen
Unmut über rauchende Ausländer (in der Zeit des Ramadan eine
Provokation der Fastenden). Ein noch lauterer Wortschwall
ergießt sich - völlig zurecht ob unserer Gedankenlosigkeit -
über uns, als wir frischgemachte Gemüseläibchen knapp vor
Sonnenuntergang verkosten wollen. Hier spüren wir den Ansatz von
"Fundamentalismus" an der eigenen Haut! Uns
wohlgesonnene Yemeniten bringen die Eiferer aber bald wieder zur
Ruhe. Wir entschuldigen uns, streifen noch ein wenig durch den
Bazar - der als "Zusatzstrafe" zum Getümmel noch
aufgegraben ist - und verabschieden uns zum Nachtmahl ins Hotel.

Die letzten Tage mit ihren vielfältigen Erlebnissen haben bei
jung und alt ihre Spuren hinterlassen. Beim abendlichen
Gedankenaustausch ist ein bischen von der Beklommenheit zu
spüren, die die Menschenmengen auslösen. Unverständnis für
die Müllmassen im ganzen Land wird laut und auch das
überwältigende Gefühl, soviel fremde Kultur in so kurzer Zeit
inhalieren zu dürfen (oder müssen), wird besprochen. Die
Referate, die - der "Schulveranstaltung" entsprechend -
eigentlich zu verschiedenen Themenkreisen vorbereitet hätten
werden sollen, fallen der allgemeinen Erschöpfung zum Opfer.

Unser Zeitplan meint es nicht gut mit uns, denn die zweite
Nacht in Taizz ist wieder äußerst kurz. Um fünf Uhr - wie
immer pünktlich - sind wir "on the road again". Bald
haben wir die ehemalige Grenze der beiden Yemen hinter uns
gelassen und durch eine eindrückliche Vulkanlandschaft geht es
südwärts, dem arabischen Meer und der Hafenstadt Aden entgegen.
Kanpp nach acht erreichen wir die Vororte der alten englischen
Kolonialsiedlung. Da Hassan meint, auf keinen Fall in die Stadt
zu fahren, wir dies aber unbedingt wollen, versucht er uns zu
überlisten. Paul, mit ausgezeichneten Fliegerkarten
ausgerüstet, erkennt die Umfahrungsstraße aber als solche und
bringt die Fahrzeugkolonne nach der Abzweigung zum stehen:
Fahrzeugkolonne ist gut: von den vier Toyotas fehlen zwei! Die
beiden Landcruiser mit den nicht englischsprechenden Fahrern, die
auch in der "Hackordnung" unten sind, und daher am
Schluß bleiben müssen, konnten das Tempo der beiden
routinierteren Chauffeure nicht mithalten. Aber wo sind sie
mitsamt ihren Passagieren nun? Reifenpanne unterwegs? Haben sie
die Abzweigung nicht gesehen? Was ist passiert? Fahrer Achmed mit
Co-Driver Giovannini nehmen die Suche auf und endlich können wir
den dauernden Checkpoints der Armee etwas positives abgewinnen:
Ein schwerbewaffneter Soldat versichert, daß die beiden Autos
knapp nach uns die Sperre passiert haben. Und wo sind sie jetzt?

Aden hat keine 500.000 Einwohner. Außerdem ist die Stadt von
den Engländer übersichtlich angelegt worden und der
sozialistische Wohnbau hat auch keine engen Gassen wie in
Sana’as Altstadt aufkommen lassen. Also beste Aussichten,
zwei verlorengegangene Fahrzeuge rasch wiederzufinden! Die beiden
wiener Reiseleiter überzeugen den yemenitischen Artgenossen,
doch in die Stadt zu fahren, wahrscheinlich würden unsere
Reisegefährten am Hauptplatz warten. Vorsorglich hatte man sich
keinen Treffpunkt ausgemacht, um die aufkommende Spannung nicht
zu gefährden. Immerhin gelangt somit zumindest die Hälfte
unserer Gruppe in den Genuß einer Stadtrundfahrt durch das
unattraktive Aden. Und siehe da: am Ortsausgang stehen zwei
Landcruiser, umgeben von acht Bleichgesichtern mit ziemlich
gelangweiltem Gesichtsausdruck. Fazit: Über eine Stunde gewartet
und noch sechshundert Kilometer Asphaltband vor uns. Irgendwie
hat sich die Beziehung zu unserem yemenitischen Führer von da an
nicht wirklich gebessert...

Kaum haben wir den Großraum Aden und damit die
Platiksackerlflut hinter uns gelassen, befinden wir uns in einer
Wunderwelt, die der Vulkanismus geschaffen hat. Erstarrte
Lavaströme, Hügel in verschiedenen Farben und in wundersamen
Formen. Dazwischen begegnen wir somalischen Flüchtlingen, die um
einen Hungerlohn auf yemenitischen Fischerbooten arbeiten und
weder Paß noch Geld besitzen. Diese und hunderte andere Somalis
vegetieren in einem Wellblech-Flüchtlingslager unter der
unbarmherzigen Sonne der arabischen Wüste. Auch wenn wir nur
daran vorbeifahren, hier erleben wir Not pur - und dennoch
lachende Gesichter, hoffnungsfroh.

Wir bewegen uns nun in einem Gebiet, das eigentlich nie
wirklich eine Zentralregierung anerkannt hat. Weder die
englischen Kolonialherren, noch die Marxisten, die die Briten aus
Aden vertrieben haben, konnten im Osten des Landes wirklich Fuß
fassen. Als Zeichen dieser Konflikte fahren wir durch Gebiete,
die bis heute vermint sind und passieren strategische Nadelöhre,
an denen ausgebrannte Panzer wie Mahnmale ihre Rohre gegen die
Hauptstadt richten.

Langsam ändert sich die Architektur und die Lehmhäuser
nehmen in den Dörfern überhand. In dieser Gegend regnet es so
gut wie nie und Stein und Holz sind Mangelware, sodaß Lehmziegel
als geeignetes Baumaterial übrigbleiben. In einem dieser für
unsere Begriffe trostlosen Dörfer bleiben wir stehen und sehen
dem Spiel der Kinder zu. Eine besonders auffallende Erscheinung
ist ein neues, weißgetünchtes Haus und ein goldfarbener
Mercedes. Beides sind Statussymbole, die darauf hinweisen, daß
ein Familienmitglied in Saudi-Arabien als Gastarbeiter tätig ist
und gutes Geld in die Heimat überweist. Yemens Wirtschaft ist zu
einem Teil auf diese Einkünfte angewiesen!

Der Tag wird lang, die Etappe ist noch immer nicht zu Ende.
Immerhin ist die Straße bis auf ein kürzeres Teilstück in
überraschend gutem Zustand - allein die Schwellen, die oft
völlig sinnlos quer über die Straße betoniert worden sind,
ziehen Fahrern wie Touristen den Nerv. Mit Habban erreichen wir
erstmals eine Stadt, die die sagenumwobenen Lehmhochhäuser
aufweist und außerdem über eine lange Silberschmiedetradition
verfügt hat - bis die jüdische Bevölkerung, Trägerin dieser
Kunst, nach Israel ausgewandert ist. Ob es immer noch Silber gibt
wissen wir nicht, denn mehr als ein kurzer Blick auf die Stadt
ist nach einem sorgenvollen Blick auf die Uhr nicht möglich.
Dennoch erreichen wir unser Tagesziel, die Bucht von Bir Ali,
erst eine Stunde nach Sonnenuntergang. In der Finsternis - es ist
Neumond - stellen wir unsere Zelte auf, immerhin erleichtern
Autoscheinwerfer die ungewohnte Tätigkeit. Trotz der
anstrengenden Fahrt und der großen Hitze ist die Stimmung
ausgezeichnet, denn der Abend, der mit einem nicht
erwähnenswerten Dinner von Brot und Yoghurt begonnen hat, klingt
mit launigen Gesängen aus jugendlichen Kehlen entspannt aus.
Allein der nächste Morgen ist dem Faulenzen gewidmet, denn die
Abfahrt ist erst mit neun Uhr angesetzt. Zeit genug also, um
langsam aus dem Zelt zu kriechen, die Badehose anzulegen und im
lauwarmen, glasklaren Wasser des Indischen Ozeans einen
Morgen-Swim einzulegen. Fast wie im Club-Urlaub! Einige
Tollkühne besteigen einen Felsen, auf dem einst die Hafenstadt
Qana erbaut war - sie war der Ausgangspunkt der Weihrauchstraße,
die dem südlichen Arabien ihren Reichtum gebracht hat - so auch
dem Wadi Hadramaut, dem längsten Trockental Arabiens und unser
nächstes Tagesziel.

Zunächst fahren wir bei leicht bewölktem Himmel einer
außergewöhnlichen Küstenlandschaft entlang: Zwischen
erloschenen Vulkankegeln haben sich goldgelbe oder
strahlendweiße Sandbuchten ausgebreitet und einer der Vulkane
beherbert in seinem Inneren sogar einen Süßwassersee - einige
Meter über dem Meeresspielel, direkt am Strand - ein kurioser
Anblick! Kurz bevor wir wieder ins Landesinnere abbiegen,
gelangen wir in die Hafenstadt Mukalla. Sie bleibt nur deshalb in
unserer Erinnerung, weil wir zur Mittagszeit einen unserer Fahrer
vermissen. Aber als gläubiger Moslem ist er der Aufforderung zum
Freitagsgebet nachgekommen und dies muß auch der ungläubigste
Tourist zur Kenntnis nehmen: Der Glaube hat im Yemen Vorrang!

Schon bald ist die heiße, trockene, sandige Küstenebene tief
unter uns und wir erklimmen den Dschol, eine heiße, trockene,
steinige Hochebene rund 1000m über dem Meeresspiegel. So
unwirtlich ist die Gegend, daß das rund 300km landeinwärts
liegende Wadi Hadramaut bis vor kurzem nur mit großen Mühen per
Karawane zu erreichen war. Mit den letzten Sonnenstrahlen geht es
hinunter ins Wadi und man möchte sagen "wie immer"
nach Sonnenuntergang erreichen wir unser Quartier, den
Sultanspalast von Tarim. Der Name verspricht mehr, als das alte,
einfache Hotel zu halten vermag, aber wir sind in einer Gegend,
in der der Tourismus in den Kinderschihen steckt. Hin und wieder
fällt der Strom aus, aber es gibt immer kaltes Wasser für eine
angenehme Dusche. Weniger angenehm sind die Gelsen, die uns
während der Nacht bearbeiten. Den nächsten Morgen beginnen wir
mit einem Ausflug auf das Dach des desolaten Palastes. Ein
wunderbarer Blick über ausgedehnte Dattelpalmenhaine und auf
eine in der Morgensonne erstrahlende Ortschaft Tarim, die an die
steil abfallende Felswand des Tales geschmiegt ist, entschädigt
für die völlig durchgelegenen Betten. Angesichts unseres
begrenzten Zeitvorrates verzichten wir auf Museumsbesuche und
konzentrieren uns auf die lebendige Geschichte: das Treiben in
den Ortschaften, auf den Märkten, die morgendliche Arbeit auf
den Feldern und die Stadt Shibam, die ein bewohntes Museum
darstellt, sind Tagesprogramm genug.

Shibam ist der bekannteste Ort im Hadramaut und führt den
Beinamen "Manhattan der Wüste". Hier wurde die Kunst
der Lehmarchitektur zur Vollendung gebracht und ohne gebrannte
Ziegel oder Steine Hochhäuser mit mehr als sechs Stockwerken
errichtet. Um für einen stets denkbaren Regenguß vorbereitet zu
sein, wurden die rund fünfhundert Häuser des noch intakten
Stadtensembles mit weißem Gipsguß überzogen, was für das Auge
einen weiteren Reiz darstellt. Das "Tüpfchen auf dem
i" sind die feinen Verzierungen rund um die Fenster und die
fein geschnitzten hölzernen Fensterläden. Was aus der Distanz
ein Kunstwerk ist, wird bei näherem Betrachten ein Moloch und
nur mehr die Armen leben in diesen Lehmhäusern, deren
Bausubstanz oft schon im argen liegt. Der unvermeidliche Müll in
den engen, dunklen Gassen trägt zum morbiden Eindruck bei...

Rehabilitiert wird dieser von der UNESCO zum
"Welterbe" erklärte Ort erst, wenn man wieder Abstand
gewinnt, die Steilwand des Wadi erklimmt und so zu einem Blick
aus der Vogelperspektive gelangt. Aus der Distanz werden die eng
aneinander geschmiegten Lehmhäuser wieder ein Gesamtkunstwerk.
Da Turnlehrer und Jungsportler manchmal über einen längeren
Atem verfügen, oder vielleicht einfach neugieriger sind als
andere, wagen sich die beiden Reiseleiter mit zwei Begleitern
hoch in die Wände des Wadi. Während also ein Dutzend ziemlich
müder Gestalten im schattigen Garten des Shibam Guest House Tee
schlürft und einen Hit aus dem Musical Grease neu textet
(eh’ klar, den mit dem Refrain "shibam,
shibam...") hocken vier faszinierte Wiener auf den Felsen
und warten auf den Sonnenuntergang, der die Lehmhäuser in ein
warmes Abendlicht hüllen möge. Wie es das Schicksal so
inszeniert, verzieht sich die Sonne aber sang- und klanglos
hinter einer nebelartigen Staubwolke. Dennoch ist die Ruhe, der
Ausblick über das grüne Tal und das Gefühl der Weite rundherum
unbeschreiblich und als Heilmittel für alle Hektiker wärmstens
zu empfehlen.

Die vier späten Rückkehrer werden schief betrachtet,
immerhin mußten alle anderen eine Stunde warten! Daß die Nerven
ein bischen strapaziert sind, ist verständlich: Wir sind alle
schon ein bischen aufgeregt: erst nach Telefonaten mit der
Reiseagentur in Sana’a und Rückfragen bei Polizei und
anderen Stellen wird die Frage beantwortet:: ist es uns nun
möglich, das "Leere Viertel", wie dieser Teil der
Arabischen Wüste genannt wird, zu durchqueren? Die erfreuliche
Antwort lautet schließlich "ja, aber ohne Übernachtung und
am dirketen Weg !" Da großes Aufsehen darum gemacht wird,
wir sogar einen eigenen Beduinenführer zugewiesen bekommen,
müssen wir annehmen, eine anstrengende Wüstenfahrerei werde auf
uns zukommen. Tagwache ist wieder einmal um vier Uhr, es heißt
also früh ins Bett, damit genug Kraft zum Autoschieben gesammelt
werden kann!

Wie vereinbart wartet der Beduine an der Kreuzung auf uns. Er
steigt nicht zu uns ins Fahrzeug, er hat auch kein Kamel zur
Hand, nein, er besteigt einen Toyota Landcruiser der jüngsten
Generation, speziell für die Sandwüste ausgerüstet. Damit
führt er uns an ein paar Beduinenzelten vorbei gleich die erste
Düne hinauf. Drei unserer Autos schaffen es hinauf, eines
verreckt. Schon bald stellt sich heraus, daß dem Geländewagen
der Vierradantrieb abhanden gekommen ist! Mit Schieben, aber vor
allem dank dem Geschick des Beduinenführers kommt auch dieses
Auto den Hang hinauf. Bei der zweiten Düne das gleiche Bild. Man
wird unruhig. Wenn das so weitergeht, sind wir erst übermorgen
in Marib! Irgendein Scherzbold stimmt im Hintergrund
"unser" Lied an: "Schieb an, Schieb an..."
meine ich zu vernehmen. Die dritte Düne schaffen alle Fahrzeuge.
Aber am Kamm ist für unser spezielles Vehikel Sendepause: Motor
streikt! Der ersten Fehldiagnose "Batterie leer" folgt
allgemeine Ratlosigkeit, ehe der Einbau eines neuen
Verteilerfingers gepaart mit dem Kunststück, den Landcruiser am
Sand anzuschleppen, Erfolg bringt. Entgegen unseren
Befürchtungen, daß es noch sandiger werde, fetzen wir mit rund
100km/h über eine brettebene Schotterwüste. Bei einer einzelnen
Düne, die man im Staub des Vordermannes leicht übersieht, hebt
eines der Fahrzeuge ab, landet aber wohlbehalten wieder auf den
Rädern. Die Insassen tragen Beulen am Hinterkopf davon... So
eine richtige Sandwüste durchqueren wir zwar nicht, aber die
endlose, menschenleere Weite verfehlt ihre Wirkung trotzdem
nicht. Nach fünf Stunden Fahrzeit kommt eine hochmoderne
Raffinierie in Sicht, der Wohlstand der hier ansäßigen Beduinen
ist damit erklärbar: in dieser Wüste lagern reiche
Rohölvorkommen! Die letzten Kilometer ins Tagesziel Marib legen
wir auf ausgezeichneter Teerstraße zurück - Kontrastprogramm.

Unsere ursprüngliche Idee, in der Wüste zu übernachten,
können wir wegen der unsicheren Situation mit den Beduinen nicht
verwirklichen. Nach der langen, heißen und sehr staubigen Tour
ist die Mehrheit der Wüstenfahrer aber gar nicht unglücklich,
den Abend mit einer genußvollen Dusche beginnen zu können. Um
die Dramatik des Tages noch etwas zu erhöhen, versucht ein Teil
der Gruppe neue Wege vom kleinen Markt Maribs zum Hotel zu finden
und verlängert den fünfzehn minütigen Hinweg zu einer
eineinhalb stündigen Odysee ins Hotel zurück. Man langt
erschöpft, aber rechtzeitig zum Abendessen ein.

Der letzte Tag im Yemen ist zunächst der Besichtigung einiger
historischer Bauten um Marib gewidmet. Vom antiken Staudamm, rund
2500 Jahre alt, ist nur mehr das Süd- und Nordende mit Schleusen
erhalten. Dennoch gibt dies einen Eindruck von der Mächtigkeit
des einstigen Bauwerks. Weniger eindrücklich sind die Überreste
verschiedener Tempel, die nach Ausgrabungen schon wieder vom
Wüstensand reklamiert werden. Rund 100 Kilometer entfernt liegen
die Ruinen von Baraquisch, ein Stadtgebiet, auf dem für rund
3000 Jahre ununterbrochen Menschen lebten. Erst der Bürgerkrieg,
der in den 60-er Jahren einen republikanischen Nordyemen
entstehen hat lassen, vertrieb die letzten Bewohner der
Ortschaft. Diese erklärten Anhänger der religiösen Monarchie
wurden wiederholt bombardiert...Vielleicht weil die alten Steine
nicht so faszinierend wie Land und Leute sind, vielleicht aber
auch, weil die Müdigkeit und die Menge der Erlebnisse
erdrückend sind, läßt die Aufmerksamkeit der Reiseteilnehmer
merklich nach. Die abschließende dreistündige Fahrt zurück in
die Landeshauptstadt verbringen die meisten im Reich der Träume.

Immerhin kommen daher alle mit nochmals geladenen Batterien zu
unserem Hotel, wo uns bis zum Abflug drei Zimmer zur Verfügung
stehen. Kaum ist das Gepäck deponiert, geht es schon los: ein
letzter Besuch in der Altstadt ist angesagt! Wir bewundern
nochmals die zum Hadramaut so gegensätzliche Steinbauweise und
versickern dann in den Weiten des Bazars.Wir arbeiten uns durch
die Viertel der Tischler, Schuster, Werkzeugmacher und Schmiede,
gelangen an den Platz, wo die Jambijahs, die traditionellen
Krummdolche, hergestellt und feilgeboten werden. Herrliches
Abendlicht läßt die bunten Farben des Zuckerlstandls ebenso
erleuchten wie die roten oder weißen Kopftücher der Männer.
Selbst die schwarzen, wallenden Gewänder der Frauen sehen in
diesem Licht nicht ganz so erschreckend aus. (Dennoch sieht man
unseren Reiseteilnehmerinnen immer wieder an, daß sie froh sind,
in eine andere Welt hineingeboren worden zu sein). Besonders
reges Treiben herrscht am Quatmarkt. Gegen Abend holen sich auch
die Fastenden ihre Ration, die sie nach Sonnenuntergang
genüßlich kauen werden. Soeben ist wieder eine frische Ladung
eingetroffen. Sie wird fachkundig geprüft und findet in einer
Menschentraube, jung und alt vereint, reißenden Absatz.
Stundenlang könnte man ganz still in einer Ecke sitzen und
diesem fremden Leben zusehen....

Leider nähert sich der Zeitpunkt unserer Abreise mit
Riesenschritten und nach den letzten Einkäufen wie Kaffee,
Gewürzen oder gar einer Wasserpfeife haben wir nur mehr eine
letzte Mahlzeit, allerdings ein yemenitisches Festmahl, vor uns.
Nach gewissen Schwierigkeiten, die Lokalität zu finden, werden
wir freundlich empfangen und reichlich gedeckte Tische zeigen
noch einmal auf, daß Yemeniten zu kochen verstehen...

-Peter Giovannini-

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Saturday, 10. January 2009

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