Traveller Club Austria

ARABIA FELIX...

Rubriken: Tipp - Reiseziele: Jemen

...also "glückliches Arabien", wie
man den Jemen seit alters her nennt, scheint mir für dieses
interessante Land am Südwestzipfel der arabischen Halbinsel eine
nicht mehr ganz zutreffende Bezeichnung zu sein; zumindest zur
Zeit. Von Allah mit dem "schwarzen Gold", also dem
Erdöl, im Vergleich zu den osmanischen und saudischen Nachbarn
ohnehin nur stiefväterlich bedacht, wurde die Volkswirtschaft
des Jemen Anfang der neunziger Jahre noch zusätzlich schwerstens
angeschlagen. Kaum war nämlich die Vereinigung des
fundamentalistischen Nordens mit dem total bankrotten
marxistischen Süden am 22. Mai 1990 zwar über die Bühne
gebracht, aber noch nicht verdaut, gab es mit dem Rausschmiß
sämtlicher jemenitischer Gastarbeiter aus Saudi-Arabien das
nächste Desaster: Abruptes Ende der Geldüberweisungen, dafür
von heut auf morgen eine Armee arbeitsloser Männer mehr im
Lande! - Was war passiert? Ist man vielleicht überfallsartig in
die 1934 von den Saudis okkupierten Nordprovinzen eingefallen
oder haben die streng muslimischen Jemeniten am Ende plötzlich
gar den Propheten Muhammad - Friede sei mit ihm - geleugnet?
Nein, noch viel Schlimmeres: Der Jemen hatte sich im damaligen
Kuwait-Konflikt zwar dem UNO-Embargo gegen den Irak halbherzig
gebeugt, allerdings die weitere Vorgangsweise der Amerikaner in
bezug auf Saddam halt nicht gerade euphorisch goutiert. Und das
mißfiel wieder deren Satrapen in Riad ein wenig, so daß diese,
in echt panarabischer Solidarität, statt den bisherigen
Rial-Millionen nun eine Million zusätzlicher Esser in den Jemen
zurückschickten. Der dann folgende Bürgerkrieg 1994 - fast
schon Tradition in diesem Lande! - bedeutete nicht nur etwa
15.000 Opfer, sondern auch weitere starke Kopfschmerzen für den
Finanzminister, der sich und seinen nun neuerlich vereinigten
Staat jetzt bloß noch mit einer 50%igen Geldentwertung über die
Runden zu bringen vermochte. Zumal, sozusagen zum Drüberstreuen,
auch immer mehr jemenitische Juden - von ihrer Paria-Rolle in
Israel frustriert - dem Heiligen Land den Rücken kehren und in
die alte Heimat zurückwandern. Und da mit Kaffee, Weihrauch und
Myrrhe sowie den paar Karawansereien heute kaum noch Geschäfte
zu machen sind - sie begründeten einst den Wohlstand des
sabäischen Reiches und machten dieses damit "felix" -,
hatte man sich eben am Bab al-Mandab (nicht umsonst heißt das
"Tor der Tränen") wohl oder übel langsam um eine
lukrativere Einnahmequelle umzusehen. Also setzten die ehemaligen
Scheichs verstärkt auf Tourismus, wo ja noch dazu der
aufmüpfige kleine Bruder aus dem Süden nun wieder inniger an
die Brust genommen war und dessen lange verschlossenen und
deshalb besonders attraktiven Wadis und Paläste jetzt
zusätzlich einem erlebnishungrigen und vor allem
zahlungskräftigen Publikum offeriert werden konnten. Mit einigem
Erfolg immerhin, denn die Dollares und D-Märker aus diesem
Business sind mittlerweile bereits zu den zweithöchsten
Deviseneinnahmen des "kleinen Landes" (der immerhin
etwa sechs- bis siebenfachen Größe Österreichs - so ganz genau
weiß man's nicht) avanciert. Daß natürlich auch diese goldene
Medaille ihren weniger schönen Revers hat, liegt auf der Hand:
Die romantischen Dörfer und Städtchen, in denen der Autor bei
seiner ersten Visite vor etlichen Jahren noch Tausendundeine
Nacht erleben durfte, sind heute teilweise zu Parkplätzen von
Tourist-cars degeneriert, wo laut durcheinanderschnatternde
Japsen, geliftete Omas aus Oklahoma und sonstige Zombies
fiebrig-penetrant filmend die Linsen ihrer Kameras fast bis in
die Nasenlöcher der Einheimischen stecken. Diese wiederum
revanchieren sich dafür postwendend und bereits multilingual mit
einem Angebot beinahe echter "Antiquitäten" und
sonstigem Ramsch aus der nächsten Souvenir-Schmiede ums Eck. Und
nehmen's vor allem gelassen und freundlich, weil
"eingekaut" - und zwar mit Qat, dem lokalen Narkotikum
aus den Blättern des Catha-edulis-Strauches, der mittlerweile
bereits etwa zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche
des Jemen bedeckt. Unsereinem wird davon lediglich der Mund taub,
sonst spürt man vorerst keine Wirkung - außer man war vorher
hungrig. Was aber ein gestandener Jemeni ist, kommt an der
täglichen Qat-Ration kaum vorbei und investiert dafür oft bis
zur Hälfte seines Monatseinkommens; eine weitere
volkswirtschaftliche Zeitbombe.

Otto Normalverbraucher betritt das Land heute
zumeist auf dem Airport von Sana'a, der "Stadt, die Allah
liebt" - und zwar trotz der Unmengen an still vor sich
herumliegenden bunten Plastiksäckchen, Dosen, Wasserflaschen und
Autoreifen, in denen sich gleich einmal mühelos auch seltene
Einzelstücke für die persönliche Andenkensammlung akquirieren
lassen. Nach andächtigem Lauschen des ersten Gebetsrufes, bei
dem der Muezzin ob der Tücke moderner Technik meist mittendrin
langsam die Stimme verliert, fühlt man sich zu einem Glas
"Tschai" (bereits mit dem praktischen
Rückholbändchen) dann schon richtig orientalisch. Noch dazu, wo
doch die Altstadt mit ihren 6000 weiß verzierten und
alabasterfenstergeschmückten Wohntürmen unlängst von der
UNESCO sogar zum Welterbe der Menschheit erklärt wurde! - Man
sollte aber unbedingt auch ein wenig ins Land hinaus fahren. Das
kann man hier, auf dem "Dach Arabiens" (da gibt's Berge
von über 3000 Metern!), nämlich sogar mit der häßlichsten
Begleiterin riskieren, sofern sich diese mit dem schwarzen
Schleier der Landestracht entsprechend anpaßt. Außerdem
besitzen auch etliche Provinzhotels bereits Bad, Klimaanlage,
Telefon, Radio, Fernseher oder Kühlschrank - und eines dieser
Geräte funktioniert immer.

In Ma'rib zum Beispiel, einst wegen seines
Staudammes aus dem achten vorchristlichen Jahrhundert in der Welt
der Antike zu Berühmtheit gelangt, gibt es im örtlichen
"Hotel Zwei Paradiese" (made by DDR) sogar einen
Swimming-pool - allerdings ohne Wasser. Das ist dafür in einem
Stausee drinnen; aber keiner weiß wieder so recht warum. Es wird
nämlich weder zur Stromerzeugung noch zur Bewässerung von
Feldern genützt. Aber wieso hat denn der reiche Onkel Zaid aus
den Emiraten nicht auch gleich die nötigen Anlagen dazu
installieren lassen, nachdem er schon den neuen Damm finanziert
hat? An den noch erhaltenen Schleusentoren des alten ist
ebenfalls einiges zu sehen. Unter anderem eine Steininschrift
"Alfred from Austria was here". Echt super, Fredl!

Manch ganz Verwegener, der sich dann von Ma'rib
aus ohne Konvoi durchs "Empty quarter" der
Rub-al-Khali-Wüste wagte, ist dort auch schon mit einer
spezifischen Form jemenitischer Gastfreundschaft, etwa einer
Entführung, konfrontiert worden: Der Gekidnappte gilt nämlich
als "eingeladen" und wird nach seiner Freilassung - und
das kann schon mal nach einigen Tagen sein - vom jeweiligen
Beduinenstamm auch noch beschenkt. Womit, kommt meist auf die
Erfüllung der Forderungen durch die staatliche Administration
an. Eher selten aber wahrscheinlich mit einem jener
"Kalaschnikows", die hier fast jeder martialisch
umhängen hat. Obwohl doch dieser populäre Maschinenkarabiner
bereits schon um schlanke 3000 Schilling beinahe überall frei zu
kaufen ist; so wie bei uns halt ein Baseballschläger oder sowas.

Hat man die etwa 500 übrigens landschaftlich
phantastischen Wüstenkilometer im sogenannten "Leeren
Viertel" - al hamdulillah, also Gott sei Dank -
heruntergebogen, sich vor Sonnenaufgang einen abgefroren (ein
Schlafsackhersteller hat mit einer Klage zu rechnen!), auf der
zerfurchten Piste zwei, drei Cuts oder zumindest Beulen
eingefangen und das Auto wenigstens einmal aus dem mehligen
Treibsand gebuddelt, ist dann auch schon die ehemalige
"Weihrauchstraße" erreicht, die ihrerseits wieder die
Fortsetzung der wohl etwas bekannteren "Seidenstraße"
war. Und damit auch das "finstere, geheimnisvolle Wadi
Hadramaut", auf das mir der Karl May bereits in jungen
Jahren lange Zähne gemacht hat: Tarim z. B. mit seinen 354
Moscheen (für jeden Tag des islamischen Jahres eine - Allah mag
hier keine halben Sachen!) oder Shibam, wegen seiner 300 Jahre
alten sechsstöckigen Hochhäuser das "Manhattan der
Wüste" genannt und wohl auch deshalb ebenfalls unter den
Schutz der UNO gestellt. In Seyun wiederum haust ein mächtiger
Sultanspalast, vor dessen eisenbewehrtem Tor ein mürrischer
Wächter auf die Eintrittskarten das Datum von vorgestern
stempelt. Er spricht nicht viel, und wenn, dann merkbar nicht
gern. Zum Unterschied vom Souvenir-Tandler daneben, der seine
gefixelten Silberketten bereits in holprigem Plattdeutsch
gestenreich an den (meist zahlenden) Mann zu bringen versucht -
"alles k'lar?". Ansonsten gibt man sich auch hier noch
traditionell, also kämpferisch: Ich gegen meinen Bruder; ich und
mein Bruder gegen unseren Cousin; ich, mein Bruder und unser
Cousin gegen den Rest der Welt. - Dafür tragen im Süden Hüte
bloß die Frauen. Ein öffentlicher Körperkontakt, der als
zärtlich gedeutet werden könnte, ist zwischen ihnen und
Männern hingegen undenkbar. Zwischen Mann und Mann nicht.
Männer schlendern oft eng umschlungen oder händchenhaltend
durch die Gäßchen, weil sie Freunde sind. Niemand käme dabei
auf die Idee, sie könnten mehr als das sein. Denn dies ist erst
recht undenkbar.

Natürlich gäb's über dieses Zauberland
zwischen dem Roten und Arabischen Meer noch vieles zu berichten
(die 12 Millionen jemenitischen Habibis können ja schließlich
auch nicht alle bloß in Sana'a, Ma'rib und dem Hadramaut
wohnen!). Doch dafür reicht diesmal meine Kolumne nicht aus.
Für ein paar Ezzes zum Schluß aber allemal: Falls Sie z. B.
kein eigenes Besteck mitzunehmen gedenken, lernen Sie rechtzeitig
mit den Fingern zu essen - aber, um Gottes willen, bloß mit
denen der rechten Hand! Passionierte Thailand-Urlauber sollten im
Jemen den Girlies besser nicht allzu tief in die Augen schauen
(mehr bekommt man von ihnen ohnehin kaum zu Gesicht). Zumindest
ein männlicher Verwandter ist immer in der Nähe, trägt
bestimmt eine "Djambija", den traditionellen
Krummdolch, vor dem Bauch - und kann damit sicher auch recht gut
umgehen... Als beste Reisezeit gilt allgemein übrigens der
Ramadan; in diesem Fastenmonat wird nämlich prinzipiell kaum
Krieg geführt, weiß Ihr

Heinz K. Prokisch

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Friday, 09. January 2009

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