Im anderen China
Prolog:
Ankunft im Ausland: Ein neuer Flughafen. Ganz so wie es sich für eine Industrienation gehört. Sauber, schmuck und effizient. Belebt und geschäftig, aber nicht chaotisch. Dass eine betagte Dame meinen roten Rucksack davongeschleppt hat, ist ihrer Kurzsichtigkeit zuzuschreiben. Die Gewißheit, dass mein geliebte Kleiderbehältnis nicht zu mehr übers Förderband kommen wird, erlange ich nach zehn Minuten. Es ist leer und steht wieder. Und überhaupt, wenn die Gepäckausgabe nicht gar so schnell begonnen hätte, nämlich noch ehe die Einreiseformalitäten beendet waren, dann hätte die Dame wohl nicht ...
Macht alles nix, jetzt steht mein weinroter Rucksack in der Hotelhalle, ein freundlicher Flughafenangestellter hat ihn mir nachgebracht und erzählt von der Rücktauschaktion der alten Frau.
Ankunft im Inland: Sieben Wochen später, fünf Uhr morgens. Schlaftrunken und einsam. 45 fade Minuten Warten auf meinen weitgereisten roten Rückenbeutel. Weit mehr als genug Zeit, um sich zur Gepäckabholung eine gute Position am Förderband zu sichern....
Teil eins spielt sich in Taipeh, der pulsierenden Hauptstadt eines 20-Millionen Inselstaates ab.. Teil zwei erlebt der Urlaubsheimkehrer zu oft in Wien. Und weil niemand an Wien-Schwechat erinnert werden möchte, berichte ich lieber von Taiwan, diesem erstaunlich anderem China.
Ein flinker kleiner Mann im weißen Hemd mit Stehkragen verbeugt sich und entschwindet rasch durch die große Hotelglastür. Mein Rucksack wieder bei mir! Gottseidank, raus aus der Reisewäsche und rein in die luftige Baumwollhose! Es scheint gerade die Abendsonne durch den Dunstschleier, der wie ein Gradmesser für die Luftfeuchtigkeit wirkt. je schwächer die Sonne, umso näher am nächsten Regen. Und der kommt hier nicht zu selten vor. Je luftiger die Kleidung, umso erträglicher wird die Stadterforschung!
Taipeh ist abgrundhässlich. Und trotzdem sehr interessant. Wild wuchernde Betonplattensiedlungen, deren Verputz unter dem tropischen Klima ergraut und abblättert, soweit das Auge reicht. Das Stadtzentrum besteht aus gerade einem Hochhaus, das von praktisch jedem Winkel der 4-Millionen-Metropole als Bezugspunkt ins Auge fällt - sofern man in den engen Betonschluchten des urbanen Wildwuchses einen freien Blick erheischt... Das Netz von Straßen und Gassen ist dermaßen verwirrend, daß sogar Taxifahrer aus anderen Stadtvierteln sich einen lokalen Verkehrsexperten ins Fahrzeug setzen, um optimal durchs Chaos zu steuern. Rechnet man die permanente Fußgängerlawine dazu, so ist leicht vorstellbar, daß die Stadterkundung für jeden Ausländer eine Herausforderung ist.
Orientiert man sich erst einigermaßen und schlendert durch die Innenstadtviertel, hat man die Platzangst im Griff und läßt man den Augen freien Lauf, so kann Taipeh bald in einem anderen Licht erscheinen. Der wild wuchernde Bau-Kapitalismus und die gigantischen Neon-Reklamen können die chinesische Kultur nicht ganz unterkriegen. Aus irgendeinem Winkel kommt immer eine Anspielung an die Tradition und nicht zu selten biegt der unwissende um ein Eck - und findet sich mitten in einem Tempel wieder.
Verschwitzte Gestalten in weißen Gewändern gebärden sich wie beim Kampfsporttraining. Im Tempel, Kerzenschein, neugierige Zuschauer dichtgedrängt. Ich erkundige mich und schon der erste Einheimische klärt mich mit passablem Englisch auf, daß eine alte buddhistische Sekte hier ihr Ritual abhält. Was nicht häufig geschieht, denn auch die Taiwanesen sehen sich diese Abfolge von Bewegungen, die an Nahkampf erinnern gespannt an. Religionsfreiheit, meint mein Gesprächspartner, zuckt die Achseln und zündet ein paar Geldscheine an, um die Götter milde zu stimmen. Es handelt sich allerdings um "Geistergeld", das man am Eingang jedes Tempels ebenso wie die omnipräsenten Räucherstäbchen als Opfergaben kaufen kann. Nach ein paar Minuten verschwinden die Weißgewandeten aus dem Augenfeld in den Haupttempel. Im Tempel kehrt das Alltagsleben ein.
So unkompliziert und geordnet geht das Leben im Tempel vor sich, es ist klar, daß hier eine lange Tradition besteht. Im Inneren des rotgetünchten Bauwerks liegt ein permanentes, medidatives Gemurmel in der Luft, das durch die Kerzen und den Räucherstäbchenrauch weiter mystifiziert wird. Vor dem Tempel sitzen ein paar Alte auf den überall im Land verbreiteten Plastikklappsesseln und unterhalten sich angeregt. Sie genießen die Quadratmeter freie Sicht nach oben genauso wie ich. Dahinter plätschert ein Wasserfall, man fühlt sich wie in einer Großstadtoase.
Zeit ohne Hektik, zeit, die Menschen zu beobachten. Die Gesichtszüge der Taiwansen sind so vielfältig und unterschiedlich wie im großen China. Irgendwie erscheint das Auftreten der Menschen hier viel freier und natürlicher. Trotz aller Tradition und Konvention - es fehlt die Katastrophe der Kulturrevolution. Auch im dichten Gewühl Taipehs fühlt man sich unter Gleichen, die dem Weißen weder feindlich noch unterwürfig begegnen - schließlich lebt man ja im gleichen kapitalistischen System ...
Verloren fühlt sich der Fremde vielleicht am großen Platz vor der Chiang Kaishek Memorial Halle. Kaum Menschen hier - und Ruhe! Das ändert sich bald, denn ein Haufen Jugendlicher beginnt unter Einsatz lauter Blasmusik und Trommeln für einen Aufmarsch zu Ehren des Staatsgründers zu üben. Immerhin entwickelt sich ein farbenfrohes Spektakel mit vielen bunten Fahnen und Wimpeln vor der imposanten, schneeweißen Gedächtnishalle. Mit dem einsetzenden Regen flüchtet alles, guten Unterschlupf bietet der Wandelgang des Prunkbaus. Mit zwischenzeitlichen Regengüssen rechnet in Taiwan jeder und immer, sie gehören genauso zur Inselcharakteristik wie Taifune.
Die Wunden von den Naturkatastrophen des letzten Jahres sind noch nicht ganz verheilt. So ist die atemberaubende, aus den Felsen gesprengte Straße durch die enge Taroko-Schlucht im Osten des Landes nicht befahrbar. Es bieten sich aber allein in der Umgebung Taipehs einige nette Alternativen an. Einerseits gibt es die einzigartigen Felsformationen rund um Yehliu, garniert mit den Wochendausflüglern, die das Menschengewühl von den Städten einfach verlagern. Ideal zum Studium taiwanesischer Wasserfreuden: wer sich weiter als hüfttief ins Meer wagt, wird das nächste Opfer der Wasserrettung - denn viele Einheimische können nicht schwimmen und bleiben daher lieber in Strandnähe. Je näher man an die bizarren, verwitterten Gesteinsskulpturen herankommt, umso weniger Menschen tummeln sich in den kleinen Buchten. Irgendwann sollte man den Weitermarsch stoppen, wenn man nicht ein Denkmal neben dem bestehenden heruasfordern möchte: Ein Held ertrank hier, als er einen anderen Mann retten wollte, der über die Felsen gefallen war... Die nächste größere Stadt im Osten, Keelung, kann getrost als gigantischer Containerumschlagplatz beschrieben werden. Eine Touristenattraktion der etwas anderen Art...
Auf der Nordwestseite der Insel befindet sich die Stadt Tansui, die mit Taipeh praktisch verwachsen ist. Neben dem absolut faszinierenden Markt - hier spielt sich das Leben so chinesisch ab, wie ich es am Festland nie gesehen habe! - bildet der Fluß Tansui ein Naturwunder der besonderen Art: unglaublich, wie schmutzig ein Gewässer sein kann! Und trotzdem, bei genauem Hinsehen erblickt man Ratten, Krebse und ähnliches ...
In Tansui erhält man auch die kolonialhistorische Erziehung. Das im wesentlichen wenig interessante Fort San Domingo spannt die Brücke von der spanischen Besatzung ab 1624 bis zur Schließung des komplexes als britisches Konsulat 1972.
Epilog:
Eine Tour durch und rund um die Vier-Millionen-Stadt Taipeh kann auch zum Rennen gegen die Zeit werden. Wie eingangs angedeutet, können selbst professionelle Autolenker bei einem Stadtbild, das sich in permanenter Veränderung befindet, die Orientierung verlieren. Die Strecke durch alte Wohngebiete und Industriezonen, rund um den mitten in der Stadt gelegen Inlandsflughafen, entlang der Mülldeponie und zum Grand Hotel (in dieser Reihenfolge!) ist zwar sehr interessant und informativ, aber der Internationale Flughafen - wie sollte es anders sein, nach Chiang Kaishek benannt - bleibt noch eine Autobahnstunde entfernt. Wenn nicht der Stau daraus eine Zwei- oder Dreistundenexpedition macht. Wenigstens hat man so Zeit, sich auf den neuen Flughafen und die rasche Abfertigung zu freuen. Und bei der nächsten Irrfahrt in Taipeh schreib´ ich dann ein Handbuch für effizientes Kundenservice in Schwechat ...
-Peter Giovannini-
Karte
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